
Wer am 6. Februar 2026 durch Valldemossa geht, erlebt zunächst das Übliche: Stein, Schatten, eine sorgfältig kuratierte Langsamkeit. Und doch ist diese Langsamkeit hier nicht bloß Kulisse, sondern – historisch betrachtet – ein Medium des Denkens. Denn oberhalb des Ortes, dort wo die Tramuntana zum Meer hin abrupt abfällt, hat ein Mallorquiner im 13. Jahrhundert einen der kühnsten Versuche unternommen, Vernunft als Verfahren zu entwerfen: Ramon Llull.
Man kann Llull leicht falsch einsortieren: als Mystiker, als Missionar, als mittelalterlichen Vielschreiber. Alles stimmt – und verfehlt doch den Punkt. Entscheidend ist nicht, dass er glaubte, sondern wie er glauben wollte: nicht über Ekstase allein, sondern über Struktur, über Kombination, über eine Methode, die Streit in eine Art Rechenaufgabe verwandeln sollte. Das klingt modern, nicht weil Llull „Computer“ geahnt hätte, sondern weil er einen Gedanken vorwegnimmt, der die Moderne durchzieht: dass Erkenntnis nicht nur gefunden, sondern hergestellt werden kann – durch Regeln.
Miramar: Schule, Labor, Balkon
1276 gründet Llull – unter der Herrschaft Jaume (Jakob) II. – im Kloster/Monasterio von Miramar bei Valldemossa eine Missionarsschule. Der Zweck ist bemerkenswert nüchtern: Franziskaner sollen Arabisch lernen und zugleich die lullistische Kunst studieren, um in islamischen Gebieten argumentieren zu können. Eine päpstliche Bestätigung aus dieser Zeit belegt die Gründung und Zielsetzung; die Vita coetanea schreibt Llull eine maßgebliche Rolle bei der Initiative zu.
Die Zahl hat etwas Symbolisches und etwas Praktisches: dreizehn Brüder, die in einem begrenzten Setting eine universale Ambition einüben. (Und die Topographie liefert das passende Bild dazu: Miramar liegt an der maritimen Flanke der Tramuntana, ein „Balkon“ über dem Mittelmeer – schön, ja, aber vor allem: exponiert. Wer hier denkt, denkt gegen Wind und Weite an; Universalität wird nicht behauptet, sie wird erzwungen.
Llull selbst hält sich nach den gängigen Angaben mehrere Jahre dort auf (bis etwa 1279). Später wird Miramar verlassen (um 1295), und Llull beklagt diesen Verlust in seinem Desconhort: Der Mann der Methode trifft auf die Unzuverlässigkeit der Institution.
Die „Kunst“ als Algorithmus ohne Maschine
Llulls berühmte Ars ist im Kern eine Kombinatorik von Grundbegriffen. Man ordnet zentrale Prädikate und Relationen, setzt sie in systematische Paarungen und Dreiergruppen, prüft die resultierenden Aussagen – und gewinnt so Argumentationsketten, die sich nicht auf Eingebung, sondern auf Durchlauf stützen. In moderner Sprache: eine endliche Symbolmenge, Regeln der Verknüpfung, ein Verfahren zur Generierung und Prüfung von Sätzen.
Darin liegt der Grund, warum Llull heute gern als Vorläufer programmatischen Denkens aufgerufen wird: Nicht weil er „programmierte“, sondern weil er Denken als ausführbaren Prozess begriff – als etwas, das man in Schritte zerlegen und wiederholen kann. Eine aktuelle KI- und Informatik-Perspektive beschreibt Llulls kombinatorische Kunst ausdrücklich als Prozess von Analyse und Rekonstruktion und stellt sie in Beziehung zu späteren formalen Verfahren.
Der Clou (und die Ambivalenz) liegt in Llulls Ziel: Diese Maschine aus Begriffen sollte nicht nur elegant sein, sondern bekehrungsfähig. Vernunft als Missionsinstrument – ein Projekt, das heute fremd wirkt und zugleich vertraut, weil wir die Verfahrensgläubigkeit behalten haben, nur die Theologie ausgetauscht: Damals sollte die Methode zur Wahrheit führen, heute soll sie zur Optimierung führen.
1485: Von der Denkmühle zur Druckpresse
Miramar ist nicht nur ein Denk-Ort, sondern später auch ein Medien-Ort. Im 15. Jahrhundert lassen sich dort Lullisten nieder und richten eine Druckerei ein; 1485 erscheint das erste gedruckte Buch auf Mallorca. Ein einschlägiger Bericht nennt als ersten Inkunabeldruck aus dieser Presse Jean Gersons Tractatus de regulis mandatorum, datiert auf den 20. Juni 1485.
Damit bekommt Llulls Projekt, ohne sein Zutun, eine zweite Existenzform: Die Methode, ursprünglich als Debattier- und Missionsinstrument gedacht, wird Teil einer Infrastruktur, die Reproduzierbarkeit zur kulturellen Norm macht. Zwischen den Rädern der Begriffe und den Rädern der Druckpresse liegt weniger Abstand, als man denkt.
Der Erzherzog und die Erinnerung als Bauform
Im 19. Jahrhundert tritt eine andere Figur auf die Bühne der mallorquinischen Erinnerungspolitik: Erzherzog Ludwig Salvator erwirbt Miramar 1872, lässt die Kapelle bzw. das Oratorium wiederherstellen und setzt Llull durch Monumente ins Landschaftsbild zurück; für die Restaurierung wird in Darstellungen häufig 1877 genannt.
Man kann das als Romantik abtun. Aber in Wahrheit ist es eine Fortsetzung der lullistischen Idee mit anderen Mitteln: Auch hier wird ein System gebaut, das Bedeutung stabilisiert – diesmal nicht über Logik, sondern über Architektur, Aussichtspunkte, Gedenkzeichen.
Und über allem liegt die Tramuntana als kulturelles Gelände: Seit 2011 ist die Serra de Tramuntana als Kulturlandschaft UNESCO-Welterbe – Terrassen, Wasserwerke, Trockensteinmauern, eine über Jahrhunderte entwickelte „Technik“ der Landschaft. Genau in dieser Kulisse wirkt Llull weniger wie ein Exot als wie ein konsequenter Bewohner: Einer, der Ordnung nicht als Gegensatz zur Natur verstand, sondern als deren lesbare Grammatik.
Von Bruno über Leibniz bis heute
Wer inspirierte sich an Llull? Nicht wenige – und nicht zufällig gerade jene, die an der Grenze zwischen Vorstellungskraft und Formalisierung arbeiteten.
- Giordano Bruno verbreitete und kommentierte Llulls ars magna und seine Kombinatorik; Llull wird hier zur Scharnierfigur zwischen Gedächtniskunst, Philosophie und Formexperiment.
- Athanasius Kircher übernimmt den Gedanken kombinatorischer Geräte; einschlägige Darstellungen nennen Llull ausdrücklich als einen wichtigen Einfluss auf Kirchers eigene Wissensmaschinen.
- Leibniz schließlich zieht aus Llulls Projekt zentrale Aspirationen: die Idee elementarer Begriffsbausteine und eine Methode ihrer Kombination – Grundmotive seiner characteristica universalis und des Traums, Streitfragen durch Kalkül zu entscheiden.
Und „bis heute“? Llull ist in der Gegenwart weniger ein Ahnherr als ein Wiederkehrer: in Ausstellungen über „Denkmaschinen“, in Debatten über formale Logik und KI, in der Kunst, die mit Permutation und Regelspiel arbeitet, und in einer Informatikgeschichtsschreibung, die sich daran erinnert, dass „Rechnen“ einmal bedeutete, Begriffe rotieren zu lassen, nicht nur Zahlen.
Valldemossa, ein Schluss
Wenn man nach einem Tag in Valldemossa zurückblickt, bleibt vielleicht ein paradoxes Gefühl: Diese Gegend wirkt wie der Inbegriff des Unberechenbaren – Fels, Wind, Lichtwechsel. Und doch war sie Schauplatz eines Denkens, das dem Unberechenbaren mit Methode begegnen wollte.
Llulls Versuch, Wahrheit durch Kombination zu erzwingen, wirkt aus heutiger Sicht anmaßend. Aber er ist auch eine frühe Selbstbeschreibung Europas: der Glaube, dass man mit genügend Symbolen, genügend Regeln und genügend Geduld das Fremde nicht nur verstehen, sondern überzeugen könne. Dass daraus später Rechenmaschinen, Logiken, Programme wurden, ist kein gerader Stammbaum – eher eine Reihe von Familienähnlichkeiten. Doch Miramar, dieser Balkon über dem Meer, macht die Pointe sichtbar: Nicht die Technik ist das Moderne an Llull, sondern die Idee, dass Denken formalisiert werden darf – und dass genau darin seine Gefahr und seine Verheißung liegen.