Die Konjunktur beginnt im Kopf: 2026 im Schatten der Skepsis

Seit Jahren untersuche ich einen Befund, der in seiner Schlichtheit fast anstößig wirkt, weil er den großen Apparaten der Prognoseindustrie die Würde nimmt. Ein Informatikprofessor – Karl Steinbuch – hat Ende der siebziger Jahre etwas entdeckt, das man, wäre es eine technische Erfindung, längst patentiert und in eine Maschine eingebaut hätte: Die Stimmung der Menschen, abgefragt mit einer einzigen, beinahe altmodisch klingenden Frage, läuft der Konjunktur voraus. Erst Zuversicht, dann Wachstum. Nicht umgekehrt.

Allensbach stellt diese Frage seit 1949 jeweils zum Jahresende: „Sehen Sie dem Neuen Jahr mit Hoffnungen oder Befürchtungen entgegen?“ Und Steinbuch fand: Der Anteil der „Hoffnungen“ korreliert mit dem späteren realen Sozialprodukt, ja er eilt ihm voraus – und zwar in Zyklen von vier bis fünf Jahren. Das ist unerquicklich für jene, die an den Reiz des Komplexen glauben; für die Konjunkturprognose wird dort mit mathematischer Prachtentfaltung gearbeitet, wo vielleicht zunächst ein feineres Ohr nötig wäre.

Nun liegen die neuen Werte vor – und sie sind, wie das Land, das sie hervorbringt, von einer eigentümlichen Farbarmut. Für 2026 sagen 33 Prozent „mit Hoffnungen“, 29 Prozent „mit Befürchtungen“, 29 Prozent „mit Skepsis“, 9 Prozent sind unentschieden. Das ist kein Absturz ins Dunkle, eher ein Absinken in ein graues Zwischenlicht. Es ist bemerkenswert, dass die Verschiebung gegenüber dem Vorjahr minimal ist: Die Hoffnungen sinken um einen Punkt, die Befürchtungen ebenfalls, während die Skepsis leicht steigt. Der Regierungswechsel im Frühjahr 2025 hat daran nichts Entscheidendes geändert. Die Politik hat die Stimmung nicht gedreht; sie hat sie höchstens verwaltet.

Wenn Zuversicht ein Konjunkturfaktor ist

Man kann die Sache psychologisch zuspitzen: In modernen Volkswirtschaften ist nicht nur die Steuerlast, nicht nur das Arbeitsrecht, nicht nur der Weltmarkt entscheidend – sondern auch der Gleichschritt. Erst wenn viele, aus ganz unterschiedlichen Motiven, zugleich zögern oder zugleich zugreifen, entsteht jene Durchschlagskraft, die Aufschwung und Abschwung „schicksalhaft“ erscheinen lässt. Genau hier liegt die Pointe der Allensbacher Frage: Sie fragt nicht nach dem BIP, nicht nach Inflationsraten, nicht nach Exportquoten. Sie fragt nach der inneren Neigung, der Zukunft einen Vertrauenskredit zu geben.

Robert Shiller hat (gemeinsam mit George Akerlof) die Ökonomie daran erinnert, dass „Animal Spirits“ nicht dekoratives Beiwerk sind, sondern ein Triebwerk: Stimmungen verändern die Geschichten, die sich eine Gesellschaft über sich selbst erzählt – und diese Geschichten verbreiten sich wie Lauffeuer. Wenn das Narrativ lautet, „es geht wieder“, wird investiert; lautet es, „es wird enger“, wird gehortet. Dass solche Erzählungen sich statistisch nur indirekt greifen lassen, ist kein Einwand, sondern der Grund, warum die indirekte Messung – wie hier – so wertvoll sein kann.

Dr. Oliver Bruttel hat das in einem Fachbetrag für den Wirtschaftsdienst unter der Headline „Bevölkerungsstimmung als Indikator für das Wirtschaftswachstum“ untersucht. Der Anteil der „Hoffnungen“ korreliert über lange Zeiträume deutlich mit dem späteren Wachstum; im untersuchten Zeitraum lag der Korrelationskoeffizient für 1967–2012 bei 0,68. Noch pikanter: Diese simple Bevölkerungsstimmung ist – zumindest in dieser Untersuchung – ähnlich treffsicher wie die professionellen Prognosen von Sachverständigenrat und Gemeinschaftsdiagnose, teilweise sogar stärker.

Das ist nicht die Behauptung, die Masse sei klüger, weil sie „mehr weiß“, sondern weil sie anders weiß: Sie bündelt kleine Beobachtungen aus Betrieben, Verwaltungen, Küchen und Werkhallen – Dinge, die in Modellen spät oder gar nicht auftauchen. Bruttel spricht hier auch von einem möglichen Informationsvorsprung aus dem persönlichen Umfeld und verweist auf die „Weisheit der Vielen“.

33 Prozent Hoffnung: Was sagt das über 2026?

Die Zahl 33 ist unerquicklich niedrig. In den historischen Reihen – man erinnert sich an die großen Stimmungseinbrüche bei Ölkrisen, in Rezessionsjahren oder in der Finanzkrise – markieren Werte in den niedrigen Dreißigern häufig ein Klima, in dem Expansion nicht selbstverständlich ist. bevoelkerungsstimmung-als-indik… Zugleich ist es aber ein Fehler, aus einer Zahl moralische Dramatik zu destillieren. Entscheidend ist das Profil: Nicht die Befürchtungen dominieren, sondern die Mischung aus Befürchtung und Skepsis; das ist ein Land, das weniger Angst hat als Müdigkeit.

Und Müdigkeit ist ökonomisch unerquicklich. Sie führt zu aufgeschobenen Käufen („Wir warten lieber noch“), vertagten Investitionen („Erst mal sehen“), zur Vorliebe für Liquidität, also zur kleinen Alltagsform der Rezession. Der Konjunkturzyklus wird dann nicht durch den großen Schock entschieden, sondern durch Millionen kleine Nicht-Entscheidungen.

Das Handelsblatt Research Institute (HRI) passt mit seiner Prognose in dieses Bild: Für 2026 werden nur 0,7 Prozent Wachstum erwartet, nach einer erneuten Senkung der Erwartung; 2027 soll es mit 0,9 Prozent leicht besser werden.

Die Begründung, die dort genannt wird, ist strukturell und darum schwerer zu heilen als eine normale Delle: Die Industrie – das „Herzstück“ – habe dramatisch an Wettbewerbsfähigkeit verloren; Produkte aus Deutschland seien immer öfter nicht mehr konkurrenzfähig. pdf Hoffnungen Befürchtungen 2… Dazu kommt der düstere Satz, die gesamtwirtschaftlichen Kapazitäten schrumpften, der Wohlstand werde weiter sinken – eine Art negative Prosperität: Zahlen nach oben, Gefühl nach unten.

Wenn das stimmt, dann erklärt es auch, warum 33 Prozent Hoffnungen nicht automatisch 33 Prozent Verzweiflung bedeuten. Man kann in einem Land leben, das sich noch bewegt, aber nicht mehr an sein Vorankommen glaubt.

Röpke, die Massenstimmung und der „tote Punkt“

Wer heute Wilhelm Röpke liest – „Krise und Konjunktur“, 1932 –, liest nicht nur einen Ökonomen, sondern einen Diagnostiker der seelischen Übertreibungen. Er beschreibt diese geistigen Massenepidemien: Im Aufschwung glaubt man an ewige Prosperität, in der Depression redet man vom Ende des Kapitalismus. Und er setzt den Finger auf den Punkt, der für 2026 so unerquicklich aktuell ist: Ungewissheit, mangelhafte Information, Unsicherheit der Zukunft schaffen Raum für Vermutungen – und für stark gefühlsgetönte Prognosen. Gerade dort wächst die Suggestivkraft der Stimmung.

Das ist keine Romantik gegen Zahlen; es ist die Erinnerung, dass Zahlen nicht handeln, Menschen handeln. Und Menschen handeln nach ihrer Meinung über Tatsachen, nicht nach Tatsachen selbst. Wenn die dominierende Meinung lautet, Deutschland verliere seine industrielle Selbstverständlichkeit, dann wird jede Investition zu einer Mutprobe. Wenn der dominierende Eindruck lautet, Reformen gingen „in die falsche Richtung“ oder blieben halbherzig, dann verfestigt sich Skepsis zu Routine.

Röpke nennt das Seelische eine aktive Kraft, wenn es darum geht, den „toten Punkt“ der Depression zu überwinden – also jenen Moment, in dem eigentlich alles bereit wäre, aber niemand den ersten Schritt wagt. Genau daran erinnert die Allensbacher Kurve: Sie ist weniger Thermometer als Zündschnur.

Drei Bilder für 2026

Das Jahr der zähen Normalität (Basisszenario).
33 Prozent Hoffnung und ein großer Block aus Skepsis deuten auf ein Jahr, in dem die Wirtschaft nicht abstürzt, aber auch nicht „anspringt“. Das passt zu einem Wachstum um die Größenordnung, die HRI nennt: irgendwo im Bereich unter 1 Prozent, begleitet von dem Gefühl, dass es zu wenig ist, um Verluste der letzten Jahre wettzumachen.

Das Jahr der verschobenen Entscheidungen (Risikoszenario).
Wenn Skepsis in einen breiten Investitions- und Konsumaufschub kippt – ausgelöst durch Energie-, Standort-, Regulierungs- oder Weltmarktrisiken –, kann aus „verhalten“ schnell „negativ“ werden. Das ist das tückische an Stimmungen: Sie müssen nicht dramatisch sein, um wirksam zu werden. Ein paar Prozentpunkte mehr Zögern reichen.

Das Jahr der neuen Erzählung (Chancenszenario).
Weil Stimmungen nicht nur reagieren, sondern auch vorauslaufen, kann eine glaubhafte Reform- und Zukunftserzählung – nicht als PR, sondern als sichtbare Ordnungspolitik – schneller wirken als viele annehmen. Das wäre die positive Lesart von Steinbuch: Erst Optimismus, dann Wachstum. Nur: Optimismus lässt sich nicht verordnen, er entsteht aus erlebter Plausibilität.

Was die Allensbacher Frage im Kern misst

Der eigentliche Wert dieser Frage liegt darin, dass sie nicht nach „Wachstumserwartung“ fragt. Sie zwingt niemanden in die Expertenpose. Sie fragt nach dem Grundgefühl gegenüber dem Kommenden – und damit nach jener Bereitschaft, Risiken einzugehen, Pläne zu machen, Ausgaben zu verantworten. Der Wirtschaftsdienst-Artikel betont genau diese psychologische Dimension und erklärt, warum die Bevölkerungsstimmung trotz fehlender expliziter Wirtschaftsfrage eine erstaunliche Prognosekraft entfalten kann.

Für 2026 heißt das: Wir bekommen – mit hoher Wahrscheinlichkeit – kein „Wunderjahr“. Aber auch kein Jahr des großen Absturzes. Wir bekommen eher ein Jahr, in dem Deutschland weiter arbeitet, weiter exportiert, weiter organisiert – und doch mit angezogener Handbremse lebt. Das Entscheidende ist nicht die Null vor dem Komma, sondern die Frage, ob aus Skepsis wieder Zuversicht werden kann. Denn erst dann wird aus Wachstum wieder Aufschwung: nicht als Zahl, sondern als gesellschaftliche Bewegung.

2 Gedanken zu “Die Konjunktur beginnt im Kopf: 2026 im Schatten der Skepsis

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  2. Anonym

    Also irgendwie ist da im Artikel was kaputt:
    bevoelkerungsstimmung-als-indik…
    pdf Hoffnungen Befürchtungen 2…

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