Erst die Verführung, dann die Entscheidung – Der Krieg des Donald Trump: „How Trump Took the U.S. to War With Iran“ @realDonaldTrump

Das Foto wurde auf LinkedIn gepostet – kann aber den User nicht mehr finden – ich Trottel.

Unter dem Titel „How Trump Took the U.S. to War With Iran“ erzählt die New York Times, wie Donald Trump nach Beratungen im Weißen Haus den Weg in einen Krieg freimachte. Wer den Text liest, erkennt aber noch etwas anderes: Nicht ein überraschender Bruch wird hier sichtbar, sondern die politische Vollendung eines Charakters, dessen Defekte schon 1990 beschrieben worden sind.

Der Beitrag der New York Times will zunächst eine konkrete Geschichte erzählen. Benjamin Netanyahu kommt ins Weiße Haus und präsentiert Donald Trump ein Szenario, das nach militärischer Entschlossenheit, nach kurzer Dauer, nach kontrollierbarem Risiko klingt. Iran, so die Botschaft, sei verwundbar. Ein harter Schlag könne das Regime entscheidend schwächen, womöglich sogar zu Fall bringen. Die Inszenierung ist, folgt man der Darstellung von Jonathan Swan und Maggie Haberman, nicht bloß informativ, sondern suggestiv: Bilder, Dramaturgie, die Aura der Unausweichlichkeit.

Danach, und das ist der entscheidende zweite Schritt, versuchen amerikanische Geheimdienstler und Militärs, die Verheißungen der Israelis auf ihren Realitätsgehalt hin zu prüfen. Einige Ziele, so lautet die ernüchternde Bilanz, mögen militärisch erreichbar sein. Aber die große politische Erzählung vom schnellen Regimewechsel, vom kalkulierbaren Chaos, vom fast schon historischen Durchmarsch erscheint aus amerikanischer Sicht als Illusion. Skepsis ist also vorhanden. Warnungen sind vorhanden. Bedenken sind vorhanden. Nur: Sie setzen sich nicht durch.

Genau das macht den Text der New York Times so beunruhigend. Er beschreibt keinen Präsidenten, der ohne Beratung handelt. Er beschreibt einen Präsidenten, der sich beraten läßt, ohne sich korrigieren zu lassen.

„Eine Mittagspause machen nur Verlierer“

Wer diesen Trump verstehen will, muß weiter zurückgehen als bis zur jüngsten Lagebesprechung. Man muß zurück in das Jahr 1990. Damals schrieb Gerd Gerken einen Satz, der heute wie eine frühe Diagnose wirkt: Man erkenne bei Trump „das Antlitz des unsympathischen Siegers“. Das ist keine hübsche Formulierung, es ist eine Vorhersage.

Gerken schilderte den 41jährigen Milliardär als einen Mann, der in New York an seinen Türmen baut und zugleich an seiner eigenen Legende. Wichtiger aber als die Bauten war damals schon der Tonfall. Trump breitete in einem Interview seine Philosophie aus, und dieser Philosophie fehlte schon alles, was später in der Politik fehlte: Maß, Selbstzweifel, die Fähigkeit zur Begrenzung. „Eine Mittagspause machen nur Verlierer“, lautete der Satz, den Gerken als typisch hervorhob.

Das ist mehr als nur der ordinäre Kalenderspruch eines ehrgeizigen Geschäftsmanns. In ihm steckt ein Menschenbild. Wer innehält, verliert. Wer abwägt, wird verachtet. Wer nicht pausenlos auf Sieg programmiert ist, gilt als defizitär. Aus einem solchen Satz spricht keine Energie, sondern Menschenfeindlichkeit. Er ist die Verachtung des Zögerns, und mit ihr beginnt jede Verachtung des Politischen. Denn Politik, die diesen Namen verdient, ist die Kunst, zwischen Möglichkeiten, Folgen und Grenzen zu unterscheiden. Wer aus jeder Pause eine Niederlage macht, wird aus jeder Vorsicht Feigheit machen.

Wer nur Sieger kennt, braucht Feinde

Gerken notierte 1990 noch etwas, das heute fast unheimlich aktuell wirkt: In Trumps Sprache wimmle es von „Feinden“ und „Gegnern“, die Sätze trieften vor brutalem Egoismus, Eitelkeit und Narzißmen. Das ist nicht nur eine Milieustudie aus den späten achtziger Jahren. Das ist die seelische Grammatik eines Mannes, der die Welt nicht als Ordnung von Institutionen, Interessen und Grenzen wahrnimmt, sondern als Arena.

Und in einer Arena gibt es keine Partner, keine Ambivalenzen, keine historischen Tiefenschichten. Es gibt nur Sieger, Verlierer und jene Zwischenwesen, die man verachtet, weil sie zögern. Der NYT-Text zeigt genau diese Logik in staatsmännischer Vergrößerung. Was dort an Risiken vorgetragen wird — ein regionaler Flächenbrand, unkalkulierbare Gegenschläge, strategische Überdehnung, die Möglichkeit eines langwierigen Krieges — verwandelt sich im Trump-Kosmos nicht in Gründe der Vorsicht, sondern in Kulisse für die Inszenierung der Entschlossenheit.

Man könnte auch sagen: Der Präsident hört das Wort „Risiko“ und versteht „Herausforderung“. Er hört „Komplexität“ und versteht „Schwäche“. Er hört „ungewiß“ und reagiert wie jemand, dem man seine Selbstgewissheit streitig machen will. So wird politische Wirklichkeit psychologisch umgeschrieben.

Freunde, die brutal verteidigen

Besonders aufschlußreich ist die letzte Passage, die Gerken damals zitierte. Auf die Frage, ob er Freunde habe, antwortete Trump: wenige. Einsamkeit sei der Preis seines Business. Freunde nenne er nur Menschen, die ihn brutal, wenn nötig auch hinterhältig verteidigten. Gerken kommentierte trocken: „Das sagt alles. Das ist bestes dunkles Management.“

Tatsächlich sagt es fast alles. Denn mit diesem Satz ist bereits das spätere Regierungssystem in Keimform beschrieben. Wer Freunde nur als Verteidigungswaffen versteht, sucht keine Gegenüber, sondern Verstärker. Wer Loyalität so definiert, verachtet den Widerspruch schon im Ansatz. Und wer Widerspruch verachtet, umgibt sich entweder mit Jasagern oder mit Menschen, die gelernt haben, ihre Bedenken so zu formulieren, daß sie den Herrn nicht verletzen.

Genau das ist die eigentliche Nebenlektüre des NYT-Textes. Natürlich gibt es in den Sitzungen Skepsis. Natürlich warnen einige vor den Folgen. Aber fast niemand stellt sich quer. Fast niemand macht den Schritt vom registrierten Zweifel zum offenen Widerstand. Das System Trump erzeugt genau jene Atmosphäre, die Gerken schon 1990 erahnte: Die Umgebung wird nicht nach Urteilskraft sortiert, sondern nach Verwendbarkeit. Die entscheidende Frage ist nicht: Wer hat recht? Sondern: Wer bleibt in der Umlaufbahn des Führenden?

Aus dunklem Management wird Weltpolitik

Die eigentliche Katastrophe beginnt dort, wo man diese Eigenschaften für bloße Stilfragen hält. Narzißmus ist keine Marotte. Eitelkeit ist kein dekorativer Fehler. Selbstüberschätzung ist nicht einfach Temperament. In den Händen eines Präsidenten werden solche Züge zu Strukturen der Entscheidung.

Der NYT-Beitrag beschreibt Trump als einen Mann, der den harten, raschen, geschichtsmächtigen Entschluß liebt. Das mag man für Tatkraft halten. Tatsächlich ist es oft nur die Unfähigkeit, sich von Wirklichkeit belehren zu lassen. Der Staatsmann muß die Welt größer denken als sein eigenes Bedürfnis nach Bestätigung. Trump tut das offenkundig nicht. Er erlebt die Welt als Resonanzraum seiner Instinkte. Deswegen ist bei ihm die außenpolitische Entscheidung nie ganz von der inneren Dramaturgie des Egos zu trennen.

Und hier schließt sich der Kreis zu Gerd Gerken. „Dunkles Management“ — das war 1990 eine Diagnose aus der Welt der Hochhäuser, Deals und Hochglanzinterviews. Heute würde man sagen: Es war die Vorform eines Regierens, das Macht mit Unfehlbarkeit verwechselt und Härte mit Wahrheit. Der Unternehmer, der seine Umgebung moralisch entleert, wird als Präsident zum Risiko für Staaten. Denn Kriege lassen sich nicht mit denselben seelischen Mitteln führen, mit denen man Konkurrenten einschüchtert oder Marken auflädt.

Der alte Trump ist nie verschwunden

Das eigentlich Verstörende an How Trump Took the U.S. to War With Iran ist deshalb nicht, daß ein Präsident Krieg als Option wählt. Verstörend ist, daß man beim Lesen das Gefühl bekommt, einem sehr alten Bekannten zuzusehen. Nicht einem neuen Trump, sondern dem alten. Dem Mann, der schon früh nur in Kategorien des Triumphes sprach. Dem Mann, der Feinde brauchte, um sich selbst als Sieger zu fühlen. Dem Mann, für den Freundschaft ein Instrument der Verteidigung war. Dem Mann, der die Pause verachtete, weil sie ihn an Grenzen erinnerte.

Die Geschichte, die die New York Times erzählt, ist darum größer als ihr Anlaß. Sie handelt nicht nur von Iran, Israel und Washington. Sie handelt von der Verwandlung eines Charakterfehlers in Staatsgewalt. Und das ist die eigentliche Lehre. Die Demokratie scheitert nicht nur an Ideologien. Sie kann auch an Persönlichkeiten scheitern, deren Defekte zu lange als Folklore behandelt werden.

Donald Trump war 1990 bereits erkennbar. Man wollte nur nicht glauben, daß ein solcher Mensch einmal über Krieg und Frieden entscheiden würde. Heute weiß man: Das Problem war nie, daß man zu wenig gesehen hätte. Das Problem war, daß man das Gesehene für Pose hielt. Dabei war es Programm.

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