
Von Gehlen erwartet dabei nicht nur Vorträge, sondern ein Format, das Austausch und Praxis zusammenführt. Für seine Arbeit am SZ-Institut beschreibt er das als Prinzip von „Raum und Bühne“: ein geschützter Raum, um Gedanken zu entwickeln – und eine Bühne, um sie in neue Diskussionen und Zielgruppen zu überführen. Genau das solle die Zukunftswerkstatt leisten. Wer Digitalisierung, KI und Cybersicherheit verstehen wolle, brauche beides: Anwendung und Perspektive. Weil viele diese Themen mit „Sorge“, „Verpflichtung“ oder „schlechtem Gewissen“ verbinden, könne ein solches Format helfen, KI als „Gestaltungsraum“ zu erleben – nicht als Pflichtübung.
Internationales Highlight: Lettlands Justizministerin im Talk mit von Gehlen
Einen besonderen Akzent setzt die Zukunftswerkstatt mit einem internationalen Gespräch: Als Highlight kündigt KOMI eine Talk-Session mit Dr. Inese Lībiņa-Egnere, Justizministerin der Republik Lettland, an – im Gespräch mit Dirk von Gehlen.
KOMI verweist auf Lettlands Ruf als konsequent digitalisierter Staat: E-Government, sichere Verwaltungsprozesse und Datenschutz gelten dort als international beachtete Referenz – technologisch wie organisatorisch. Im Talk soll es deshalb um zentrale Fragen gehen: digitale Staatlichkeit und Vertrauen, Datenschutz als strategischer Standortfaktor, rechtliche Rahmenbedingungen für Innovation, verantwortungsvoller Umgang mit KI sowie die Verbindung von Technologie, Sicherheit und gesellschaftlicher Verantwortung. Ziel ist ein Perspektivwechsel – von der nationalen Digitalstrategie hin zu Impulsen, die Unternehmen und Entscheider in Deutschland praktisch nutzen können.
KI entdramatisieren – und „ins Doing kommen“
Im Smarter-Service-Interview plädiert von Gehlen für eine nüchterne, anwendungsorientierte Sicht: KI solle nicht als „übermächtige neue Kraft“ verstanden werden, sondern als Werkzeug, das man gestalten lernt. Entscheidend sei „Anwendungsintelligenz“ – also die Fähigkeit, Werkzeuge richtig einzusetzen. Gegen internationale Hype-Kommunikation setzt er Pragmatismus: Man müsse „ins Doing kommen“ und fragen, was sich mit Sprachmodellen konkret besser machen lasse – etwa um Arbeit zu erleichtern oder Raum für Kreativität zu schaffen.
KI als Sparringspartner – Popper als Methode
Auffällig ist, wie stark von Gehlen das Thema Denken betont. Die große Aufgabe sei, „denken zu lernen“ – persönlich, aber auch als Branche. Dazu passe die Idee der KI als Sparringspartner: Man könne ein Sprachmodell nutzen, um die eigenen Positionen herauszufordern, indem man sich „die Argumente der Gegenseite“ geben lasse. Der Gewinn liege darin, Streit aus dem menschlichen Schlagabtausch zu lösen und in einen Reflexionsraum zu überführen.
Damit landet das Gespräch bei Karl Popper und dem kritischen Rationalismus: Wissen entstehe nicht durch Bestätigung, sondern durch Widerlegung; Wahrheiten gelten nur so lange, bis das Gegenteil bewiesen ist. Von Gehlen beschreibt diesen Prozess mit einer sprachlichen Pointe: Man sei nicht im Besitz der Wahrheit, sondern „am Wahrheiten“.
Informationsfreiheit als Bedingung der Meinungsfreiheit
Von dort führt er die Argumentation in die politische Gegenwart. In „algorithmischen Öffentlichkeiten“ sei es oft nicht mehr der Fall, dass Menschen selbst bestimmen, welche Informationen sie erreichen. Deshalb sein Satz: Meinungsfreiheit funktioniere nur mit Informationsfreiheit – also mit der Möglichkeit, sich frei zu informieren und die eigene Aufmerksamkeit nicht dauerhaft durch Plattformlogiken steuern zu lassen. Neben Regulierung brauche es zudem Stärkung der Menschen: Demokratiebildung höre nicht nach der Schule auf; sie müsse als Kompetenz erhalten bleiben, gegenteilige Perspektiven zuzulassen.
Das Privileg, die Meinung zu ändern – und der Blick auf Autokratien
Als Kern freiheitlich-demokratischer Gesellschaften bezeichnet von Gehlen ein Recht, das oft unterschätzt werde: die eigene Meinung ändern zu dürfen. In Autokratien sei genau das gefährlich – wer sich öffentlich vom Kurs des Machthabers abwendet, riskiere Repression. Demokratie bedeute daher nicht nur, seine Meinung äußern zu dürfen, sondern sie auch korrigieren zu können.
Tocotronic als Soundtrack des Zweifelns
Am Ende wird es kulturpolitisch: Von Gehlen bekennt sich als Tocotronic-Fan und nennt „Die Geschichte, wie ich mir selbst entkam“ als Spiegel für seine KI-Erfahrungen als Kreativer. Als Motto für die Gegenwart passt eine Zeile, die im Gespräch mitschwingt: „Im Zweifel für den Zweifel, das Zaudern und den Zorn.“ Bei von Gehlen ist das weniger Pop-Zitat als Haltung: Zweifel als Methode – und als Gegenmittel gegen die Endgültigkeiten der Timeline. Am 5. Februar sollte man Stuttgart dabei sein.