
Man stelle sich die Szenerie vor: o.tel.o in den späten 90ern. Der Vorstand glaubte, das eigene Intranet sei nicht mehr als ein Verstärker für wohldosierte, gefilterte Botschaften, die die „Provinz“ an die Hand nehmen und über die „offizielle“ Wahrheit aufklären sollten. So weit, so gut. Dann kam „Backweb“ und mit ihm eine digitale Demokratieoffensive, die die geordneten Reihen der Kommunikationsbüros ins Chaos stürzte. Ein kleines Tool, das jedem Mitarbeiter erlaubte, seinen ganz persönlichen Nachrichtenfluss zu gestalten – Presseberichte, Betriebsratsinfos, ja, sogar die schlüpfrigen Verkaufsgerüchte über das Unternehmen selbst. Ein wahrer Dammbruch in einer Welt, die nur darauf vorbereitet war, die Wahrheit tröpfchenweise zu steuern.
Doch der Vorstand, blind wie ein Maulwurf in der Mittagssonne, hatte nie wirklich verstanden, was „Backweb“ da entfesselte. Fast die gesamte Führungsetage aktivierte das System nie; es blieb in ihren Augen eine Spielerei, ein modernes Spielzeug für die Büroangestellten, das man selbst getrost ignorieren konnte. Kommunikation im Blindflug: Man hielt sich für die oberste Kontrollinstanz und verpasste dabei, wie das eigene Machtinstrument zur Plattform einer kleinen Rebellion wurde.
Und dann: Frankfurt, Deutsche Bank, Arbeitskreis Unternehmenskommunikation. Die versammelte Elite der Kommunikationsspezialisten sitzt angespannt in den Sesseln, als ich „Backweb“ präsentiere. Was sich abspielte, war ein Drama in drei Akten: Empörung, Panik und Verteidigungsgeheul. In den Mienen einiger Anwesender spiegelte sich der blanke Terror – ein Hauch von Anarchie lag in der Luft. Ein Vertreter der Deutschen Bank, offenbar in heller Aufregung, pochte auf sein „Informationsmonopol“. Die Vorstellung, dass Mitarbeiter Informationen ohne Filter und Firlefanz, direkt und unzensiert zugespielt bekämen, glich für ihn einem gesellschaftlichen Umsturz.
Es ist fast schon tragikomisch, wie tief die Angst vor einem Kontrollverlust reichte. Rolf Breuer, der damalige Chef der Deutschen Bank, ließ sich in der Mitarbeitermagazin grinsend mit einem Taktstock abbilden. Die Überschrift? „Breuer gibt den Takt an.“ Ein Bild wie ein Manifest der veralteten Unternehmenskultur, die in ihrem Kontrollwahn weder den Sinn noch die Chancen neuer Technologien erkannte. „Backweb“ hätte ein kleiner Schritt in Richtung Offenheit und Transparenz sein können. Stattdessen wurde es zur Kampfansage, zur digitalen Bedrohung für ein System, das nur eines kannte: Den Finger fest auf dem Schalter der Informationszufuhr zu halten.
Und heute? Die modernen Tools sind fein verpackt und vollmundig mit „Demokratisierung“ und „Autonomie“ beworben, doch in den Vorstandsetagen herrscht dieselbe Angst wie damals. Die alten Reflexe sterben nicht. Die Frage bleibt: Was könnte die Mitarbeiter wohl verunsichern?
Witzige Story, die ich dann später für den Tagesspiegel schrieb: Hertha BSC: Trikottausch