Eine Zukunft, die zurückblickt: Was Herman Kahn, Daniel Bell und Peter Drucker vor über 50 Jahren sahen – und was wir heute nicht sehen wollen #ZPNachgefragt

Wenn Herman Kahn im Jahr 1970 von „pocket-sized computers“ sprach, dann meinte er nicht das iPhone 15 Pro Max, sondern eine Idee. Eine Idee, die damals als technokratische Science-Fiction erschien – tragbare Computer, mit denen Außendienstler weltweit Transaktionen auslösen, Kundendaten einsehen, ja sogar ihre Zentrale fernsteuern können. Heute nennen wir das: Alltag. Und wundern uns, dass es schon damals jemand wusste.

Kahns Szenarien lesen sich wie die To-Do-Liste einer globalisierten Netzwerkgesellschaft. Bargeldloser Zahlungsverkehr? Haken dran. Automatisierte Kreditprüfung? Alltag. Lernplattformen für betriebliche Weiterbildung? LMS, MOOC, Microlearning. Datenzentren mit Zugriff auf alles und jeden? Nennen wir heute Cloud, Big Data und Bürgerkonto.

Aber wie steht es um seine anderen Prophezeiungen?

Die „Lerngesellschaft“, wie Kahn sie beschrieb – mit Springern, Informationskursen, digital unterstützter Weiterbildung für alle – existiert eher auf Folien als im Vollzug. Zu viele Bildungslandschaften sind heute noch analoge Feuchtgebiete, die KI wie eine Hochspannungsleitung durchqueren soll, aber nicht darf. Die Trägheit der Institutionen wurde von Kahn unterschätzt – oder von der Politik seit 50 Jahren gepflegt.

Auch die von Kahn erwartete Demokratisierung der Unternehmen – mit Konsent, Mitbestimmung, Selbstverwirklichung – ist in vielen Branchen zur agilen Fassade geworden, hinter der doch wieder der autoritäre Reflex regiert. Das partizipative Betriebsklima ist ein Incentive geworden. Die Mitbestimmung eine Rubrik im ESG-Report. Anarchische Bürokratien? Vielleicht bei Elon Musk. Aber das ist ein anderes Genre.

Peter Drucker, der große Management-Guru, formulierte die wohl wichtigste Mahnung an die Unternehmen: Wer sich weiterhin nur als Wirtschaftseinheit begreife, werde von einer Gesellschaft überholt, die mehr von ihm verlange: Sinn, Verantwortung, neue Räume des Handelns. Und tatsächlich – viele Unternehmen versuchen sich heute als Bildungsanstalten, Gesundheitsanbieter, Städteplaner. Doch der Kulturwandel ist oft PR-getrieben, nicht strukturell. Druckers Gedanke: dass Unternehmen die Rolle des Staates übernehmen könnten, war Vision – und ist heute Realität, leider häufig unter Renditevorbehalt.

Daniel Bell wiederum legte mit seiner „postindustriellen Gesellschaft“ eine Denkfigur vor, die noch immer als Reparaturbetrieb des Fortschritts wirkt. Wissen sollte die zentrale Produktivkraft werden, Dienstleistungen das industrielle Rückgrat ersetzen. Was daraus wurde: eine Welt, in der akademisches Wissen in Rankings gepresst wird, während Lieferketten wieder auf Industrie 1.0 zurückfallen. Eine Wissensökonomie ohne Wissen, eine postindustrielle Welt mit Industrie-Subventionen im Stil des 20. Jahrhunderts. Industriepolitik in Deutschland heute: ein Rückfall ins Fordistische, maskiert als Transformationsstrategie.

Und dann war da noch der feine Humor, mit dem Bell und Kahn die Pluralisierung der Lebensstile voraussahen: Kommunen, Subkulturen, Enklaven, Wanderer zwischen den Welten. Klingt nach Berlin 2025? Vielleicht. Aber vieles davon bleibt Pose. Was als utopisches Labor angekündigt war, wurde zur Konsumkultur im Instagram-Kostüm.

Am Ende war die größte Vision vielleicht die Struktur der Prognose selbst: Szenarien als Denkformen, als Möglichkeitsräume. Kahn, Bell und Drucker wagten keine Prophezeiung, sondern etwas viel Subversiveres: sie boten Optionen an, die heute wieder notwendig wären – nicht als Orakel, sondern als offene Gedankenräume für Entscheidungsträger.

Genau dort setzt die nächste Ausgabe der Zukunft Personal an. In der Livestream-Sendung ZPNachgefragt – am 29. Juli um 15 Uhr – diskutieren wir die Denkarchitekturen der kommenden Jahre. Die Think Tanks der ZP Europe stehen dabei im Fokus: Learning & Development, Corporate Health und Innovation. Mit dabei: Martina Hofmann, Sven Semet, Rupert Felder und Oliver Walle.

Ein kleiner Trost: Herman Kahn hätte wahrscheinlich zugehört. Mit skeptischem Blick. Und einem Notizbuch voller neuer Szenarien.

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