
Dieter und Wilhelm Sohn
Tim, Dein Blogpost über Gaza und seine Geschichte hat in mir tiefes Unbehagen ausgelöst – persönlich wie historisch. Als Enkel eines Holocaust-Opfers trifft mich Deine implizite Infragestellung jüdischen Lebens ins Mark. Mein Großvater, Wilhelm Sohn, war Land- und Gastwirt. 1935 floh er aus Nazi-Deutschland nach Österreich, doch dort holte ihn das Regime ein – sein Berghotel am Danielsberg in Kärnten wurde „arisiert“, und 1938 wurde er nach Dachau deportiert. Er starb schließlich vor der geplanten Deportation nach Auschwitz in einer Versuchsanstalt bei Koblenz. Hätte es damals einen jüdischen Staat Israel als Zufluchtsort gegeben, wäre ihm dieses unsägliche Leid erspart geblieben. In Europa war es zu dieser Zeit nicht so einfach möglich, aus Nazi-Deutschland zu fliehen.
Vor diesem Hintergrund wirkt Dein Satz, es sei womöglich passender, „die Juden umzusiedeln“, zynisch und historisch ignorant. Aber sehen wir uns Deine Argumentation genauer an.
Gazas lange Geschichte – kein Monopol auf indigenes Erbe
Unbestritten ist: Gaza zählt zu den ältesten urbanen Zentren der Welt. Pharao Thutmosis III. erwähnt es im 15. Jahrhundert v. Chr., und archäologische Funde belegen eine frühe Besiedlung. Ja, Gaza war Knotenpunkt zwischen Afrika und Asien, reich an Handel und Kultur. Aber Dein Bild, heutige Gazaner seien praktisch identisch mit den Bronzezeitbewohnern, während Juden bloß „Newcomer“ seien, ist irreführend.
Genetische Studien zeigen: Sowohl Palästinenser als auch Juden haben erhebliche Kontinuität zu den alten Kanaanäern. Beide Völker teilen mehr als die Hälfte ihrer Vorfahren mit den Menschen, die vor über 3.000 Jahren in Kanaan lebten. Juden sind also keine Fremden im Land, sondern Nachfahren derselben antiken Zivilisation wie viele Palästinenser.
Dein Narrativ ist zynisch. Hier die alteingesessenen Gazaner, dort die späten „Invasoren“ Juden. Es unterschlägt, dass jüdisches Leben in dieser Region niemals erlosch. Ob in Jerusalem, Hebron, Tiberias oder Safed – jüdische Gemeinden existierten durch alle Jahrhunderte hindurch.
Auslassungen: Moderne Geschichte und der Kontext des Konflikts
Deine größte Leerstelle ist die Gegenwart. Du malst Gaza als „Stadt der Tapferen“, unterschlägst aber die Herrschaft der Hamas seit 2007. Diese vom Iran finanzierte Terrororganisation verschrieb und verschreibt sich der Zerstörung Israels, unterdrückt die eigene Bevölkerung und nutzt sie als Schutzschild.
Kein Wort verlierst Du über den 7. Oktober 2023: 1.200 ermordete Israelis, Frauen, Kinder, Alte. Vergewaltigungen, Verstümmelungen, Geiselnahmen – und ja, Jubel in Gazas Straßen. Kein Wort über die tausenden Raketen, die seit Jahren auf israelische Städte fliegen.
Israel führt keinen imperialen Eroberungskrieg, sondern verteidigt sich gegen eine Organisation, die seine Existenz leugnet. Deine Erzählung verschweigt, warum es zu dieser Eskalation kam.
Vernichtungswille gegen Israel: die verschwiegene Dimension
Ebenso fehlt bei Dir die moderne Geschichte der arabischen Angriffskriege. 1948 erklärte Israel seine Unabhängigkeit – und wurde sofort von fünf arabischen Armeen überfallen. Azzam Pascha, Generalsekretär der Arabischen Liga, kündigte an: „Dies wird ein Vernichtungskrieg und ein denkwürdiges Massaker.“ 1967 rief Nasser: „Unser Ziel ist es, Israel zu zerstören.“
Diese historischen Fakten blenden Deine Thesen komplett aus. Stattdessen zeichnest Du eine Linie von Abraham bis heute – und suggerierst, das eigentliche Problem sei die Existenz der Juden in diesem Land.
Jüdisches Leben in Gefahr – damals wie heute
Tim, Deine Bemerkung, es sei „passender, die Juden umzusiedeln“, hat mich tief getroffen. Was meinst Du damit? Weißt Du, was „Umsiedlung“ für Juden im 20. Jahrhundert bedeutete? Mein Großvater wurde „umgesiedelt“ nach Dachau. Millionen wurden „umgesiedelt“ nach Auschwitz.
Nach 1945 standen die Überlebenden vor der Frage: Wo können Juden jemals sicher leben? Die Welt hatte versagt. Auf der Flüchtlingskonferenz von Évian 1938 nahm kaum ein Land jüdische Flüchtlinge auf. Die Briten versperrten mit ihrem „White Paper“ die Einwanderung nach Palästina. Hätte es Israel nicht gegeben, wären viele Überlebende schlicht ohne Heimat geblieben.
Heute sehen wir, wie Antisemitismus weltweit wieder wächst – Synagogen in Europa unter Polizeischutz, Angriffe in Paris, Berlin, New York. Wo also, Tim, sollen Juden leben, wenn nicht in einem Staat, in dem sie selbst die Verantwortung für ihre Sicherheit tragen können?
Geschichte als Mahnung, nicht als Waffe
Geschichte darf nicht zur Waffe werden. Gaza hat uralte Wurzeln – ja. Aber auch das jüdische Volk hat uralte Wurzeln und eine bittere Geschichte des Überlebens. Wer das verschweigt, betreibt Geschichtsklitterung.
Und darum stelle ich Dir eine letzte Frage, direkt:
Tim, wie weit willst Du in der Geschichte zurückreisen, um jüdisches Leben in Frage zu stellen?
Reicht Dir Thutmosis III.? Oder die Philister? Oder die Kanaaniter?
Die Juden haben nicht nur uralte Wurzeln in dieser Region, sie haben auch das moralische Recht auf einen sicheren Staat, weil die Welt ihnen dieses Recht zu lange verweigert hat. Wenn Du das ausblendest, instrumentalisierst Du Geschichte – und verlierst aus dem Blick, worum es wirklich geht: das Überleben eines Volkes, dem man viel zu oft den Platz zum Leben verwehrt hat. Ich selbst kann nach Israel auswandern, wenn die Lage hier in Deutschland wieder kippen sollte. Das ist meine Überlebensgarantie, die mein Großvater nicht hatte.
Lieber Gunnar,
du missverstehst mich, und das tut weh! Ich bin seit meiner Jugend, als ich „Exodus“ zum ersten Mal las, ein großer Freund des Staates Israel. Trotzdem missbillige ich das, was der Staat Israel gerade unter Netanyahu tut. Aber darum geht es in dem Beitrag ja gar nicht, sondern um die Geschichte Gazas.
Und da verstehe ich eine Menge von. Ich gehe ganz absichtlich nicht auf alles ein, was im letzten Jahrhundert dort unten alles passiert ist. Nur zum Schluß ende ich mit einem Aufruf zur Versöhnung und gegenseitiges Verständnis auf.
Die Diskussion unter meinen Lesern ist leider in eine ganz falsche Richtung abgebogen, aber wir leben ja in Deutschland und Österreich, und das hätte ich vielleicht bedenken sollen.
In diesem Sinne beste Grüße
TC
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Lieber Tim,
ich verstehe Deine Intention – und auch, dass Du mit Deinem Beitrag eigentlich einen historischen Bogen über Gaza spannen wolltest. Aber genau da liegt für mich das Problem. Wer über 5.000 Jahre zurückgeht und dann am Ende von einer möglichen „Umsiedlung der Juden“ spricht, rückt das jüdische Existenzrecht in ein Licht, das in Deutschland und Österreich hochgradig gefährlich ist.
Ich weiß, dass Du Israel grundsätzlich verbunden bist, und ich respektiere das. Aber Worte haben Gewicht. Gerade jetzt, nach den Massakern vom 7. Oktober, nach all den offenen Vernichtungsdrohungen gegen Israel, wirkt eine solche Formulierung nicht wie ein „Aufruf zur Versöhnung“, sondern wie ein weiterer Baustein in einer Erzählung, die Israel delegitimiert.
Ich kenne Israel aus vielen Reisen und Recherchen, ich habe die Spannungen erlebt, aber auch die Offenheit und die Vielfalt dieser Gesellschaft. Es ist mir deshalb wichtig zu betonen: Kritik an Netanjahu – ja, unbedingt. Aber nicht um den Preis, dass das jüdische Leben in seiner Wurzel infrage gestellt wird.
Gerade hier, in Deutschland und Österreich, können wir uns diese Grauzonen nicht leisten. Denn ich spüre, wie die Stimmung kippt. Wie schnell aus Kritik an einer Regierung eine pauschale Verdächtigung Israels wird. Und wie eng es dann für Juden in diesem Land werden kann.
Beste Grüße
Gunnar
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