Die blauen Stunden des Herrn K.

Es war, um gleich das Nebensächliche mit der ihm gebührenden Feierlichkeit zu behandeln, ein später Nachmittag von jener unentschlossenen Art, wie sie nur südliche Städte hervorzubringen scheinen, wenn der Tag, statt ehrbar zu Ende zu gehen, noch einmal innehält, sich geschniegelt im Fensterglas betrachtet und mit einer gewissen eitlen Müdigkeit beschließt, schöner zu sterben, als er gelebt hat. Lissabon lag in diesem Licht da wie etwas zugleich Wirkliches und Erfundenes; eine Stadt, die offenbar aus Stein gebaut, aber von Erinnerung tapeziert ist.

Herr K., ein Mann von unbestimmtem Alter, das heißt: in den Jahren bereits so weit vorgerückt, daß ihn die Jugend der anderen eher befremdete, ohne daß er doch sein eigenes Altern als würdevoll genug empfunden hätte, saß auf der Terrasse eines Cafés, dessen Stühle etwas zu klein und dessen Ansichten entschieden zu groß geraten waren. Vor ihm stand eine Tasse Kaffee, tief, dunkel, mit jener ernsthaften Wärme, die man in guten Häusern nicht mehr bloß serviert, sondern gewissermaßen aufführt. Auf dem kleinen Kärtchen neben der Untertasse stand in goldenen Lettern: Delta Cafés Signature.

Eine echte Entdeckung.

Nun war Herr K. keineswegs ein Mann, der sich von schönen Aufschriften verführen ließ. Wie viele Menschen von Bildung und mäßigem Glück hatte er sich angewöhnt, allem, was sich „Signature“ nannte, mit höflichem Zweifel zu begegnen; denn nicht selten steckt in solchen Worten mehr Absicht als Gehalt. Nach dem ersten Schluck jedoch sah er sich veranlaßt, sein Urteil zu berichtigen. Dieser Kaffee empfahl sich nicht durch Aufhebens, sondern durch seine Art, da zu sein: gesammelt, deutlich, unaufdringlich. Er wirkte nicht wie etwas, das gefallen wollte, sondern wie etwas, das auf leise Weise für sich einstand.

Gerade darin erinnerte er, auf eine ganz unwahrscheinliche und darum vielleicht zutreffende Weise, an Fernando Pessoa.

Herr K. hatte, ehe er sich setzte, ein paar Seiten in einem jener schmalen Bändchen gelesen, die man in fremden Städten kauft, weil man meint, in ihnen den Schlüssel zur Stadt zu finden, und dann nur erfährt, daß eine Stadt, sobald sie etwas taugt, überhaupt keinen Schlüssel besitzt, sondern höchstens ein paar schlecht passende Dietriche. Pessoa hatte wieder einmal jene eigentümlich tröstliche Kunst bewiesen, die Geringfügigkeit des Lebens nicht zu beschönigen und sie eben dadurch ins Große zu heben. Büroangestellte, Kellner, kleine Kaufleute, müde Terrassen, feuchte Augen, Lichter am Abend — all dies stand bei ihm nicht am Rand, sondern im Mittelpunkt der Welt, wo es, wie Herr K. mit leisem Verdruß über die gröberen Triumphe der Menschheit bemerkte, auch hingehörte.

Neben Herrn K. stritt ein junges Paar in einer Mischung aus Zärtlichkeit und Verwaltungston darüber, ob man am Abend noch hinauf zum Aussichtspunkt gehen oder lieber unten in der Stadt bleiben solle. Es war die Art von Streit, die nur zwischen Menschen möglich ist, die sich lieben und einander deshalb für die Reiseorganisation des Daseins verantwortlich machen. Der Kellner, ein älterer Herr mit dem Gesicht eines Mannes, der mehr Tabletts getragen als Hoffnungen gepflegt hatte und gerade deshalb eine höhere Gelassenheit besaß, stellte wortlos ein Glas Wasser nach. Diese kleine Geste war von einer Würde, welche Minister selten und Diener häufig haben.

Da erst fiel Herrn K. ein, daß Pessoa gewiß Freude an diesem Kellner gehabt hätte, nicht weil er außergewöhnlich war, sondern gerade weil er es nicht war. Das Gewöhnliche, wenn es nur lange genug unbeachtet bleibt, beginnt nämlich eine feine Verzweiflung auszuströmen, und diese Verzweiflung ist vielleicht der eigentliche Duft der Zivilisation. Man riecht sie in Treppenhäusern, in Hotels, in gebügelten Hemden, in Theatern kurz vor Beginn, und bisweilen auch in einer Tasse Kaffee, die auf einem Marmortisch steht, während draußen eine Straßenbahn sich kreischend um die Kurve bemüht wie ein Tier, das gelernt hat, sich elektrisch zu benehmen.

Wieder nahm er einen Schluck.

Er sinnierte: Was ist ein Café? Ein Ort, an dem die Menschen, um ihre Einsamkeit zu ordnen, sich in Gesellschaft begeben. Einer liest Zeitung und hofft, dadurch weniger zufällig zu sein. Einer schreibt an einem Gedicht und nennt es Rechnung. Einer führt Geschäfte, als handle es sich um Schicksal. Einer schaut nur aus dem Fenster und verrichtet damit, ohne es zu wissen, die höchste Form geistiger Arbeit. Und der Kellner verbindet mit geübter Hand all diese privaten Weltuntergänge, indem er Tassen, Gläser, Untertassen und kleine Quittungen verteilt.

Herr K. hatte immer gemeint, große Literatur müsse sich auf große Gegenstände stürzen, auf Leidenschaft, Schuld, Verfall, Musik, Tod und ähnliche repräsentative Veranstaltungen der Seele. Nun aber saß er in Lissabon und begriff, daß auch das Sitzen selbst ein Schicksal sein kann, vorausgesetzt, es geschieht am richtigen Ort, zur richtigen Stunde, mit dem richtigen Kaffee. Vielleicht, dachte er, ist der Mensch niemals so sehr er selbst wie in dem Augenblick, da er mit leicht gesenktem Blick vor einer Tasse sitzt und nicht mehr hofft, durch eine Veränderung seines Lebens dessen Geheimnis aufzuklären.

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