
Einmal, auf der re:publica 2022, trat ein Mann namens Philipp Hoffmann vor ein Berliner Publikum, das nicht wusste, was es gleich erwarten sollte – und vermutlich auch nicht, warum es sich dafür interessieren sollte. Der damalige Leiter des Bonner Stadtmuseums erklärte mit bebender Stimme und bedeutungsvoller Miene, was Kultur von morgen sei: Mitbestimmung! Dialog! Digitalität! Die Zukunft des Museumswesens lag fortan nicht mehr im Exponat, sondern im Prozess. Inhalte? Erst mal zweitrangig. Bürgerbeteiligung war das neue Kuratieren, und das Stadtmuseum war ab sofort nicht mehr ein Ort des Zeigens, sondern ein Aggregatzustand: offen, schillernd, flüchtig.
Drei Jahre später ist von Hoffmann nur noch ein digitales Fußnotenflimmern übrig. Auch seine Nachfolgerin, mit ähnlich ambitionierten Ankündigungen gestartet, ist bereits Geschichte. Das Bonner Stadtmuseum gleicht mittlerweile dem Trainerkarussell des 1. FC Köln: ständige Wechsel, wenig Substanz, große Verheißungen – und die Liga verliert man trotzdem. Seit Anfang 2025 soll nun der Historiker Florian Pauls das Ruder übernehmen. Ob er es schafft, das Schiff aus dem Depot zu lotsen, bleibt offen. Denn das Museum ist zur Dauerbaustelle mutiert. Genauer gesagt: zur Kiste.
Denn Bonn, die Stadt, die Beethoven hat, Eichhoff nicht will und das Wort Übergangslösung wie ein Mantra pflegt, hat ihr Stadtmuseum schlicht eingepackt. Wörtlich. Nach dem Auszug aus der Franziskanerstraße lebt die Bonner Geschichte nun im Archiv. Der Ort der Bürgerbeteiligung ist die Lagerhalle.
Und was war das für ein Kontrast zur Ära Ingrid Bodsch. Ihre Ausstellungen waren Ereignisse – voller Quellen, Kontexte und kulturhistorischer Tiefenschärfe. Ob Bonns goldenes Zeitalter im Ernst-Moritz-Arndt-Haus, Robert Schumann in Endenich oder die sorgfältig recherchierte Würdigung von Johann Joseph Eichhoff, jenem Beethoven-Zeitgenossen und ersten Bürgermeisters Bonns unter Napoleon: Bodsch wusste, was es heißt, ein Museum nicht nur zu verwalten, sondern geistig zu führen. Als Patrick Bahners in der FAZ ihre Beethoven-Ausstellung als kulturhistorisches Opus ultimum pries, nannte er sie mit Recht fleißig – „im Fleiß dem Titanen ebenbürtig“.
Dagegen der Auftritt Hoffmanns 2022: Beteiligung, ja. Inhalte, nein. Man feierte das „neue Stadtmuseum“ als Möglichkeitsraum, als Plattform, als offenes Interface. Doch die sogenannte Beteiligungskultur, die man auf der re:publica wie ein modisches Accessoire präsentierte, fand nie wirklich statt. Sie fand im Niemandsland zwischen Heliumballon und Lastenfahrrad statt, zwischen App-Idee und Sound-Schnipsel – aber sicher nicht im geistigen Raum der Stadt.
Die Zivilgesellschaft, von der so wortreich die Rede war, war in Wahrheit ein rhetorischer Phantomkörper: ein Begriff, der alle meinen soll und damit keinen trifft. Wer „die Bürgerschaft“ sagt, meint meistens nicht ihre Stimmen, sondern ihr Schweigen. Und so durften die Bürgerinnen und Bürger in Bonn erzählen, wo sie mal Genscher gesehen hatten, oder Karten mit Erinnerungen an Supermarktkassen aufhängen – während die ikonischeren Zeugnisse der Stadtgeschichte im Magazin verschwanden. Geschichte wurde ersetzt durch Stimmung, Sammlung durch Simulation.
Das Porträt Eichhoffs? Abgelehnt – Platzgründe. Die Bibliothek des Stadtgedächtnisses? Eingeklappt – Übergangslösung. Die Inhalte? Offen – also leer.
Die Leerstelle, die Ingrid Bodsch hinterlässt, ist messbar – in abgebrochenen Ausstellungen, depothaftem Stillstand und einem kuratorischen Vakuum. Die Beteiligung mag gut gemeint gewesen sein – sie ersetzt keine intellektuelle Programmatik. Wenn alles möglich ist, ist nichts notwendig. Und so schwebt das Bonner Stadtmuseum, neu „gedacht“ und vielfach verschoben, nun wie ein Ballon voller Erwartungen über dem Stadtraum – ohne Richtung, ohne Erdung, ohne Adresse.
Würde man Ingrid Bodsch fragen, sie würde vermutlich schweigen – und ihre Antwort in einem sorgsam komponierten Ausstellungskatalog formulieren, mit Faksimile, Kontext und Kommentar. Es wäre ein Band zum Aufheben. Ein Museum zum Verstehen.
Vielleicht ist es das, was Bonn braucht: weniger Feedbackrunden, mehr Fakten. Weniger digitale Nebelkerzen, mehr historische Substanz. Und vor allem: wieder ein Stadtmuseum, das nicht so tut, als beginne Geschichte erst beim Öffnen des Meinungsportals „Bonn macht mit“.
Im anstehenden Wahlkampf um den OB-Posten im Rathaus sollten wir auch über Kulturpolitik reden. Weiteren Stillstand sollten wir in Bonn nicht zulassen.