#Globalia goes #Regionalia – Warum uns die Regionen stark machen @Bundeskanzler @HermannSimon @WinfriedFelser

Manchmal braucht es nur eine saubere Verschiebung der Perspektive, damit ein ganzes Narrativ stimmt: Nicht die nächste Reise ins Silicon Valley ist der Dreh- und Angelpunkt, sondern die Rückbesinnung auf regionale Kompetenzräume, die seit Jahrhunderten Wertschöpfung ermöglichen – und heute DeepTech tragen können.

Genau darauf zielt das LinkedIn-Posting von Winfried Felser: Es ist an Hermann Simon adressiert – und an das, was Felser als Simons „viertes Lebenswerk“ rahmt. Gemeint ist kein einzelnes Buch, kein einzelnes Institut, sondern eine strategische Idee: Deutschland (und Europa) aus der Logik seiner Hidden Champions und regionalen Industrie-Ökosysteme heraus zu verstehen und zu stärken.

Wenn man das ernst nimmt, wird aus (Bühne, Buzzwords, Weltvergleiche) etwas sehr Konkretes: als Werkstatt – als Kompetenz-Ökosystem, in dem Talente, Technologien und Kultur in produktiver Nähe zueinander arbeiten.

Die vierte Welle ist DeepTech – aber der Standort ist regional

Als EU-Innovationskommissarin Mariya Gabriel nach ihrem Besuch im Silicon Valley im Oktober 2022 die „vierte Welle der Innovation“ ausrief, war die Botschaft klar: DeepTech verbindet die digitale Revolution mit physikalischen und biologischen Technologien. Entscheidend ist jedoch weniger das Schlagwort als die Frage: Wo wird daraus industrielle Realität?

Gabriels Idee von 100 regionalen Innovation Valleys trifft den Punkt, wenn man sie europäisch liest – nicht als Kopie eines einzigen, mythischen Tals, sondern als Netzwerk vieler starker Knoten. Ihr Bild von der „Fußballmannschaft“ passt: Innovation ist Teamspiel. Und Teams entstehen nicht durch Förderbescheide, sondern durch eingespielte Regionalarchitekturen: Universitäten, Mittelstand, Start-ups, Investoren, Kommunen, Zivilgesellschaft.

Ronzheimer als Seismograf: Wir starten nicht bei Null

Der Berliner Journalist Manfred Ronzheimer beschreibt präzise, warum das Thema nicht bei Null beginnt: Regionale Innovationssysteme, Cluster-Politik, Innovations-Ökosysteme – Europa hat diese Wellen bereits durchlaufen, nur unter wechselnden Etiketten. Neu ist (hoffentlich) der Fokus auf Koordination, Transferfähigkeit und reale Demonstrationsräume – also Reallabore, Testbeds, Skills, Anwendung in „realen Umgebungen“.

Das ist die operative Seite der : weniger Symbolpolitik, mehr fähigkeitsbasierte Regionalentwicklung.

Kleinstaaterei als Vorteil: Kompetenz ist Pfad, nicht Zufall

Hier kommt Hermann Simon ins Zentrum – und damit Felser’s Adressat. Simons Hidden-Champion-Perspektive zeigt: Regionale Stärke ist selten Zufall, sondern historisch gewachsene Kompetenz.

  • Schwarzwald: Uhrmacherei als Präzisionskultur → Medizintechnik-Ökosysteme.
  • Schwäbische Alb: Lebensmitteltechnologie (z.B. Bizerba) → industrielles Know-how mit globalen Nischenmärkten.
  • Allgäu: Maschinenbau (z.B. Multivac) → Skalierung von Qualität und Prozessintelligenz.
  • Göttingen: Messtechnikdichte als Echo jahrhundertealter mathematischer Exzellenz (Gauss als geistiger Ursprungsraum).

Das ist der eigentliche Kern von Simons „viertes Lebenswerk“, wie Felser es setzt: Deutschland nutzt eine Technologiebasis mit langen historischen Wurzeln, um im 21. Jahrhundert wettbewerbsfähig zu bleiben – nicht trotz, sondern wegen seiner regionalen Vielfalt. Entsprechend sollte die gesamte Logik der Fördermittel-Politik in Deutschland neu justiert werden – auch die so genannten Exzellenz-Cluster.

Kultur ist kein Beiwerk – sie ist Standortinfrastruktur

Ingrid Bodsch erinnert am Beispiel der Musiklandschaft des 18. und 19. Jahrhunderts daran, wie eng kulturelle und wirtschaftliche Blüte verwoben sind. Residenzstädte – etwa in Thüringen – erzeugten kulturelle Dichte, die bis heute nachwirkt. Kultur bindet Talente, stiftet Identität, macht Regionen attraktiv und resilient. Wer regionale Ökosysteme baut, baut immer auch Bedeutungsräume.

Was jetzt fehlt: Kapitalpfade, Transfer-Routinen, thematische Zonen

In der Next Economy Open brachte Deepa Gautam-Nigge (SAP) „thematische Sonderwirtschaftszonen“ ins Spiel: dort, wo Klimaschutz, Kreislaufwirtschaft, Energiewende technologische Sprünge verlangen. Das passt zu Europas Stärken – und zu Simons Logik: Kompetenzen sind regional verankert, also muss Förderung regional anschlussfähig sein.

Gleichzeitig bleibt die harte Engstelle: Kapital. Rene Schäfer fordert zu Recht, die Kapitalbeschaffung in Deutschland und Europa größer zu denken – denn DeepTech skaliert selten im rein regionalen Maßstab, wenn die Finanzierungsstrecken zu kurz sind.

Von der Schwäbischen Alb bis Marburg: Kompetenz-Ökosystem als Praxis

Wenn man in übersetzt, wird daraus keine Romantik, sondern eine Agenda: Exkursionen auf die Schwäbische Alb, ins Allgäu oder nach Ostwestfalen-Lippe sind nicht „Provinzprogramme“, sondern Feldforschung im produktiven Kern Europas.

Und hier entsteht auch das, was du als Kompetenz-Ökosystem markierst – mit Akteur:innen, die Brücken bauen und Betriebsfähigkeit herstellen (etwa Dr. Lisa Zirbes und Dr. Carsten Rietmann): Menschen, die Transfer nicht als Event, sondern als Routine organisieren.

ist Europas Wettbewerbsvorteil

Die Gefahr der Deindustrialisierung ist real, gerade in traditionellen Industriezentren. Umso wichtiger ist eine Regionalpolitik, die nicht nur verteilt, sondern strategisch stärkt, was historisch gewachsen und technologisch anschlussfähig ist.

Deutschland hat keine alles dominierende Metropole – und genau das ist ein Asset. Die Stärke liegt in der Vielfalt der Regionen und ihrer Kompetenzpfade. Winfried Felsers Hinweis auf Hermann Simons „viertes Lebenswerk“ trifft damit ins Schwarze: Europas Zukunft entscheidet sich nicht nur in globalen Narrativen, sondern in regionalen Ökosystemen, die Können, Kultur und Kapital zusammenführen.

goes – nicht als Rückzug, sondern als Methode, Weltfähigkeit aus regionaler Substanz zu bauen.

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