
In der deutschen Schulwirklichkeit und auch in der Berufsberatung gibt es keine Entrepreneure. Es gibt Beamtinnen und Beamte und angestellte Beschäftigung. Was es nicht gibt: Gründer und Gründerinnen. Wer den aktuellen Gründungsmonitor der KfW liest, erkennt schnell: Der fehlende Gründergeist in Deutschland ist kein Zufall – er ist Ergebnis eines strukturellen Desinteresses, das tief im Bildungssystem verankert ist.
„In deutschen Lehrbüchern zur Gesellschaftskunde oder Wirtschaft gibt es einen gewissen Bias“, erklärt Dr. Dirk Schumacher, Chefvolkswirt der KfW. „Wir betonen die Risiken, die Umverteilung, den Kuchen, den es zu verteilen gilt – nicht die Dynamik, nicht die Chancen.“
Die Zahlen belegen diesen Befund eindrucksvoll. Zwar ist die Zahl der Existenzgründungen 2024 auf 585.000 gestiegen – ein Zuwachs von drei Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Doch diese leichte Erholung ist vor allem auf Nebenerwerbsgründungen zurückzuführen. Im Vollerwerb stagniert die Gründungstätigkeit, viele Gründungen sind vorübergehende Versuche, Nebenverdienste oder Übergangslösungen.

Ein Land der Bedenkenträger
Deutschland ist auf dem Weg, die Gründungsdynamik zu verlieren – dauerhaft. Seit Beginn des Jahrtausends zeigt sich ein deutlicher Rückgang der Gründungstätigkeit, die seit 2018 in einem fragilen Seitwärtstrend verharrt. Besonders auffällig: Immer weniger Ältere gründen. Der Anteil der 50- bis 65-Jährigen liegt bei nur noch 12 Prozent – ein historischer Tiefstand. Auch die 40- bis 49-Jährigen sind mit 16 Prozent unterrepräsentiert. Gewinner dieser Entwicklung sind ausgerechnet die Jüngsten: 39 Prozent der Gründerinnen und Gründer sind zwischen 18 und 29 Jahre alt – ein Höchstwert.
Doch aus dieser Verjüngung folgt kein nachhaltiger Trend. Denn der Wunsch nach Selbstständigkeit bleibt auf niedrigem Niveau. Laut Monitor bevorzugen nur 36 Prozent der unter 30-Jährigen die Selbstständigkeit gegenüber einer Anstellung – von einem Gründerboom kann keine Rede sein. Die Ursachen reichen tief: In der Berufsberatung beginnt der Fokus auf sichere Erwerbsarbeit. Hochschulen und Schulen vermitteln kaum unternehmerisches Denken. Entrepreneurship bleibt ein Fremdwort im Bildungskanon.
Risiken überall – Chancen nirgends
Eine zentrale Erkenntnis des Gründungsmonitors: Angst ist der wichtigste Abbruchgrund. Nicht etwa Bürokratie – die zwar als Hemmnis empfunden, aber seltener als tatsächlicher Abbruchgrund genannt wird – sondern finanzielle Unsicherheit und fehlendes Vertrauen in das eigene Vorhaben. Ein Drittel der Gründungen wird innerhalb von drei Jahren wieder aufgegeben. Nur 61 Prozent sind nach fünf Jahren noch aktiv.
75 Prozent der Gründerinnen und Gründer finanzieren ihr Vorhaben ausschließlich mit Eigenmitteln – ein neuer Rekordwert. Der Anteil der Gründungen mit weniger als 5.000 Euro Startkapital ist auf 56 Prozent gefallen. Vor allem digitale Geschäftsmodelle dominieren, was den geringen Kapitalbedarf erklärt. Doch dieser Trend hat eine Kehrseite: Viele Gründungen bleiben klein, oft ohne Wachstumsambition. Start-ups im klassischen Sinn – innovativ, wachstumsorientiert, risikofreudig – sind die Ausnahme.
Strukturelle Trägheit: Wer übernimmt den Mittelstand?
Besonders alarmierend: Nur zehn Prozent der Gründungen erfolgen durch Übernahme bestehender Unternehmen. Die Nachfolgelücke im Mittelstand wächst – trotz des demografischen Wandels, trotz tausender übergabewilliger Unternehmer. Statt bestehende Strukturen zu übernehmen und weiterzuentwickeln, wird lieber neu gegründet. Doch auch hier fehlt oft der unternehmerische Elan. 28 Prozent der Gründerinnen – mehr als doppelt so viele wie bei Männern – sehen ihre Selbstständigkeit als vorübergehende Episode.
Gleichzeitig steigt der Anteil digitaler Gründungen auf 36 Prozent – ein Rekordwert. Der Strukturwandel ist da, aber er entfaltet keine gesamtwirtschaftliche Kraft. Die Gründungen sind zu fragmentiert, zu klein, zu vorsichtig. Die Dynamik bleibt aus.
Kulturfrage und Curriculumsfrage
Was also tun? Die KfW macht Vorschläge: mehr finanzielle Bildung, mehr Vertrauen in die eigene Idee, weniger Übergangshürden vom Nebenerwerb in den Vollerwerb. Doch der eigentliche Hebel liegt tiefer – im kulturellen Fundament. Dr. Schumacher bringt es auf den Punkt: „Die Idee, sich selbstständig zu machen, muss als etwas Erstrebenswertes erscheinen.“ Und das beginnt, so banal es klingt, im Schulbuch.
Solange die Selbstständigkeit als Sonderweg erscheint, nicht als ökonomische Option, bleibt der Gründergeist ein Randphänomen. Solange im Unterricht von Umverteilung statt von Innovation die Rede ist, wird der Kuchen zwar verteilt – aber nicht gebacken. Dabei liegt die Bedeutung der Gründungstätigkeit auf der Hand. Jeder Mittelständler, jede industrielle Erfolgsgeschichte beginnt mit dem Akt der Selbstständigkeit. „Jedes erfolgreiche Unternehmen wurde irgendwann mal gegründet“, sagt der KfW-Chefvolkswirt. Doch eben dieser Anfang – das eigentliche Wagnis, das Aufbrechen ins Offene – wird in der deutschen Gesellschaft nicht als Möglichkeit gedacht, sondern als Risiko gemieden.