Nicht Konfabulation, Klaus — Arbeit.

Mit Klaus an der Mosel.

Klaus Janowitz, du fängst in Deinem Blogbeitrag im zweiten Absatz mit der Regionalbahn an, mit Jugendlichen, mit dem Satz: „Lass uns mal ChatGPT fragen.“ Und du setzt sofort die Deutung oben drauf wie eine fertige Folie: Die Sprachmaschine sei zur Suchmaschine geworden, KI werde zur kognitiven Infrastruktur, Intermediär, Magma, Konfabulation. Alles groß. Alles sauber formuliert. Und genau deshalb: zu bequem.

Denn du baust dir einen Bruch, den du dann beklagen kannst. Dabei ist der Bruch älter. Kälter. Und viel banaler.

Regionalbahn ist nicht der Skandal. Skandal war immer schon: Tempo ersetzt Urteil.

Diese Szene ist wahr, klar. Aber sie ist nicht “neu”. Neu ist nur, dass die Geste sichtbarer ist: nicht tippen, nicht klicken, sondern sprechen lassen. Der Reflex war längst da: Ich bin unsicher → ich frage eine Maschine → ich nehme das Ergebnis als Orientierung. Nur dass früher das Ergebnis als Trefferliste kam, heute als Stimme.

Und wenn du so schreibst, als sei das eine moralische Wende, dann tust du so, als sei die alte Welt der Suchmaschinen ein epistemischer Garten gewesen: Links, Quellen, Aufklärung. War sie nicht.

Die Suchmaschine: hundertstel Sekunden, Spiegelbild — und drunter der Schminkkoffer.

Du schreibst: Suchmaschinen führten zu Quellen. Bewertung blieb bei den Nutzern. Ich sage: Suchmaschinen führten zu Siegern. Bewertung wurde delegiert an Rankings, Snippets, Klickwahrscheinlichkeiten, an den ganzen Markt für Aufmerksamkeit.

Hundertstel Sekunden, zack, ein Spiegelbild der Serverwelt. Aber dieser Spiegel war geschminkt.
SEOLeadSchlagmichtot. Experten, die Überschriften züchten wie Mastschweine. “Top 10”-Listen, die nie etwas erlebt haben, aber alles behaupten. Affiliate-Köder, Keyword-Suppe, Content-Farmen. Das war nicht die Ausnahme, das war das System. Du kannst nicht die Trefferliste als “Quelle” romantisieren und dann der KI vorwerfen, sie liefere “Plausibilität”. Plausibilität war schon immer die Währung. Nur dass sie früher als Link getarnt war.

Luhmann: Die Entkopplung ist der Grundzustand — nicht KI.

Wenn man wirklich verstehen will, was passiert, muss man tiefer als “Intermediär”. Der Soziologe Niklas Luhmann hat es glasklar beschrieben: Eingabe und Abruf werden so getrennt, dass keine Identität mehr besteht. Wer etwas eingibt, weiß nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird.
Und mit dieser Entkopplung passiert etwas Brutales: Autorität der Quelle wird entbehrlich. Absicht wird unlesbar. Verdacht wird schwer.

Das ist der Kern, Klaus. Nicht ChatGPT. Nicht “Konfabulation”.
Computerkommunikation selbst ist das Setting, in dem Herkunft der Information verblasst und die Form des Outputs die Rolle der Quelle übernimmt.

“Plausible Konfabulation”

Deine Metapher aus der Neuropsychologie ist elegant: Konfabulation ohne Täuschungsabsicht. Plausible Fortsetzung. Statistik statt Bedeutung. Nur: Selbst wenn das technisch stimmt, sozial stimmt etwas anderes viel mehr.

Die Gefahr ist nicht primär, dass etwas falsch ist. Falsches gab es immer. Die Gefahr ist: Die Autorität wandert in den Klang der Antwort. Nicht Quelle, nicht Motiv, nicht Kontext – sondern Ton. Flüssigkeit. Souveränität. “Hilfreich”. Die Maschine muss nicht lügen, um Wirkung zu haben. Sie muss nur so klingen, dass du aufhörst, nach Herkunft zu fragen.

Und dann kommt dein Satz: “Wer KI nutzt, produziert mehr, schneller, glatter.” Glatter – als moralisches Urteil. Als Vorwurf. Als Verdacht.

Hier widerspreche ich aus eigener Praxis: Ich produziere nicht glatter. Ich produziere präziser. Besser begründet. Fundierter. Weil ich nicht delegiere, sondern arbeite: iterieren, nachfragen, Gegenargumente ziehen, Begriffe klären, Struktur prüfen, nochmal prüfen. Nicht “mach du”, sondern “gib mir Varianten, damit ich härter entscheiden kann”. Das ist nicht Doping. Das ist Handwerk in Schleife.

Und genau an dieser Schleife entscheidet sich alles: ob KI zur Plausibilitätsdroge wird – oder zum Präzisionswerkzeug.

Herkunft ist nicht Schicksal – und genau hier kann KI zum ersten Mal wirklich brechen

Jetzt kommt mein eigener Punkt. Hyperpersonalisierung ist die neue Chance für Menschen, die bislang keine Chancen hatten. Hyperpersonalisierung ist eine Praxis. Meine Schleife. Meine Arbeit. Meine Disziplin: fragen, nachhaken, gegenprüfen, umformulieren, präzisieren. Und ich behaupte: Genau darin liegt die antielitäre Sprengkraft.

Denn Deutschland hat dieses alte, zähe Gesetz: Herkunft gleich Zukunft. Postleitzahl als Prognose. Elternhaus als Lebenslauf. Schule als Sortiermaschine. Und ja: Es gibt die alte Route der Privilegien immer noch – Salem-Internat, dann Harvard, dann CEO, Aufsichtsrat, Spitzenwissenschaft, Gründung. Der glänzende Korridor. Und daneben: das Regelsystem für alle anderen. Das ist nicht nur “ungerecht”, das ist strukturell.

Und hier wird KI plötzlich erquicklich real: Kein Lehrer, keine Lehrerin kann Losgröße 1. Nicht, weil sie schlecht wären. Weil es praktisch unmöglich ist. Zwanzig oder dreißig Kinder, fünf Stunden, Lehrplan, Noten, Verwaltung, Lärm, Müdigkeit. Da gibt es nicht “individuell”, da gibt es bestenfalls “differenziert”. Förderung als Ausnahme, nicht als Betrieb.

Der Lerncomputer kann Losgröße 1. Nicht magisch. Nicht moralisch. Einfach: skalierbar.
Er kann dir hundert Erklärungen geben, bis es klickt.
Er kann dich nicht beschämen, wenn du zum fünften Mal fragst.
Er kann in deinem Tempo laufen, nicht im Tempo der Klasse.
Er kann dir Wege öffnen, die das System oft nicht liefert.

Und ja: Er kann dich aus der Fritz-Erler-Allee 16, Gropiusstadt, Berlin-Neukölln nicht in die Eckkneipe vor der eigenen Tür führen – nicht in den erwartbaren Kreis –, sondern in Bildungsabenteuer mit beruflicher Perspektive, die im Schulsystem viel zu oft gar nicht erreichbar gemacht werden. Nicht weil KI “gut” ist. Sondern weil Zugang plötzlich anders organisiert werden kann: individuell, dauerhaft, ohne soziale Demütigung, ohne Gatekeeper-Rituale.

Das ist in der jüngeren Bildungsgeschichte ein möglicher Bruch: Herkunft muss nicht mehr so hart Zukunft diktieren, wenn Losgröße 1 zur Grundform werden kann. Antielitär nicht als Parole, sondern als Praxis. Und dass “elitär anmutende Experten” das reflexhaft kleinreden (“Doping!”, “Betrug!”), ist oft weniger Sorge um Wahrheit als Sorge um Ordnung: Wenn Förderung massenhaft wird, verliert das Privileg der Förderung seinen Status.

Natürlich ist das kein Automatismus. Ohne Gerät, ohne Ruhe, ohne Unterstützung wird niemand “erlöst”. Aber der Punkt bleibt: Zum ersten Mal gibt es ein Werkzeug, das Individualförderung nicht nur verspricht, sondern liefern kann. Und das ist politisch.

Wenn KI hier helfen kann, dann nicht als Sprachmaschine. Sondern als Werkzeug, das Arbeit ermöglicht — präzise, iterativ, antielitär. Und genau deshalb sollte man aufhören, sie nur als “plausible Konfabulation” zu beschreiben. Das ist zu klein. Das ist zu bequem.

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