
Zitat heißt: Ich war da. Ich habe etwas, das andere brauchen. In der Medienwelt ist das die härteste Währung. Wer oft zitiert wird, bestimmt nicht nur Gespräche – er bestimmt, worüber überhaupt gesprochen wird. Die Media-Tenor-Auswertung für 2025 zeigt deshalb keine bloße Rangliste. Sie zeigt ein System. Und dieses System hat Schlagseite.
Die BILD-Gruppe baut ihre Dominanz aus. 2025 liegt sie bei 1.476 Zitaten, 2024 waren es 1.374. Auf Platz zwei folgt die SPIEGEL-Gruppe – aber mit Abstand und mit Verlusten: 924 nach 1.073. Auch Handelsblatt und Süddeutsche verlieren. Gewinner sind neben BILD unter anderem die RTL/ntv/STERN/CAPITAL-Gruppe sowie FAZ und Tagesspiegel. Das ist mehr als ein Stimmungsbild: Es ist ein Machtwechsel im Zitierkartell der Leitmedien.
Dominator Bild
Warum BILD? Die Studie nennt einen Treiber beim Namen: „Horse-Race“-Berichterstattung, also Umfragen als Dauer-Drama. Umfragen sind bequem. Sie sind schnell. Sie liefern Zahlen, die jede Redaktion ohne großen Aufwand in eine Schlagzeile gießt. Und sie sind politisch verwertbar. Wer Umfragen setzt, setzt Themen – und wer Themen setzt, wird zitiert. Das Problem: Umfragen sind kein Ersatz für Politikberichterstattung. Trotzdem wurden sie 2025 zum zweithäufigsten Zitate-Thema, direkt hinter der Asylpolitik. Das ist eine medienpolitische Warnlampe.
Denn Zitate entstehen nicht im luftleeren Raum. Zitate entstehen in Redaktionskonferenzen. Dort entscheidet man: Machen wir das groß – oder klein? Nehmen wir den Konflikt – oder die Lösung? Den Skandal – oder die Struktur? Das Ranking legt nahe: Was sich gut zuspitzen lässt, gewinnt. Parteipolitik steht an der Spitze der Zitate-Themen, dazu innere Sicherheit, internationale Konflikte, Krieg. Drängende Dauerbaustellen wie Rente, Bildung, Arbeitsmarkt tauchen in dieser Top-Liste nicht als Zugpferde auf. Gesundheit schafft es immerhin unter die Top 15. Aber das Gesamtbild bleibt: Außen, Alarm, Aufregung. Innen, Alltag, Ausdauer: zu selten.
Angelsächsische Tiefenbohrer gefragt
Politico springt 2025 sichtbar nach oben; als Grund nennt die Auswertung ein Trump-Interview, das die Plattform „deutlich nach oben“ katapultiert. Die Financial Times schärft ihr Profil als Quelle für internationale Wirtschaftsbeziehungen und wird mit Analysen und Recherche besonders häufig zitiert. Das ist interessant: Wenn es um die Weltwirtschaft geht, vertrauen deutsche Leitmedien auf angelsächsische Tiefenbohrer. Wenn es um deutsche Innenpolitik geht, vertrauen sie auffällig oft auf den heimischen Krawallmotor. Beides zusammen ergibt ein merkwürdiges Menü: außen präzise, innen polarisiert.
Tagesspiegel kann punkten
Der Tagesspiegel zeigt, wie Agenda-Setting funktioniert – selbst im Sommerloch. Recherchen zu Moskau-Reisen und Konferenzauftritten trieben die Zitate in den Monaten Juli und August; später sogar eine Feiertagsdebatte. Das ist die gute Nachricht: Journalistische Arbeit kann durchdringen. Die schlechte Nachricht: Sie muss oft den Umweg über Empörung nehmen, um den Zitat-Olymp zu erreichen.
Der Politikteil ist die Zitat-Schaltzentrale. Und dort ist BILD „das Maß der Dinge“. Das ist nicht bloß ein journalistisches Detail. Das ist medienpolitisch relevant, weil Zitate in Leitmedien Rückkopplung erzeugen: Politik liest Medien, Medien zitieren Medien, Politik reagiert auf das, was Medien als Reaktion darstellen. Ein Zirkel. Wenn in diesem Zirkel ein Medium mit Umfragen und Zuspitzung dauerhaft dominiert, verschiebt sich der Ton. Der Diskurs wird schneller, härter, taktischer. Und wer am Rand steht, bekommt mehr Bühne – nicht weil er stärker argumentiert, sondern weil er stärker klickt.
Bild stark auch bei Wirtschaftsthemen – ARD und ZDF schwach
Im Wirtschaftsteil fällt eine zweite Schieflage auf. Handelsblatt und Financial Times führen – erwartbar. Überraschend ist, dass BILD im Wirtschaftsteil deutlich vor dem SPIEGEL liegt, während ARD und ZDF dort schwach sind. Wer Wirtschaft nicht erklären kann, verliert Einfluss. Und wer Einfluss verliert, verliert wiederum die Fähigkeit, wirtschaftspolitische Debatten zu erden – gerade in Zeiten von KI, Robotik und Umbrüchen in Schlüsselbranchen. Die Studie zeigt: 2025 rücken IT, Elektro, KI und Robotik als Zitat-Treiber nach vorn; der Auto-Sektor nutzt sich ab; Chemie fällt durchs Raster. Das ist kein naturgegebenes Abbild der Realität – das ist eine Auswahl.
TwitterX wichtigste Plattform im Zitate-Ranking

Plattformen sind längst Mitsender. X (Twitter) bleibt die dominierende zitierte Plattform; Truth Social legt zu, bleibt aber stark an Trump gebunden. LinkedIn steigt als Zitierquelle – auf einem Niveau, das plötzlich mit etablierten Marken konkurriert. Table.Media verdoppelt seine Sichtbarkeit und hängt einen prominenten Konkurrenzbrief ab. Das alles zeigt: Die Grenze zwischen Redaktion und Netzwerk löst sich auf. Wer medienpolitisch noch so tut, als sei „Presse“ ein klar umgrenztes Gebiet, verwaltet ein Museum. Zitate Gesamtjahr 2025
Was folgt daraus? Keine Moralpredigt. Regeln.
Transparenzregeln für Umfragen.
Wenn Umfragen den Diskurs treiben, müssen Herkunft, Methode, Unsicherheit und Auftraggeber in der Berichterstattung sichtbar sein – und zwar standardisiert. Und: Redaktionen sollten offenlegen, wie oft sie Umfragen ohne neue politische Substanz spielen. Das ist kein Maulkorb. Das ist Hygiene.
Öffentlich-rechtlicher Auftrag im Wirtschaftsteil ernst nehmen.
Wenn öffentlich-rechtliche Anbieter bei Wirtschaft schwächeln, ist das ein Auftragsproblem – nicht nur ein Redaktionsproblem. Wirtschaft ist Alltagspolitik: Mieten, Energie, Jobs, Innovation. Wer das nicht beherrscht, überlässt das Feld den Lauten oder den Londonern.
Plattformkompetenz als Pflichtfach – auch für Redaktionen.
Wenn X, LinkedIn und alternative Portale zitierfähig werden, brauchen Redaktionen klare Standards: Verifikation, Kontext, Missbrauchsschutz. Und Medienaufsicht braucht die Fähigkeit, systemische Verstärker zu erkennen: Welche Plattformmechanik macht welches Narrativ groß?
Mehr Themenmut.
Das Zitate-Ranking zeigt eine Fixierung auf Parteipolitik und Konflikte. Medienpolitik kann das nicht verordnen. Aber sie kann Räume schaffen: für Bildung, Infrastruktur, Demografie. Nicht als „Service“, sondern als Machtfrage.