Henning Scheich (1942–2025): Der leise Widerspruch gegen die neuronale Effekthascherei – Ein Nachruf

Am 30. Mai 2025 ist Prof. Dr. Henning Scheich im Alter von 83 Jahren in Samswegen verstorben. Die Nachricht erreichte mich mit Verzögerung – was in gewisser Weise typisch ist für das wissenschaftliche Wirken dieses Neurobiologen: Er war kein Mann der Schlagzeilen, kein Lautsprecher seiner Disziplin, sondern ein ruhiger Denker, der lieber analysierte als agitierte.

Und doch bleibt sein Werk, seine Skepsis, sein Widerspruch – gegen die allgegenwärtige Verflachung neurowissenschaftlicher Erkenntnisse in Werbung, Bildung und Management.

Ich hatte die Gelegenheit, Henning Scheich in einem ausführlichen Interview zu sprechen – über Superlernen, über die Rattenfänger der Neuroökonomie und über die populäre, aber wissenschaftlich fragwürdige Praxis des sogenannten Gehirnjogging. Der rote Faden seines Denkens war dabei immer die Rückbesinnung auf solide empirische Grundlagen – auf klassische wie instrumentelle Konditionierungsmechanismen, auf Belohnung, Gedächtniskonsolidierung und die Rolle von Dopamin.

„Vertrauen ist ein Hirnzustand“, sagte Scheich – nicht im Sinne naiver Optimierung, sondern als Resultat mehrfach erlebter, positiver Rückkopplung. Vertrauen entsteht nicht durch Bildreize oder Suggestion, sondern durch Erfahrung, Irrtum und Bestätigung.

Diese Haltung zog sich durch seine gesamte Forschung. In Magdeburg, wo er ab 1992 als Gründungsdirektor das Leibniz-Institut für Neurobiologie (LIN) aufbaute, etablierte er mit ruhiger Konsequenz einen Gegenentwurf zur Modenforschung. Anstatt neue Buzzwords zu hypen, widmete er sich grundlegenden Fragen: Wie verarbeitet das Gehirn akustische Informationen? Wie lernen wir unter realen Bedingungen? Wie lässt sich das Belohnungssystem erklären, ohne es zur Wunschmaschine umzudeuten?

In unserem Gespräch formulierte Scheich seine Kritik an der Neuroökonomie mit entwaffnender Nüchternheit:

„Nur weil ein Areal im Gehirn aufleuchtet, bedeutet das noch lange nichts. Große Aktivierung ist oft ein Zeichen für Unsicherheit. Der Profi arbeitet effizient – mit geringer, fokussierter Aktivität.“

Er warnte vor dem Missbrauch bildgebender Verfahren als rhetorisches Instrument. Das, was in PowerPoint-Folien als kognitives Feuerwerk verkauft wird, sei häufig Ausdruck mangelnder Konsolidierung, nicht von Lernerfolg. Und auch die Versprechen des Gehirnjogging wies er zurück: Wenn man nachweisen will, dass eine Übung „wirkt“, indem sie möglichst viel Aktivität erzeugt, verkenne man den Unterschied zwischen Erregung und Exzellenz.

Lernen, so Scheich, sei ein Prozess des Umbauens – langsam, anfällig, von Pausen und Fehlern begleitet. Sein Modell des „Superlernens“ – eine fein abgestimmte Kombination aus Belohnung und Bestrafung bei positiver Bilanz – zielte nicht auf Performance, sondern auf Stabilität. Was das Gehirn speichert, sei nie beliebig, sondern immer selektiv: emotional aufgeladene Ereignisse, sinnhaft verknüpfte Informationen, rhythmisch strukturierte Wiederholungen.

„Ohne Pausen“, sagte er, „wissen die Neuronen nicht mehr, was sie speichern sollen.“

Henning Scheichs wissenschaftliche Laufbahn umfasste Stationen am Max-Planck-Institut für Psychiatrie, an der University of California in San Diego, der TU Darmstadt sowie in Forschungseinrichtungen auf mehreren Kontinenten. Er entdeckte unter anderem den elektrischen Sinn des Schnabeltiers und erforschte das akustische Verhalten von Vögeln und Fischen – mit einem stets interdisziplinären, biologisch fundierten Ansatz.

Als Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Vizepräsident der Leibniz-Gemeinschaft und Träger des Verdienstordens des Landes Sachsen-Anhalt war Scheich nicht nur ein international anerkannter Forscher, sondern auch ein Wissenschaftsorganisator, der institutionellen Aufbau mit inhaltlicher Tiefe verband.

Sein Tod mag öffentlich kaum Wellen geschlagen haben – in der Wissenschaft hinterlässt er eine Lücke. Er war ein Forscher, der sich nicht verführen ließ. Ein Lehrer, der Differenzierung statt Verkürzung betrieb. Und ein Gesprächspartner, der Widerspruch nicht mied, sondern kultivierte.

Was bleibt? Ein kluges Misstrauen gegenüber dem, was sich zu schnell als Wahrheit ausgibt. Und die Einsicht:

Wenn die Birne leuchtet, lernen wir nicht besser.

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3 Gedanken zu “Henning Scheich (1942–2025): Der leise Widerspruch gegen die neuronale Effekthascherei – Ein Nachruf

  1. Trotz vieler herausragender Neurobiolog:innen im deutschsprachigen Raum kam es kaum je zu relevanter Forschung an der Schnittstelle von Neurobiologie und Künstlicher Intelligenz. Das liegt nicht an Persönlichkeiten wie Henning Scheich, sondern an der disziplinär organisierten Forschungslandschaft in D, A und CH – inter- und transdisziplinäre Kooperationen sind dort eher die Ausnahme. In China hingegen arbeiten Neurobiolog:innen, Mathematiker:innen und Informatiker:innen selbstverständlich gemeinsam an KI-Systemen. Die dominante klassische Informatik in Deutschland wirkt oft eher hinderlich, wenn es um das funktionale Verständnis intelligenter Systeme geht.

    Die Kritik an Neuroökonomie oder am trivialen Neuro-Marketing ist berechtigt – doch Forschern wie Ernst Fehr gebührt das Verdienst, empirisch gezeigt zu haben, dass mikroökonomische Modelle menschlichen Verhaltens kaum erklären können. Das Individuum ist eben keine isolierte Entscheidungseinheit. Vertrauen und Verhalten entstehen in Interaktion – als Ergebnis sozialer Lernprozesse. Ich bin sicher: Der Artikel legt das ja elegant mehr als nahe, auch Henning Scheich hätte das unterschrieben.

  2. gsohn

    Ich stimme der Analyse zur disziplinären Enge im deutschsprachigen Wissenschaftssystem voll zu. Gerade bei der Erforschung von Lernprozessen, Belohnungsmechanismen oder der Rolle von Dopamin in der Wissensaneignung fehlt oft die Brücke zwischen Neurobiologie und der Entwicklung KI-gestützter Lernumgebungen. Was im Labor über Jahrzehnte erforscht wurde, bleibt in der Gestaltung digitaler Lernarchitekturen vielfach ungenutzt.

    Henning Scheich war ein Forscher, der interdisziplinäres Denken lebte – auch wenn die institutionellen Rahmenbedingungen oft dagegenstanden. Seine Perspektive auf Lernen als biologisch verankerte, individuell motivierte Erfahrung hätte viel beizutragen in aktuellen KI-Debatten: Wenn wir heute von „personalisiertem Lernen“ sprechen, müssten wir eigentlich über neurofunktionale Plausibilität diskutieren – nicht nur über UX-Design.

    Und ja: Auch die Kritik an neuroökonomischen Modellen ist wichtig. Aber sie darf nicht zum Generalverdacht gegenüber allen Neurowissenschaften führen. Vertrauen, Lernen, Verhalten – das alles entsteht in sozialen, emotionalen und kognitiven Feedbackschleifen. Hier liegt eine offene Baustelle für die nächsten Jahre: Wie können wir auf dieser Basis KI-Systeme entwickeln, die Menschen nicht bloß „optimieren“, sondern verstehen?

    Ich glaube, das wäre ganz im Sinne von Henning Scheich gewesen.

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