
Volkmarsen als Weltmarktmodell
Es hat etwas Rührendes, wie in Deutschland Weltwirtschaft gemacht wird: Ein Kanzler kommt aus China zurück, sagt in Volkmarsen etwas über Work-Life-Balance, und irgendwo in Peking laufen die Klickzähler heiß. Aus dem Video wird ein Hashtag, aus dem Hashtag eine Diagnose, aus der Diagnose eine Forderung. Wenn man das Land lieben will, muss man seine Symbole ertragen. Diesmal heißt das Symbol: die eine Stunde.
Merz will mehr Arbeitseinsatz. Söder will eine Stunde mehr ohne Lohnausgleich. Schularick will zehn Prozent mehr Arbeit – ebenfalls ohne Lohnausgleich. Und Rainer Hank legt, ganz im Ton der volkswirtschaftlichen Grundschule, die Multiplikation dazu: Produktivität je Stunde mal Stunden gleich Wohlstand. Wer da widerspricht, muss schon sehr populistisch sein. Oder Philosoph.
Der Müllmann als Projektionsfläche
Richard David Precht liefert Hank den perfekten Gegner: rhetorisch stark, ökonomisch unterkomplex. Müllmänner, Bestatter, keine zusätzlichen Tonnen, keine zusätzlichen Leichen – also auch kein Wachstum. Hank kontert: Doch, es gibt Knappheit, es gibt offene Stellen, eine Stunde mehr verbessert die Dienstleistung oder spart Personal. Das ist alles nicht falsch. Nur trifft es das Problem genauso wenig wie Prechts Polemik.
Denn die Debatte tut so, als wäre „Arbeit“ eine homogene Flüssigkeit, die man in beliebige Gefäße gießen kann: eine Stunde mehr hier, zehn Prozent mehr dort, und schon steigt der Pegelstand der Wertschöpfung. In der Realität ist Arbeit aber kein Wasser, sondern ein Gemisch aus Qualifikation, Koordination, Nachfrage, Gesundheit, Technologie – und zunehmend: aus der Fähigkeit, in volatilen Märkten überhaupt steuerbar zu bleiben.
Wenn Kommunen Entsorgungshelfer suchen, ist die Frage nicht nur, ob der vorhandene Müllmann länger arbeitet. Die Frage ist, warum der Job unattraktiv ist, warum Schichten, Löhne, Routendesign, Gerätepark, Digitalisierung der Tourenplanung, Führung und Personalausstattung nicht zusammenpassen. Eine Stunde mehr kann kurzfristig flicken. Sie ist aber kein System.
Robinsons Insel – und unser Festland
Hanks Robinson-Beispiel ist klassisch, gerade deshalb sehr fraglich: Auf Robinsons Insel ist jede zusätzliche Stunde potenziell ein zusätzlicher Fisch. Auf unserem Festland hängt der zusätzliche Fisch daran, ob es überhaupt einen Markt gibt, ob die Lieferkette steht, ob Energiepreise kalkulierbar sind, ob Maschinen laufen, ob Teams koordiniert sind, ob Fehlzeiten explodieren, ob Prozesse so bürokratisch sind, dass man die Stunde vor allem mit internen Schleifen verbringt.
Und noch etwas unterschlägt die Robinson-Mathematik: Die Produktivität je Stunde ist keine Konstante, die man beliebig mit mehr Stunden multipliziert. Wer länger arbeitet, arbeitet nicht automatisch gleich produktiv. Müdigkeit ist keine Ideologie, sondern Biologie. Mehr Stunden können die Stundenproduktivität senken, Fehlerquoten erhöhen und Krankheitstage nach oben treiben – dann wird aus der „Wohlstandsstunde“ eine teure Stunde, die man später mit Ausfällen, Fluktuation und Reibungsverlust bezahlt. Das ist die Ironie: Die Stunde, die den Wohlstand retten soll, kann ihn bei falscher Anwendung unterminieren.
Der eigentliche Skandal heißt nicht Work-Life-Balance
Man kann Hank zugestehen: Deutschland ist kein Land der 9-9-6-Askese. Und wer nur auf Stunden schaut, findet Länder, die mehr arbeiten und dadurch mehr Output pro Kopf haben. Aber das führt zur falschen politischen Moral: als sei der Wohlstand vor allem eine Frage der Sitzfleischbereitschaft. Das ist bequem, weil es Verantwortung verschiebt. Wer „mehr Stunden“ ruft, muss weniger über Standortpolitik reden, weniger über Kinderbetreuung, weniger über Steuer- und Abgabenkeile, weniger über überlastete Verwaltungen, weniger über Investitionsschwäche, weniger über die Tatsache, dass wir in vielen Organisationen nicht an zu wenig Arbeit scheitern, sondern an zu viel unproduktiver Arbeit.
Die Stunde ist ein Ersatzkrieg. Er wird geführt, weil er so herrlich einfach klingt. Er ist der politische Cousin der Diätidee: Iss einfach weniger und alles wird gut. In der Arbeitswelt lautet sie: Arbeite einfach mehr und alles wird gut.
KI als Ausrede – und als Chance
Hank streift am Ende noch die KI: Ob sie kompensatorisch wirkt, stehe „in den Sternen“. Genau da liegt der nächste Denkfehler der Stundenfraktion. KI ist keine Wolke über Robinsons Insel. KI ist ein Werkzeug, das – richtig eingesetzt – Koordination, Suchkosten, Dokumentationslasten, Qualitätskontrolle, Training und Wissenszugriff massiv verändert. Sie kann die berühmte „eine Stunde“ auf zwei Arten schlagen: indem sie dieselbe Arbeit schneller macht oder indem sie neue Arbeit überhaupt erst ermöglicht, weil Menschen nicht mehr in administrativen Nebenkriegsschauplätzen versinken.
Aber KI ist auch das Gegenteil einer Ausrede. Denn KI fordert Organisation: Datenqualität, Governance, Qualifizierung, Change. Wer nur die Stunde erhöht, ohne diese Grundlagen zu bauen, betreibt analoges Nachbessern im digitalen Strukturwandel. Das ist, als würde man bei Gegenwind stärker rudern, während das Segel eingerollt bleibt.
Wo Merz, Söder, Hank – und ja, auch Precht – danebenliegen
Precht liegt falsch, weil er Knappheit und Dynamik ignoriert und aus guten Bildern falsche Schlüsse zieht. Hank liegt falsch, weil er aus richtiger Volkswirtschaftslehre eine politische Monokausalität baut. Merz und Söder liegen falsch, weil sie aus einer Standortfrage eine Moralfrage machen. Und alle zusammen liegen falsch, weil sie so tun, als wäre die Zukunft des Wohlstands ein Wettbewerb um die längste Anwesenheit.
Die unbequeme Wahrheit lautet: Deutschland braucht nicht zuerst mehr Stunden. Deutschland braucht mehr Wertschöpfung pro Stunde und pro eingesetztem Kopf, weniger krankmachende Reibung, bessere Vereinbarkeit, klügere Arbeitszeitmodelle, höhere Erwerbsbeteiligung, bessere Integration, bessere Führung, weniger Bürokratie – und eine KI-Strategie, die nicht nach Tool aussieht, sondern nach Betriebssystem.
Wenn man unbedingt ein Bild aus der Entsorgungswirtschaft nehmen will: Der Wohlstand kippt nicht, weil die Müllmänner zu früh Feierabend machen. Er kippt, wenn die Tonne größer wird, die Route chaotischer, das Fahrzeug alt, die Planung analog, die Regeln unübersichtlich, die Krankenquote hoch – und die Politik glaubt, man müsse nur den Fahrer eine Stunde länger im Kreis fahren lassen.
Siehe auch: