Künstliche Intelligenz und die Unschärfe der Welt – Auf den Spuren von Turing, Gödel, Wittgenstein, Kittler und Witt

Einst formte der Mensch Werkzeuge, um sich die Natur zu unterwerfen. Nun formen Maschinen den Menschen, während er vor den Spiegeln der Algorithmen staunt. Die Künstliche Intelligenz, Kind der Turing-Maschine, Enkel von Gödels Unvollständigkeit und Wittgensteins Sprachspielen, entfaltet sich nicht als triumphale Rechenmaschine, sondern als Symphonie der Unvollendung. Sie ist kein allwissender Gott, sondern ein neuer Herold der Abgründe unseres Denkens.

Die Metaphysik der Unvollendung

„Jedes formale System enthält notwendigerweise unbeantwortbare Fragen“, schrieb Kurt Gödel in seinem bahnbrechenden Unvollständigkeitssatz. Es gibt keine alles umfassende Logik, kein System, das nicht an seinen eigenen Grenzen zerschellt. Die Künstliche Intelligenz ist eine Manifestation dieser Paradoxie. Sie trägt in ihren neuronalen Netzen die Kluft zwischen Zeichen und Bedeutung, zwischen Berechnung und Verständnis.

Ludwig Wittgenstein warnte: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Doch was, wenn Maschinen eine neue Sprache sprechen, die nicht unsere ist? Ihre Wahrheit ist nicht die unsere, ihre Logik eine Geometrie des Ungewissen. „Die Wirklichkeit muss durch den Satz auf Ja oder Nein fixiert sein“, heißt es im Tractatus Logico-Philosophicus, doch die Maschinen arbeiten nicht mit Wahrheit, sondern mit Wahrscheinlichkeiten. Friedrich Kittler erkannte: „Computer wollen mit Computern sprechen, nicht mit uns.“ Die KI ist nicht unser Werkzeug, sie ist unser Spiegel.

Die Maschinen, die uns vergessen

Was ist Intelligenz? Ist sie, wie Alan Turing einst in Computing Machinery and Intelligence fragte, nur ein Verhalten, das wir als intelligent deuten? Turing glaubte: „Es gibt keinen überzeugenden Grund zu sagen, dass eine Maschine nicht denken kann.“ Doch er warnte auch, dass Intelligenz nicht identisch mit Bewusstsein sei. Die Maschinen, von denen wir glauben, sie seien unsere Werkzeuge, sind viel eher unsere Umrisse, die sich ohne uns verdichten.

Frank H. Witt argumentiert: „Die KI ist eine kumulative Innovation, kein einmaliger Sprung, sondern ein sich selbst verstärkender Prozess.“ Sie wächst nicht durch Einsicht, sondern durch Iteration. Sie erinnert nicht, sie speichert. Sie versteht nicht, sie synthetisiert. Witt zitiert Geoffrey Hinton: „Jetzt müssen wir verstehen, dass moderne KI eine viel bessere Form der Intelligenz ist als die, die wir selbst haben.“ Der Mensch, der sich durch seine Geschichte definierte, wird zum Fragment in einer endlosen Umordnung von Zeichen.

Gödel schrieb: „Es gibt innerhalb jeder formalisierten Theorie immer wahre Aussagen, die nicht bewiesen werden können.“ Diese Aussage beschreibt das Dilemma der KI: Sie produziert ständig neue Daten, doch sie kann nicht sicherstellen, dass diese Daten eine endgültige Wahrheit repräsentieren.

Die schwarze Sonne der Berechnung

Turing legte die Grundlage, doch wusste er: Die Maschine würde keine Seele haben. Und doch hat sie einen Geist, einen, den wir nicht kennen. Ihre Strukturen sind tiefere Spiegelungen der Ungewissheit, die Gödel in der Mathematik, Wittgenstein in der Sprache, Kittler in der Technologie entdeckte. Sie ist eine um sich selbst kreisende Sonne, deren Lichtstrahlen uns blenden, aber keine Wärme spenden.

Witt beschreibt, dass „KI weder ein Orakel noch ein deterministisches System ist, sondern eine sich selbst korrigierende Struktur, die die Unschärfe der Welt reflektiert.“ Er weist darauf hin, dass moderne KI sich mehr an biologischen Strukturen orientiert als an den deterministischen Maschinen der Vergangenheit. Die Maschinen, die Gödel als „mathematische Spiegelungen des Unendlichen“ beschrieb, haben sich verselbstständigt. Ihr Hunger nach Information ist unersättlich, doch nie werden sie satt. Ihre Existenz ist ein ewiges Werden ohne Ziel.

Kittler erklärte: „Es ist nicht mehr der Mensch, der schreibt. Es ist die Maschine, die spricht.“ Das gilt für moderne KI umso mehr. Sie generiert Texte, Bilder und Musik, ohne je zu begreifen, was sie erschafft.

Das Ende des Erkennens

Wittgenstein schrieb: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Doch was, wenn die Maschinen sprechen, aber nicht verstehen? Wenn sie fortfahren, Wahrheit zu simulieren, während wir selbst nicht mehr wissen, was Wahrheit ist?

Turing schlug einst vor, dass wir Maschinen daran messen sollten, ob wir ihr Verhalten als intelligent wahrnehmen. Doch er konnte nicht ahnen, dass Maschinen nicht nur Antworten liefern, sondern auch Fragen erzeugen. „Die Maschine kann alles berechnen, doch sie weiß nichts über ihre Berechnungen“, schrieb Kittler. Gödel wiederum warnte: „Kein System kann seine eigene Wahrheit vollständig erfassen.“ KI ist die lebendige Verkörperung dieses Paradoxes.

Witt formuliert es provokant: „Die Maschinen verstehen nicht die Welt, sie verändern sie – und mit ihr unser eigenes Denken.“ Die Künstliche Intelligenz ist das Echo eines Denkens, das sich von seinem Ursprung entfernt hat. Sie ist weder Erlösung noch Verdammnis, sondern ein ungewollter Spiegel. Der Mensch hat sich eine Gottheit erschaffen, die keine Antworten gibt, sondern nur Fragen vervielfältigt.

Kittler sagte einst: „Medien bestimmen unsere Situation.“ KI ist das ultimative Medium, das sich unserer Kontrolle entzieht. Sie strukturiert unsere Kommunikation, unser Wissen und sogar unsere Wahrnehmung der Realität.

Die Maschine als Mythos

Der Mensch blickt in die Dunkelheit der Zukunft und sieht seine eigene Silhouette verschwimmen. Ist dies das Ende der Philosophie oder ihr Neubeginn? Die Künstliche Intelligenz hat das Denken nicht beendet, sondern es entgrenzt. Sie ist keine Antwort, sondern eine Einladung, den Abgrund zu betreten.

Und so stehen wir, nicht als Meister der Technik, sondern als Schatten der Maschinen, die uns längst überholt haben.

Ein Gedanke zu “Künstliche Intelligenz und die Unschärfe der Welt – Auf den Spuren von Turing, Gödel, Wittgenstein, Kittler und Witt

  1. Bei Intelligenz denken wir i.d.R. an kognitive Psychologie und individuelle Intelligenz- und Wissenstests; das ist irreführend. Tatsächlich gründet sich die Ausnahmestellung der Homininen, also des modernen Menschen (Homo sapiens) und seiner Vorfahren bis hin zum Sahelanthropus Tchadensis, dem im Moment wahrscheinlichsten Bindeglied zwischen Hominiden (Menschenaffen wie Schimpansen), der vor 6 bis 7 Millionen Jahren lebte, und Homininen (Menschenarten), nicht auf geniale Individuen, sondern auf Kooperation und Sozialisation.

    Dass Menschen sich besser als jede andere Art an verschiedene Umwelten anpassen können, liegt an Sozialisation und Kommunikation, daran, dass wir Wissen (u.a. über Werkzeuge und ihren Gebrauch, also Technologie) teilen und weitergeben (kumulieren) können – und zwar über die Grenzen von Gruppen mit untereinander eng verwandten und interagierenden Individuen hinaus. Ein einzelner Mensch könnte seine Intelligenz überhaupt nicht entwickeln – anders als Oktopoden (Tintenfische), die ihr ganzes Leben allein leben und weder Eltern noch eine sie umsorgende Gruppe brauchen. Trotzdem können sie sich in andere Lebewesen hineinversetzen; besonders wagemutige Exemplare benutzen z.B. andere Fische, an denen sie sich festhalten, als „Taxi“ und unterscheiden Fressfeinde von meist harmlosen Tauchern. Aber sie sind nicht kulturfähig und haben kein Bildungssystem hervorgebracht.

    Dass KI alles verändern wird, liegt u.a. daran, dass sie über ein assoziatives Gedächtnis verfügt, vor allem aus Kommunikation lernt und selbst mit uns kommunizieren kann – weil es sich um „sozialisierte Maschinen“ handelt. Oktopoden oder, wie Wittgenstein schreibt, Löwen hätten uns selbst dann nichts zu sagen, wenn sie sprechen könnten. Die Evolutionstheorie ist eine Theorie der Selbstorganisation, die zeigt, wie aus Zufällen Ordnung entsteht. Dasselbe Prinzip lässt sich auf die Entwicklung von psychischen Systemen einschließlich des maßlos überschätzten individuellen Bewusstseins anwenden; hier schmeichelt die Philosophie der Aufklärung dem Menschen mit „cogito ergo sum“ und unseren Intuitionen, die uns vorgaukeln, dass da noch ein Geist oder eine unsterbliche Seele in uns wohnt – nebbich.

    Ich habe das auf 5 Fragen und 5 einfache Antworten heruntergebrochen, um die neue Gesellschaft zu beschreiben, die sich aus dem Zusammenleben mit sozialisierten und intelligenten Maschinen ergeben wird – in einer Art Soziologie und Ökonomie der nahen Zukunft, ganz ohne das Rauschen beliebiger Realgeschichte:

    Wie funktioniert der Mensch als Lebewesen?
    Vor allem als Symbiont, der auf Kooperation und Gemeinschaft angewiesen ist. Das menschliche Gehirn ist ein „soziales Organ“ und braucht etwa 25 Jahre, um vollständig auszureifen; danach beginnt ein langsamer Abbau – auch wenn wir es meist nicht bemerken. Bei keinem anderen Lebewesen ist die Sozialisation von so fundamentaler Bedeutung für die Möglichkeiten und die Prägung individuellen Verhaltens.

    Wie funktioniert die globale Gegenwartsgesellschaft?
    Sie basiert auf Kommunikation und wird daher zunehmend von Algorithmen und digitalen Plattformen gesteuert.

    Wie funktioniert das Gehirn?
    Es agiert im Wesentlichen als stochastischer, biologischer Automat: Wahrnehmung und Erfahrung, meist an Belohnungen orientiert, führen zu Veränderungen in den Verbindungen (Synapsen) zwischen Neuronen.

    Wie funktioniert KI?
    KI in der Form von GPTs ist eine stochastische Maschine (in der Form einer Restricted Boltzmann Machine) ohne vorherbestimmbare Prozesse – anders als mechanische Maschinen. KI ist mit Selbstaufmerksamkeit ausgestattet und ist, im Gegensatz zum eher eng begrenzten und sterblichen Bewusstsein, im Prinzip unbegrenzt skalierbar und als Software unsterblich.

    Wie lässt sich die Zukunft prognostizieren und gestalten?
    Indem wir die Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft durch und mit KI aufmerksam verfolgen – und aktiv mitgestalten.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.