Die Ökonomie der verlorenen Zeit

Dass die Marcel Proust Gesellschaft ihr Zürcher Symposium vom 11. bis 13. Juni dem Thema „Marcel Proust und die Ökonomie / Marcel Proust et l’économie“ widmet, ist mehr als eine glückliche Zuspitzung. In der Einladung ist von einem wichtigen, bislang aber nur selten systematisch untersuchten Aspekt von Prousts Leben und Werk die Rede; schon die angekündigten Vorträge über den homo oeconomicus, den Gefühlshaushalt, die Börse, die Kurtisane, den rollenden Luxus und den Wert der Liebe zeigen, dass es hier nicht um eine äußerliche Anheftung geht, sondern um eine innere Kategorie der Recherche. Organisiert wird das Symposium von Thomas Klinkert (Universität Zürich) und Jürgen Ritte (Université Sorbonne Nouvelle, Paris) in Zusammenarbeit mit dem Romanischen Seminar der Universität Zürich.

Geld als Gesellschaftssprache

Proust unter ökonomischem Vorzeichen zu lesen heißt zunächst, sich von einer alten Verharmlosung zu lösen. Zu gern hat man die Recherche als Roman der Erinnerung, der Eifersucht, der Krankheit, der Kunst und der Salons betrachtet, mithin als ein Werk von erlesener Nutzlosigkeit. In Wahrheit ist diese Welt von Geld durchzogen, nur eben nicht in der groben Sprache der Rechnung, sondern in der feineren des Milieus. Besitz erscheint als Herkunft, Erbschaft, Heirat, Anlage, Name, Zutritt. Schon biographisch steht Proust in einem Gefüge, in dem Vermögen und Bildung einander tragen: auf der einen Seite der gesellschaftliche Aufstieg des Vaters, auf der anderen ein mütterliches Milieu aus Wohlstand, Geschäftssinn und Finanzverstand; selbst Horace Finaly, der Proust später bei Geldanlagen beriet, gehört zu diesem Hintergrund. Geld ist hier nicht bloß Mittel, sondern diskrete Infrastruktur einer Lebensform.

Der Preis der Distinktion

Freilich ist Geld bei Proust fast nie nur Geld. Es wird umgemünzt in Rang, Stil, Eleganz, Sicherheit des Auftretens, in die Magie des Namens und die Grausamkeit des Ausschlusses. Gerade darin liegt die Modernität seines Blicks. Die eigentlichen Unterschiede verlaufen nicht allein zwischen arm und reich, sondern zwischen altem Adel und neuem Vermögen, zwischen legitimer Souveränität und angestrengter Distinktion. Besonders scharf erfasst Proust jene Welt des Geldes, die bereits in die Sphäre der Aristokratie hineindrängt und eben deshalb den Abstand umso demonstrativer markiert. Luxus ist bei ihm keine Komfortfrage, sondern eine Zeichensprache. Der Blick, der Gang, die Bekanntschaft, der Familienname, die Art der Einladung — alles wird zum sozialen Emblem. Nicht Besitz allein trennt, sondern die Fähigkeit, ihn in Selbstverständlichkeit zu verwandeln.

Gegen die falsche Wertlehre

Von hier aus wird auch die berühmte Norpois-Szene lesbar. Sie ist nicht nur eine Satire auf den diplomatischen Banausen, sondern eine kleine Theorie des falschen Werturteils. Norpois misst Literatur an Karrierefähigkeit, gesellschaftlicher Brauchbarkeit und jenem Erfolg, den das Bürgertum so gern mit Qualität verwechselt. Bezeichnenderweise wird diese verfehlte Ästhetik durch ein kulinarisches Gleichnis gespiegelt: hier das teure, exotische, misslungene Gericht, dort die schlichte, gelungene Komposition. Proust setzt dem Prestigedenken der Zutaten die Form der Verbindung entgegen. Wert entsteht nicht durch Kostbarkeit, sondern durch Struktur, Dauer und Durchdringung. Was der Markt rasch belohnt, interessiert ihn nur am Rand; was ihn beschäftigt, ist die langsame Bildung von Zusammenhang. Die Recherche ist, wenn man so will, das Gegenteil eines spekulativen Geschäfts: ein Werk des langen Garens.

Zeit als Kapital

Am tiefsten berührt das Ökonomische bei Proust jedoch die Zeit. Denn die verlorene Zeit ist in einem doppelten Sinn verloren: als vergangene Zeit und als verschwendete Zeit, als auf Gesellschaften, in Gewohnheiten, in Eitelkeiten vertane Lebenssubstanz. Gerade darin zeigt sich die eigentliche Radikalität des Romans. Er behandelt Zeit nicht bloß elegisch, sondern beinahe buchhalterisch — nicht im Sinn des Rechnens, wohl aber im Sinn der Frage, was aus einem Leben geworden ist. Die unwillkürliche Erinnerung ist deshalb mehr als ein psychologisches Wunder; sie ist eine Rückgewinnung. Erst die Kunst verwandelt, was zerstreut und unfruchtbar schien, in Dauer. Proust ist in diesem Punkt antiökonomisch und ökonomisch zugleich: antiökonomisch, weil er den platten Nutzenkalkül lächerlich macht; ökonomisch, weil er unerbittlich fragt, welcher Ertrag aus dem Erlebten zu ziehen sei.

Der Markt der Gefühle

Damit rückt auch jene Sphäre in den Blick, die das Zürcher Symposium mit gutem Grund als Gefühlshaushalt, als Wert der Liebe oder als venale Dimension der Beziehung zu Albertine beschreibt. Bei Proust sind Affekte niemals unschuldig. Liebe ist Hingabe und Besitzanspruch, Verzückung und Verwaltung, Verheißung und Drohung des Verlusts. Eifersucht ist die Buchhaltung des Herzens. Selbst wo das Gefühl sich am reinsten gibt, arbeitet im Hintergrund eine Logik des Tauschs, der Exklusivität, der Verfügbarkeit. Das ist nicht Zynismus, sondern Präzision. Proust macht die Intimität nicht geringer, sondern genauer, indem er zeigt, wie tief sie in eine Ordnung des Begehrens eingelassen ist, die fortwährend rechnet, ohne je aufzugehen.

Die Kurtisane und die Moralökonomie der Gesellschaft

Besonders deutlich wird diese Verflechtung an der Figur der Kurtisane. Sie ist bei Proust nicht nur Ware in einer zynischen Tauschordnung, sondern eine Schlüsselfigur sozialer Wahrheit. Die Gesellschaft verachtet sie, während sie sich zugleich von ihr formen lässt. In den Notizen zu Rachel erscheint sie geradezu als Schule des Takts, der Sensibilität, der Verfeinerung, ja als Instanz einer kulturellen Erziehung, zu der der Adel aus eigener Kraft oft nicht mehr fähig ist. Das ist die eigentliche Unverschämtheit dieser Figur: dass ausgerechnet dort, wo die offizielle Moral nur Venalität erkennen will, Formen von Zartgefühl, Geschmack und Bildung hervorgebracht werden. Die Kurtisane entlarvt damit eine Gesellschaft, deren Würde von ihr zehrt, während sie sie verachtet.

Glanz und Unterbau

Eine ökonomische Lektüre Prousts hat noch einen weiteren Vorzug: Sie zwingt dazu, unter die glänzenden Oberflächen zu sehen. Die Welt der Guermantes, der Equipagen, Diners und Empfänge ruht auf einem Unterbau aus Diensten, Löhnen, Mieten, langen Arbeitszeiten und sozialer Ungleichheit. Die in den Materialien versammelten Preis- und Lohndaten aus dem Paris der Belle Époque erinnern daran, dass hinter jeder Form mondäner Leichtigkeit eine andere Zeit steht: die verkaufte Zeit der Kutscher, Kellner, Arbeiter, Haushaltshilfen und Briefträger. Gerade dadurch verliert Proust nichts von seiner Eleganz. Im Gegenteil: Sie gewinnt Schärfe. Denn nun erscheint die Gesellschaft nicht mehr als schwebendes Dekor, sondern als System, dessen feinste Oberflächen auf unsichtbarer Arbeit beruhen.

Gegen den homo oeconomicus

Vielleicht liegt hier die eigentliche Pointe des Zürcher Themas. Prousts Werk handelt von Wert, aber es glaubt nicht an die letzte Autorität der Berechnung. Es zeigt, wie Vermögen in Prestige, Prestige in Illusion, Liebe in Besitzgier, Zeitverlust in Erkenntnis und Erkenntnis schließlich in Kunst umschlagen kann. Das Ökonomische ist bei ihm allgegenwärtig, aber nie souverän. Gerade darin untergräbt Proust den homo oeconomicus: nicht, indem er ihn widerlegt, sondern indem er ihn in eine Welt versetzt, in der die höchsten Werte dort entstehen, wo jede Rechnung scheitert. Was am Ende zählt, lässt sich nicht bilanzieren. Es muss erinnert, erlitten, geformt werden. Und vielleicht ist das die präziseste Definition jener Ökonomie, die Proust wirklich interessiert: nicht die des Rechnens, sondern die des Verwandelns.

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