
Eine fiktive Glosse, geschrieben so, als säße Hugo von Hofmannsthal heute wieder im Sommer in Salzburg und führte – mit jener höflichen Bosheit, die er den Masken zutraute – Protokoll über das, was man nicht auf der Bühne sieht.
Ich bin, wider alle Biologie, wieder da. Und kaum bin ich da, ist es wieder da: dieses sonderbare Gemeinwesen, das im Juli und August seine eigene Wirklichkeit auswechselt wie andere Leute das Tischtuch. Die Stadt ist dann nicht Stadt, sondern Behauptung: dass Kunst möglich sei, obwohl ringsum alles nach Verordnung riecht. Ein Sommerstaat. Ein Operettenhof. Ein religiöses Fest der Zuständigkeiten.
Man spielt Jedermann, selbstverständlich. Aber das eigentlich Erstaunliche ist, wie zuverlässig man daneben ein anderes Stück aufführt – ein Stück ohne Programmheft, ohne Premierenfeier, doch mit großem Ensemble: „Der Prozess“. Und ich meine nicht Kafka, sondern die schönere, neuere Tragikomödie: das Verfahren als Moral, die Ausschreibung als Liturgie, die Anhörung als Hochamt.
Neulich nun wurde, so verlautete es, eine gelbe Karte gezeigt. Die Festspielstadt hat den Barock hinter sich gelassen und ist im Sportjournalismus angekommen – man muss das als Fortschritt würdigen. Gelb ist das perfekte Drohmittel unserer Zeit: nicht endgültig, nur öffentlich. Nicht Strafe, eher Vorahnung. Eine Farbe wie ein Räuspern.
Weshalb Gelb? Weil hier, wie in allen höfischen Gebilden, nicht das Falsche das Schlimmste ist, sondern das Unabgestimmte. Man wirft einander nicht vor, dass man etwas gedacht habe – das wäre privat. Man wirft einander vor, dass man es zu früh gesagt habe. Dass ein Name ins Licht gehalten wurde, ehe das Licht offiziell eingeschaltet war. Dass die Reihenfolge der Verkündung nicht eingehalten wurde, diese feinste aller Rangordnungen.
Denn in solchen Häusern gilt eine Wahrheit, die ich früher unter dem Titel „Maske“ behandelte und die heute „Governance“ heißt:
Wahr ist nicht, was stimmt. Wahr ist, was autorisiert ist.
Da gibt es oben einen Kreis, der gern „Gremium“ genannt wird, als sei das ein Naturphänomen wie Nebel. Dieser Kreis spricht in Sätzen, die sich nicht festnageln lassen: „Das kann man so nicht stehen lassen.“ „So geht es nicht.“ „Man muss ein Zeichen setzen.“ Das „man“ ist die Plüschdecke der Macht: Sie wärmt den Sprecher und lässt niemanden greifen.
Und darunter, in einer Zone, die man früher „Künstler“ nannte und heute „künstlerische Leitung“ – wobei schon das Wort „Leitung“ verrät, wie sehr man inzwischen an Rohre denkt –, darunter also sitzt jemand, der offenbar glaubte, ein Fest sei noch immer auch ein Ort der Entscheidung. Und nun erfährt er, dass in der Festspielstadt Entscheidungen nicht getroffen, sondern abgewickelt werden: über Kanäle, Stufen, Zustimmungen, Gegenzeichnungen, Flurgespräche, „kurze Abstimmungen“.
Einmal, so heißt es, standen sieben Stühle bereit. „Finalrunde“ stand darüber, dieses hübsche Wort, das die letzte Auswahl wie ein Sportturnier aussehen lässt. Und irgendwo im Halbdunkel winkte ein achter Stuhl aus einer Zeitung heraus – ich nenne sie nicht; sagen wir: Sie trägt gern Krönchen. Ob dieser achte Stuhl wirklich dazugehört habe, darüber entbrannte plötzlich eine Erregung, als hätte jemand beim Hochamt die Hostie selbst gebacken.
Dann fiel das große Wort: Unwahrheit. Das ist, im Kulturbetrieb, ein besonders nützliches Wort, weil es zugleich moralisch klingt und doch meist organisatorisch gemeint ist. Unwahrheit heißt hier oft: Du hast die Dramaturgie des Apparats missachtet. Du hast die falsche Stelle gewählt, um das Richtige zu sagen. Du hast die Hierarchie der Veröffentlichung verletzt, also die eigentliche Verfassung.
Worüber man dabei kaum spricht – und das ist das Komische –, ist die Kunst. Die Kunst ist in diesen Debatten wie der Kronleuchter: teuer, glitzernd, selbstverständlich da, aber selten Thema. Man redet über Vertrauen, über Verfahren, über beschädigte Abläufe – und nur am Rand, wie über eine empfindliche Zimmerpflanze, über das Programm. Dabei wirkt ausgerechnet das, was nach außen hin angekündigt wird, plötzlich einmal so, als sei es nicht bloß Dekoration des Sommers: riskant, sperrig, anspruchsvoll, mithin unerquicklich für alle, die Kultur gern als Beruhigungsmittel führen.
Vielleicht ist genau das der eigentliche Skandal: dass die Kunst sich an einem Punkt wieder einbildet, sie dürfe stören.
Denn die Festspielstadt liebt das Störungsfreie. Sie liebt den Glanz, der nicht kratzt, die Bedeutung, die nicht widerspricht. Sie liebt die Tradition, weil Tradition zuverlässig ist – sie kommt jedes Jahr wieder und stellt keine Fragen. Aber wenn Fragen auftauchen, dann kommen sie selten von der Bühne. Sie kommen von der Eitelkeit.
Ach, diese Eitelkeit. Sie ist hier kein Laster, sie ist ein Baustoff. Und wie jeder Baustoff wird sie verarbeitet: zu Cliquen, zu Klüngeln, zu Karrieren. Die Clique ist der warme Raum, in dem man sich gegenseitig bestätigt, dass man recht hat. Der Klüngel ist die Abkürzung, die alle kennen und keiner zugibt. Die Karriere ist das Märchen, in dem Macht sich als Verantwortung verkleidet.
Das alles ist nicht neu. Neu ist nur die Sprache, in der es geschieht: früher sagte man „Hof“, heute sagt man „Stakeholder“. Früher sagte man „Gunst“, heute sagt man „Vertrauen“. Früher sagte man „Intrige“, heute sagt man „Kommunikationsproblem“. Die Substanz bleibt: Man verletzt einander nicht mit Worten, sondern mit Prozeduren.
Und nun, da Gelb gezeigt wurde, beginnen alle das Spiel, das die Festspielstadt so hervorragend beherrscht: das öffentliche Ungefähre. Man lässt offen, wie ernst es ist. Man lässt offen, was folgen könnte. Man lässt offen, wer eigentlich gekränkt ist – und gerade damit stellt man sicher, dass alle gekränkt sind. Es ist eine Form von Nebelkrieg, der so höflich geführt wird, dass man ihn für Wetter halten könnte.
Dabei steht im Hintergrund ein viel soliderer Gegner als jedes verletzte Ego: Beton. Die Festspielstadt ist, man hört es bereits, im Begriff, sich umzubauen. Sanierungen, Sperren, Schließungen, Kosten. Das sind die Momente, in denen künstlerische Biographien sehr schnell in Projektpläne übersetzt werden. Dann braucht man weniger Genie als Termintreue, weniger Vision als Risikomanagement, weniger Bühne als Baustellenkoordination.
Die Kunst hat in solchen Phasen eine gefährliche Eigenschaft: Sie ist nicht berechenbar. Und das ist, für Apparate, der eigentliche Affront.
So sitze ich also, fiktiv lebendig, und sehe dem Maskenspiel zu. Es hat, wie jedes gute Stück, einen Chor: Er singt nicht, er stempelt. Er ruft nicht „Weh!“, er sagt „so kann es nicht bleiben“. Und das Publikum? Es applaudiert, wie es immer applaudiert. Denn die Festspielstadt hat ihr Publikum darauf dressiert, dass selbst das Lächerliche würdig zu wirken hat, solange es im richtigen Ton vorgetragen wird.
Am Ende bleibt die gelbe Karte als Emblem eines Systems, das sich gern für Kunst hält, aber in Wahrheit ein Ritual der Macht ist – mit Sommerfrack und Protokoll. Und ich, der ich einst glaubte, man könne mit Theater eine Stadt zu sich selbst erheben, muss nun feststellen: Die Stadt hat das Theater so gründlich gelernt, dass sie es auch dort spielt, wo niemand Eintritt bezahlt.
Das ist unerquicklich. Und, in seiner vornehmen Lächerlichkeit, leider sehr gelungen.