Die große Verwechslung: Wie in Deutschland aus Stromhandel „Abhängigkeit“, aus Windkraft „Gefahr“ und aus Reaktorprototypen schon die Erlösung gemacht wird

Es gehört zu den zuverlässigsten Ritualen in deutschen Debatten, dass eine Technologie nicht einfach kritisiert, sondern symbolisch überladen wird. Das Windrad ist dann nicht mehr Maschine, sondern Menetekel. Der Stromimport nicht mehr Teil eines europäischen Marktes, sondern Vorbote nationaler Schwäche. Und der Reaktor der nächsten Generation erscheint in dieser Erzählung nicht als Forschungsprojekt, sondern als fast schon messianische Antwort auf alle Zumutungen der Moderne. So entsteht jene eigentümliche politische Bühnenkunst, in der aus technischen Fragen Glaubensfragen werden.

Nicht Strom ist das eigentliche Problem, sondern fossile Abhängigkeit

Wer die Sache nüchtern betrachtet, entdeckt zunächst eine banale, aber folgenreiche Unterscheidung: Deutschland ist vor allem nicht vom Stromimport abhängig, sondern von fossilen Energieimporten. Auf dem Strommarkt war Deutschland 2025 zwar erneut Nettoimporteur: 76,2 Terawattstunden Einfuhren standen 54,3 Terawattstunden Ausfuhren gegenüber, der Saldo lag also bei rund 21,9 Terawattstunden. Aber derselbe Datensatz zeigt auch: Dieser Importüberschuss war niedriger als 2024. Fraunhofer ISE und SMARD verweisen zudem darauf, dass Importe oft dann zunehmen, wenn Strom im Ausland günstiger ist oder wenn sich im Inland bestimmte Kraftwerke kurzfristig nicht rechnen; das ist Marktintegration, nicht Kapitulation.

Die wirkliche strategische Schwäche liegt tiefer. KfW Research hält fest, dass Deutschland fossile Brennstoffe seit Jahren im Durchschnitt für rund 81 Milliarden Euro pro Jahr importiert. Für Erdöl, Erdgas und Steinkohle liegt die Nettoimportquote jeweils bei 95 Prozent und mehr; insgesamt decken Importe laut KfW rund zwei Drittel des Energiebedarfs. Das ist die harte Abhängigkeit, nicht die Tatsache, dass in einem europäischen Verbundnetz zeitweise mehr Strom aus Dänemark, Frankreich oder Norwegen bezogen wird. Wer beides verwechselt, verwechselt Börse mit Geologie.

Das Bashing gegen die Windkraft

Zum festen Inventar dieser Debatte gehört inzwischen das Bashing der Windkraft. Da werden Rotorblätter zu mobilen Giftmischern erklärt, Mikroplastikzahlen aus groben Worst-Case-Schätzungen wie unumstößliche Tatsachen behandelt und aus jeder windschwachen Woche ein Beweis für das Scheitern der Energiewende gezimmert. Dabei hat selbst das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen darauf hingewiesen, dass solche Hochrechnungen zum Mikropartikelabrieb fachlich nicht belastbar sind; schon die oft zitierte Kurzinformation des Bundestages spricht lediglich von einer „oberen Abschätzung“, deren tatsächlicher Wert mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich unterschritten wird. Gleichzeitig bleibt die schlichte Tatsache bestehen, dass Windkraft 2025 der größte einzelne Energieträger der öffentlichen Stromerzeugung war und die Erneuerbaren insgesamt mehr als die Hälfte des Strommixes lieferten. Das eigentlich Erstaunliche ist also nicht die Schwäche der Windkraft, sondern die Beharrlichkeit, mit der sie kleiner, schädlicher und instabiler geredet wird, als es die Daten hergeben. Höhenwindkraftwerke könnten zudem einen entscheidenden Schritt zur Grundlastfähigkeit liefern – hier auf ichsagmal.com nachzulesen.

Was 2025 tatsächlich gezeigt hat

Gerade das Jahr 2025 zeigt, wie unerquicklich diese Verwechslung ist. Im ersten Quartal sanken wegen windschwacher Monate die erneuerbaren Einspeisungen deutlich; gleichzeitig stiegen die Stromimporte. Schon daraus wurde wieder eine Generalabrechnung mit der Windkraft gezimmert. Nur sagte dieselbe Statistik auch: Im dritten Quartal kam der Anteil der erneuerbaren Energien an der inländischen Stromerzeugung auf 64,1 Prozent, und für das Gesamtjahr lag der Anteil der Erneuerbaren an der öffentlichen Stromerzeugung bei 58,8 Prozent; im tatsächlichen Strommix „aus der Steckdose“ waren es laut Fraunhofer 55,9 Prozent. Das System schwankt, ja. Aber es kippt nicht. Es lernt. Und es wird robuster, je mehr Flexibilität, Speicher, Netze und steuerbare Reserve hinzukommen.

Die neue Atomkraft als Heilsversprechen

Genau an dieser Stelle beginnt die zweite Verzeichnung. Weil Wind und Sonne wetterabhängig sind, wird so getan, als seien sie deshalb nur eine kostspielige Vorstufe der Rückkehr zur „eigentlich“ vernünftigen Energieform: der neuen Kernkraft. Das klingt nach Zukunft, ist aber häufig nur Nostalgie im Laborkittel. Denn selbstverständlich gibt es bei Reaktoren der Generation IV und bei schnellen Reaktoren Konzepte, mit denen abgebrannter Brennstoff weiter genutzt und langlebige Bestandteile durch Transmutation verringert werden können. Die IAEA beschreibt diesen Ansatz ausdrücklich als Möglichkeit, Volumen und Langzeittoxizität bestimmter Abfälle zu senken. Doch auch dann verschwindet das Endlagerproblem nicht; es wird nur technisch verändert und möglicherweise teilweise verkleinert. Aus „weniger“ wird nicht „keins“.

Prototyp ist nicht Realität

Auch der Entwicklungsstand ist weniger triumphal, als es in Debatten oft klingt. Das Generation IV International Forum spricht selbst von einem internationalen Forschungs- und Entwicklungsprogramm; die sechs ausgewählten Reaktortypen sollen grundsätzlich für eine industrielle Nutzung tauglich gemacht werden, aber von einer breit verfügbaren, serienreifen Lösung kann keine Rede sein. Man hat Prototypen, Pilotprojekte, Versuchsanordnungen, Hoffnungen. Man hat noch nicht die industrielle Normalität, als die diese Technik hierzulande oft schon verhandelt wird.

Hinzu kommt, dass selbst innerhalb der „fortgeschrittenen“ Kerntechnik die Abfallbilanz nicht nur Fortschrittsrhetorik kennt. Eine vielzitierte Stanford-Studie in den „Proceedings of the National Academy of Sciences“ kam zu dem Ergebnis, dass mehrere untersuchte SMR-Designs pro erzeugter Energieeinheit mehr und teils komplexere radioaktive Abfälle erzeugen könnten als heutige große Leichtwasserreaktoren. Das heißt nicht, dass jede neue Kerntechnik zwangsläufig schlechter ist. Es heißt nur: Wer von der „harmlosen neuen Generation“ spricht, spricht nicht über einen Stand des Wissens, sondern über ein Wunschbild.

Die eigentliche Schieflage der Debatte

So steht Deutschland vor einer merkwürdigen intellektuellen Schieflage. Ausgerechnet die Technologie, die im Land bereits skaliert, Netze speist und fossile Importrechnungen strukturell senken kann, wird behandelt, als sei sie ein Übergangsfehler. Und ausgerechnet die Technologien, die noch jahrelang in Genehmigungs-, Entwicklungs- und Finanzierungsrealitäten festhängen, werden als angeblich verkanntes Realismusprogramm angepriesen. Man kann das für eine Ironie der Politik halten. Man kann es auch für ein Symptom halten: Deutschland diskutiert Energie noch immer oft so, als sei die Zukunft etwas, das man mit einer Pointe zurückholen könnte.

Was jetzt tatsächlich nötig wäre

Das Entscheidende wäre daher, die Reihenfolge wiederherzustellen. Erstens: Die zentrale ökonomische Verwundbarkeit sind fossile Importe, nicht der europäische Stromhandel. Zweitens: Der Ausbau der Erneuerbaren hat Deutschland 2025 nicht geschwächt, sondern bereits mehr als die Hälfte des Strommixes getragen. Drittens: Neue Kerntechnik mag eines Tages eine Rolle spielen, aber sie ist heute keine einsatzbereite Entwarnung. Viertens: Wer Versorgungssicherheit will, braucht nicht Mythen, sondern Systempolitik — Netze, Speicher, flexible Lasten, steuerbare Kraftwerke, schnellere Genehmigungen und eine Forschungs- und Innovationspolitik, die aus industrieller Stärke echte Technologieführerschaft macht.

Deutschland kann mehr, als es von sich erzählt

Deutschland hat dafür, bei aller Selbstzerknirschung, noch immer eine bemerkenswerte Ausgangsbasis: industrielle Tiefe, wissenschaftliche Substanz, Ingenieurwissen, Mittelstand, also jenes Gemisch, das man heute gern etwas modisch „Deep Tech“ nennt. Das Land scheitert nicht an seinen Möglichkeiten. Es scheitert, wenn überhaupt, an der Lust, die Gegenwart ständig entweder kleinzureden oder mit Heilsversprechen zu überblenden. Energiepolitik ist aber weder Erlösungslehre noch Kulturkampf. Sie ist, im prosaischsten und zugleich anspruchsvollsten Sinn, angewandte Vernunft.

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