
Nachtigall, ick hör dir trapsen. Was Figuren wie Maximilian Krah, Spitzenkandidat der AfD für die Europawahl, und reiche Förderer der rechten Bewegung in Deutschland absondern, hinterlässt bei mir ein mulmiges Gefühl. Da wird offen über ethnische Säuberungen nachgedacht, Blut-und-Boden-Ideologie verbreitet, von deutscher Volksgemeinschaft gesprochen und zynisch von der Notwendigkeit einer Remigration fabuliert. Im ersten Schritt rücken drei Gruppen in den Vordergrund: Asylbewerber, Ausländer mit Bleiberecht – und „nicht assimilierte Staatsbürger“. Letztere seien aus Sicht der rechten Chefdenker das größte „Problem“. Es gibt dann handverlesene Menschen, die in Deutschland unbehelligt leben können und Menschen, die man verdrängen will. Die völkische getränkte Politik folgt den Spuren der Rechtsbewegung in den 1920er Jahre. Es ist das gleiche Drehbuch. Krah und Co. sprechen von der „Idee eines großen Ganzen“, von einer „natürlichen Ordnung“ und von den Kräften der Natur, der Biologie, der Gemeinschaft, von Volk, Familie und Mutterschaft. Familie, Volk und Gemeinschaft stehen bei Krah für Homogenität, Kollektivität, Vertrauen, Ehrlichkeit und Rechtstreue. „Volk ist Schicksal“, behauptet Krah, und „der Kampf um die Familie entscheidet alles“.
Freiheitsrecht und Individualismus stören in diesem Reinheitsgebot. Es ist das Anti-Schumpeter-Credo. Die „neuen Kombinationen“ im Sinne von Schumpeter zeichnen sich durch ein hohes Maß an Individualismus, durch Wettbewerb, aber auch durch Vertrauen und Fairness aus, auch und gerade gegenüber Dritten und Fremden.
Der ideologisch aufgepumpte völkische tabula-rasa Ansatz ist nicht harmlos. Er führt zu einer Konstellation, die der Ökonom Wilhelm Röpke, einer der Wegbereiter der Sozialen Marktwirtschaft nach 1945, hellsichtig analysierte. Was ihn in der kritischen Situation der Jahre 1931 und 1932 besonders empörte, war die leichtfertige Katastrophensucht, mit der viele bürgerlich-konservative Intellektuelle das Ende der Republik und das Ende ihres angeschlagenen Wirtschaftssystems herbeizureden bemüht waren, um den Weg für ein neues Zeitalter politischer und wirtschaftlicher Ordnung zu bahnen. Man braucht sich nur die heutigen Crashpropheten im AfD-Milieu, die nicht nur den Untergang von Euro und westlicher Demokratie herbeisehnen, sondern mit ihrem Krisen-Geschrei auch noch Kasse machen wollen über Gold- und Silber-Geschäfte. Das Augenmerk von Röpke richtete sich auf die „parfümierten Nationalsozialisten“, die in ihrer Zeitschrift „Die Tat“ (der so genannte Tat-Kreis) im Pessimismus schwelgten, sich an der Vertrauenskrise des Kapitalismus labten und in schwülstigen Gedanken über wirtschaftliche Autarkie ergingen. Noch stärker als das antiparlamentarische, antirepublikanische Argument wog in den Heften der Tat das Plädoyer für einen ökonomischen Systemwechsel, durch den Deutschland aus den Klauen des westlichen Kapitalismus befreit werden sollte.
In dem rechtskonservativen Intelligenzblatt redeten Ferdinand Zimmermann alias „Ferdinand Fried“, Giselher Wirsing, Horst Gruenenberg und Hans Zehrer einem strikten Agrarprotektionismus, wirtschaftlicher Autarkie, kollektivistischer Planwirtschaft, Devisenzwangswirtschaft und staatlichem Außenwirtschaftsmonopol das Wort, um den Weg „zum nationalen Heil“ zu beschreiten. Geistige Wiedergänger finden sich heute auf der Seite der „Neuen Rechten“, wenn beispielsweise Götz Kubitschek in der Zeitschrift Sezession Vorbehalte gegen den „liberalen Markt“ formuliert und sich für ein „Wir-Denken im Volksrahmen“ ausspricht.
Röpke sprach Klartext, wurde aber zu wenig gehört: „Ein freudiges Sichwälzen in der Suhle der Barbarei“, „Nationalsozialismus der geistig Anspruchsvollen“, ein Gemisch aus Börsenklatsch und Oswald Spengler“, „neurotische Rebellen“, denen er in Anlehnung an Siegmund Freud ein „Unbehagen an der Kultur attestierte“ – in solch drastischen Formulierungen ließ er der in ihm brodelnden Empörung freien Lauf und rief zum geistigen Widerspruch auf. Als einer der wenigen Nichtjuden wurde Röpke von der ersten Säuberungswelle an den deutschen Universitäten erfasst und ging ins Exil nach Istanbul und Genf. Fried setzte seine Auseinandersetzung mit Wilhelm Röpke noch bis in die Kriegsjahre fort und verhöhnte seinen emigrierten Kontrahenten.
Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges konnten sich Röpkes wirtschaftliche Überlegungen in der Bundesrepublik vielfach durchsetzen. Wie lange hält das demokratische Regelwerk des Grundgesetzes noch?

Mein Weg würde nach Israel führen. Mein Großvater würde sich wohl auch so entscheiden.