
Aus dem „Berliner Journal“ von Max Frisch, erschienen im Suhrkamp Verlag.
Literaturlesung.
Die Schriftstellerei als Beruf, eine Deformation, die uns das Gefühl gibt, zu leben, um etwas zu sagen. Berlin, eine Stadt ohne eine einzige Zeitung von Rang, und ich lebe jetzt ohne Vorsatz.
Watergate, ein Skandal, der uns alle betrifft. Eine Verhöhnung der Demokratie, ein moralischer Bankrott im Sinne der Systemmoral. Eine Weltmacht, die unsere Schutzmacht ist, steht vor dem Abgrund. Der Verdächtige, der Präsident, kann Zeugen aus dem Weißen Haus, die ihn belasten könnten, die Aussage vor dem Untersuchungsausschuss verbieten. Eine Groteske, die uns alle betrifft, ob wir es wollen oder nicht.
Frühstück mit Literatur, keine Überraschungen, keine Verblüffungen. Sein natürlicher Charme, der mich immer wieder betört, kann nicht anders als natürlich sein, auch wenn er taktisch eingesetzt wird. In seiner Gesellschaft, in seiner Geselligkeit, verspüre ich keinerlei Bedürfnis, HM Enzensberger zu hinterfragen, seine politische Verbindlichkeit zu testen.
Unser letztes Treffen war 1968, bei einer schwierigen Sitzung in Frankfurt. Die Sozialisierung des Verlags, für die er sich eingesetzt hat, wurde als unrealistisch bezeichnet. Ein Revolutionär der Praxis, der heute seine damaligen Forderungen ohne Reue betrachtet. HM Enzensberger ist weitergegangen, er spricht von Phasen und ich sehe, sie haben ihm nichts angetan, keine Narben hinterlassen.
Sein Verhältnis zur Öffentlichkeit, kein Zerwürfnis, nur nimmt er es nicht ernst, so scheint es. Ein Zyniker, der plant, in nächster Zeit Spielzeug zu machen. Kein Eifer, aber Radikalismen machen ihm Spaß. Und wenn man ihn eine Nacht lang beobachtet, bis er sagt, draußen wird es hell, so gönnt man ihm den Spaß, wie den Vögeln das frühe Zwitschern.
Sein infames Spottgedicht auf Mitscherlich ist nicht zur Sprache gekommen. Er hätte es weder bereut noch über alle Maßen verteidigt. Der Autor als Agent der Massen, er bleibt nicht an seinen Irrtümern kleben, sie lassen ihn frei. Ein angenehmer Mensch, der sich selbst nichts nachträgt.
Halbwegs aus dem „Berliner Journal“ von Max Frisch, erschienen im Suhrkamp Verlag.