
Wer die Arbeitswelt dieser Jahre verstehen will, sollte nicht nur auf Konjunktur, Energiepreise und Zinsniveaus schauen. Er sollte auch auf Fehlzeiten, psychische Erschöpfung und die wachsende Fragilität betrieblicher Leistungsfähigkeit blicken. Die Zukunft Personal Nord am 25. und 26. März in Hamburg trifft deshalb einen wunden Punkt der Unternehmenspraxis. Denn ausgerechnet in ökonomisch angespannten Zeiten kehrt eine alte Frage mit neuer Härte zurück: Ist betriebliches Gesundheitsmanagement eine entbehrliche Begleitmusik der guten Jahre – oder längst ein nüchtern zu kalkulierender Produktionsfaktor?
Genau an diesem Punkt setzt mein Gespräch mit Oliver Walle im Messe-TV-Studio auf der Zukunft Personal Nord an. Unter dem Titel „Betriebliches Gesundheitsmanagement in Krisenzeiten – Sparmaßnahme oder bewusste Investition in die Belegschaft?“ geht es um eine Entscheidung, die in vielen Unternehmen noch immer falsch gerahmt wird. Gesundheit wird dort allzu oft als freundliche Zusatzleistung behandelt: sympathisch, kommunikativ dankbar, im Zweifel aber kürzbar. Dabei spricht vieles dafür, dass gerade diese Sichtweise teuer wird – nicht nur kulturell, sondern betriebswirtschaftlich.

Walle ist für diese Debatte ein ebenso erfahrener wie anschlussfähiger Gesprächspartner. Als Geschäftsführer der Health 4 Business GmbH, als Dozent an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement und der BSA-Akademie, als Lehrbeauftragter an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau sowie als Mitglied einschlägiger Gremien für Corporate Health argumentiert er nicht aus der Distanz, sondern aus der Praxis eines Feldes, das zwischen Prävention, Personalstrategie und Sozialökonomie immer politischer wird. Dass er auf der Messe in Hamburg zusätzlich in der Kamin Lounge über wirksame, also nachweislich evaluierte Gesundheitsförderung spricht, fügt sich folgerichtig ins Bild: Nicht gut gemeint soll Gesundheit sein, sondern wirksam. Nicht dekorativ, sondern überprüfbar. Termin: 25. März, um 11:40. Moderation: Margitta Eichelbaum.
Gesundheit ist keine Folklore des Personalwesens
Wie sehr sich der Ton in dieser Debatte verändert hat, zeigte schon Walles Auftritt im vergangenen Jahr bei „Zukunft Personal Nachgefragt“. Dort sprach er über hohe Krankenstände, Überlastung, psychische Erkrankungen und Depressionen – also über eine Wirklichkeit, die sich nicht mehr mit den Routinen des klassischen Feelgood-Managements beschwichtigen lässt. Bemerkenswert war dabei, dass Walle den Blick nicht auf tagespolitische Reizwörter verengte, sondern auf den tieferen Strukturwandel der Arbeitswelt. Er beschrieb Gesundheit ausdrücklich auch als Generationenthema: Jüngere Beschäftigte, so sein Befund, bringen ein ausgeprägteres Bewusstsein für die eigene Gesundheit und für Work-Life-Balance mit. Das sei positiv, erhöhe aber zugleich den Druck auf Unternehmen, Arbeit anders zu organisieren, Aufgaben gerechter zu verteilen und Führung neu zu denken. Gesundheit erscheint bei Walle damit nicht als Privatangelegenheit der Beschäftigten, sondern als Prüfstein betrieblicher Ordnung.
Noch interessanter wurde es dort, wo Walle die Debatte aus dem moralischen in ein analytisches Register verschob. Die Frage sei eben nicht nur, dass Fehlzeiten hoch seien, sondern warum sie hoch seien – und was sich daraus lernen lasse. Er verwies in diesem Zusammenhang auf Untersuchungen und Indikatoren, die Unternehmen helfen können, Entstehungsbedingungen von Fehlzeiten präziser zu erkennen. Gerade darin liegt der Unterschied zwischen symbolischem und strategischem Gesundheitsmanagement: Wer nur Maßnahmen addiert, verwaltet Symptome; wer Belastungen analysiert, kann Organisation gestalten. Das ist die Stelle, an der BGM den Status einer netten Begleitmaßnahme verliert und zur Managementaufgabe aufrückt.
Walle sprach zudem über die Rolle der Digitalisierung mit einer Nüchternheit, die dem Thema guttut. Vor der Pandemie, so seine Beobachtung, seien digitale Lösungen im Gesundheitsbereich vielerorts noch mit erheblichem Misstrauen betrachtet worden, nicht zuletzt wegen datenschutzrechtlicher Vorbehalte. Seitdem habe sich viel verschoben. Heute existiere eine deutlich reifere Landschaft digitaler Anwendungen, nicht mehr nur oberflächliche Apps, sondern Instrumente mit größerem Tiefgang, gerade auch im Bereich psychosozialer Gesundheit. Weil psychotherapeutische Versorgung häufig knapp sei, stellte Walle die Frage, ob digitale Plattformen Menschen in frühen Belastungsphasen auffangen, informieren und weitervermitteln können, bevor aus Belastung Erkrankung wird. Das ist ein Gedanke, der für Unternehmen ökonomisch ebenso relevant ist wie sozialpolitisch: Prävention wird hier nicht als Imageversprechen, sondern als Infrastruktur verstanden.
Hinzu kam bei Walle ein zweiter, oft unterschätzter Punkt: die Verbindung von Gesundheit, Sozialversicherung und Abgabenlast. Wenn Behandlungskosten steigen und die Systeme der sozialen Sicherung unter Druck geraten, dann ist Gesundheit eben nicht nur ein Thema individueller Fürsorge, sondern auch eine Größe für die Finanzierung von Arbeit selbst. In dieser Perspektive wird deutlich, warum Betriebliches Gesundheitsmanagement in Krisenzeiten gerade nicht an den Rand gehört. Es berührt Produktivität, Ausfallkosten, Fachkräftesicherung und mittelbar die Tragfähigkeit sozialer Sicherungssysteme. Der Ton mag sachlich sein, die Konsequenz ist es nicht weniger: Wer Gesundheit im Unternehmen vernachlässigt, produziert Folgekosten, die am Ende an anderer Stelle mit größerer Härte zurückkehren.

Das Gesundheitstage-Dilemma
In dieses Bild fügt sich auch der Rückblick auf die Zukunft Personal Nord 2025 mit bemerkenswerter Klarheit ein. Dort haben Bastian Schmidtbleicher und Fabian Maisch von Moove das Thema Gesundheit entschieden aus der Sphäre bloßer Zusatzangebote herausgelöst. Ihre zentrale Botschaft lautete sinngemäß: Gesundes Arbeiten ist keine freundliche Dreingabe des Personalmanagements, sondern Teil der Unternehmensstrategie. Genau darin lag die Pointe ihres Auftritts. Sie wandten sich gegen die verbreitete Versuchung, betriebliche Gesundheit mit sichtbaren, aber strukturell schwachen Einzelmaßnahmen zu verwechseln. Der Obstkorb, so die Stoßrichtung, senkt keine Fehlzeiten; ein Gesundheitstag ersetzt keine Strategie. Gesundheit wird dann zum unternehmerischen Faktor, wenn sie professionell aufgebaut, differenziert geplant und mit der realen Arbeitswelt der Belegschaft verbunden wird.
Besonders einprägsam war das von Schmidtbleicher und Maisch beschriebene „Gesundheitstage-Dilemma“. Unternehmen, so ihre Beobachtung, veranstalten Gesundheitstage oft in bester Absicht, erreichen damit aber vor allem jene Beschäftigten, die ohnehin gesundheitsaffin sind. Die eigentlich relevanten Gruppen – etwa Mitarbeitende in besonders belasteten Tätigkeiten, in der Produktion, in Schichtsystemen oder mit sehr spezifischen Beanspruchungen – werden dadurch häufig gerade nicht systematisch adressiert. Was oberflächlich wie ein Engagement für Gesundheit aussieht, bleibt dann in Wahrheit eine Maßnahme ohne saubere Zielgruppenlogik. Der Einwand von Moove war deshalb nicht, man solle weniger tun, sondern intelligenter: weg von der Maßnahme, die für alle irgendwie passt, hin zu einem System gesunder Arbeit, das unterschiedliche Bedarfe, Belastungen und Lebenslagen ernst nimmt.
Ebenso interessant war der zweite Akzent des Moove-Gesprächs: der Mut zum ersten, aber richtigen Schritt. Schmidtbleicher und Maisch beschrieben, wie Unternehmen beim Thema BGM oft zwischen Überforderung und Aktionismus schwanken. Entweder wird die Aufgabe so groß gedacht, dass man gar nicht beginnt, oder man kauft isolierte Maßnahmen ein und wundert sich über mangelnde Wirkung. Ihr Gegenentwurf war eine doppelte Logik: Gesundheit müsse erlebbar werden, also konkret im Alltag der Mitarbeitenden auftauchen; zugleich müsse sie strategisch verankert werden, damit sie nicht in Willkür und Einzelaktionen zerfällt. Dafür brauche es keine perfekte Großarchitektur von Beginn an, wohl aber Struktur, Daten und Prioritäten.
Besonders aufschlussreich war in diesem Zusammenhang auch ihr Verweis auf gesetzliche Pflichten und analytische Grundlagen. Statt sich in symbolischen Formaten zu erschöpfen, solle man mit dem beginnen, was ohnehin erforderlich und nützlich ist – etwa mit einer ernsthaft betriebenen Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung. Genau dort, so die implizite Botschaft, beginnt vernünftiges Gesundheitsmanagement: nicht bei der Inszenierung, sondern bei der Analyse. Wer herausfindet, was im Unternehmen tatsächlich los ist, weiß auch besser, welche Maßnahmen als Nächstes sinnvoll sind. Für eine Wirtschaft, die sich mehr und mehr auf Kennziffern, Wirksamkeit und ESG-Fähigkeit verpflichtet, ist das keine Nebenbemerkung, sondern das Zentrum der Sache.
Am Ende läuft all dies auf eine einfache, aber folgenreiche Einsicht hinaus: Gesundheit ist keine sentimentale Reserve des Personalwesens. Sie ist ein Kosten-, Kultur- und Kapazitätsthema. Gerade in Krisenzeiten spart der kluge Betrieb deshalb nicht an Gesundheit, sondern an Illusionen. Wer Betriebliches Gesundheitsmanagement für verzichtbaren Komfort hält, wird früher oder später mit steigenden Ausfällen, sinkender Bindung und wachsendem organisatorischem Verschleiß bezahlen. Wer es dagegen als bewusste Investition in Leistungsfähigkeit und Stabilität versteht, handelt nicht moralisch überhöht, sondern ökonomisch präzise.
Weitere Gesundheitssessions auf der Zukunft Personal Nord
Wer das Thema in Hamburg weiter vertiefen will, findet über Walles Auftritte hinaus weitere Sessions, die den Gesundheitsbegriff in unterschiedliche Richtungen öffnen. Dazu gehört am 26. März die Session „KI verantwortungsvoll gestalten: Ihr Kompass für BGM mit Zukunft“. Hier geht es um die Frage, wo Künstliche Intelligenz im Betrieblichen Gesundheitsmanagement tatsächlich Entlastung, bessere Auswertungen und individualisierte Angebote ermöglicht – und wo gut gemeinte Anwendungen in wenig wirksame oder ethisch heikle Praxis umschlagen.
Ebenfalls am 26. März rückt im BBGM-Forum der strategische Zusammenhang von Gesundheit, Personalentwicklung und Organisationsentwicklung in den Mittelpunkt. Die Session „Personal- und Organisationsentwicklung strategisch mit BGM verknüpfen – und attraktive Fördermittel nutzen“ ist deshalb interessant, weil sie BGM ausdrücklich nicht als Sammelbecken einzelner Maßnahmen versteht, sondern als Hebel für Wandel, Steuerung und Umsetzungsfähigkeit. Gerade der Verweis auf Förderlogiken und Krankenkassen-Insights macht deutlich, dass Gesundheit auch finanzierungs- und steuerungsseitig professioneller gedacht wird.
Bereits am 25. März setzt die Session „Wie du mit KI-Coaching die Lücken von BGM, EAP und LMS schließt – ohne das Budget zu sprengen“ einen eher operativen Akzent. Dahinter steht die Beobachtung, dass viele Unternehmen zwar in unterschiedliche Systeme investieren, deren Wirkung im Alltag aber oft verpufft, weil die Verbindung zwischen Angebot und tatsächlicher Verhaltensänderung fehlt. Der Vortrag verspricht damit eine Diskussion über Gesundheitsmanagement nicht als Programmlandschaft, sondern als Frage tatsächlicher Nutzung und wirksamer Begleitung. Weitere Sessions findet Ihr im Programm der Zukunft Personal Nord.
Zusammen ergeben diese Formate nur einen kleinen Auszug, aber einen bezeichnenden. Sie zeigen, dass Gesundheit auf der Zukunft Personal Nord nicht mehr als randständiges Wohlfühlthema verhandelt wird. Sie wird als Steuerungsfrage, als Digitalisierungsfrage, als Führungsfrage und als Investitionsfrage behandelt. Genau das macht das Thema in diesem Frühjahr so interessant.
Das Messe-TV-Studio von Sohn@Sohn findet Ihr neben der Keynote Stage.
Man hört, sieht und streamt sich in Hamburg 🙂