Deutschlands Industrie: Vom Exportwunder zur Abstiegsgefahr @KfW_Research

Über Jahre lebte die deutsche Industrie von drei stillen Privilegien: relativ günstiger Energie, offener Globalisierung und einem besonderen Verhältnis zu China. Die Studie von KfW Research zeigt, wie sich diese Privilegien schrittweise verflüchtigt haben: Die Industrieproduktion liegt deutlich unter dem Höchststand von 2017, die Wertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe ist seit Jahren bestenfalls stagnierend, während andere Industrieländer vorbeiziehen. Deutsche Industrie am Scheidewe…

Weil der industrielle Anteil an Wertschöpfung und Beschäftigung in Deutschland höher ist als in den meisten Vergleichsländern, wirken diese Verschiebungen stärker in die gesamte Volkswirtschaft hinein, als es etwa in Frankreich oder den USA der Fall wäre. Deutsche Industrie am Scheidewe… Die Industrie ist nicht irgendein Sektor, sie ist das Tragegerüst. Wenn sie wankt, verschiebt sich der Schwerpunkt der ganzen wirtschaftlichen Architektur.

China: vom Absatzmarkt zum systemischen Wettbewerber – und möglichen Lehrmeister

Über Jahrzehnte war China Absatzmarkt, Kostenlokation und Konjunkturprogramm in einem. Nun nähert sich der chinesische Exportsektor dem deutschen in Struktur und Anspruch an – vom Maschinenbau bis zur Automobilindustrie. Die KfW zeigt, wie stark sich die Exportstruktur Chinas der deutschen angenähert hat; aus Ergänzung ist Überlappung geworden. pdfKfwPKIndustrie

Damit verschiebt sich die Beziehung: China ist nicht mehr das fernöstliche Nachfragewunder, das deutsche Wertschöpfung saugt, sondern ein Wettbewerber mit anderen Spielregeln – massiver staatlicher Unterstützung, Skalen, Tempo. Die KfW weist darauf hin, dass die chinesische Wirtschaftspolitik, gemessen an Subventionen und staatlicher Unterstützung, eine Größenordnung erreicht, die mit klassischen Lehrbuchmodellen von „freier Konkurrenz“ wenig zu tun hat. Deutsche Industrie am Scheidewe…

Wenn aber ein Land, das ein Drittel der globalen Industriegüter produziert, systematisch Industriepolitik betreibt, reicht „Laissez-faire“ nicht mehr, um im Spiel zu bleiben. Genau hier setzt der Gedanke der „Atempause“ an, den die KfW-Studie formuliert: Zölle und andere handelspolitische Instrumente sollen nicht als ideologisches Bekenntnis, sondern als temporäres Werkzeug verstanden werden, um Anpassungsprozesse zu ermöglichen und strategische Abhängigkeiten zu reduzieren. KfW Research zum Industriestand…

Gleichzeitig liegt eine zweite, unbequemere Botschaft in der Pressekonferenz: Von chinesischen Unternehmen lässt sich viel lernen – über Geschwindigkeit, über konsequente Skalierung, über die Integration von Elektronik, Software und Hardware in einem Produkt, über die Bereitschaft, neue Geschäftsmodelle aggressiv zu testen. Der reflexhafte Ruf nach Abschottung blendet genau diese Lernchancen aus.

Wenn der Sonderstatus schwindet: Lohnstückkosten und die Rückkehr der „banalen“ Standortfaktoren

Solange deutsche Unternehmen durch Technologie, Qualität und Reputation erhebliche Preismacht hatten, waren hohe Arbeitskosten und Steuern ökonomisch verkraftbar. Nun, da sich technologische Abstände verkürzen, treten Faktoren in den Vordergrund, die zuvor überstrahlt wurden. Die KfW-Zahlen zeigen: Deutschlands Lohnstückkosten und Unternehmenssteuern liegen im internationalen Vergleich im oberen Bereich, während Bürokratiebelastung und Regeldichte von den Unternehmen als zentrales Wettbewerbshemmnis genannt werden.

Dieser Befund ist inhaltlich banal und politisch explosiv. Denn Lohnstückkosten sind nicht bloß Löhne; sie sind Löhne im Verhältnis zur Produktivität. Sie reagieren auf Tarifstrukturen, Regulierung, Technologieeinsatz und Managementqualität. Wer sie allein als Problem „zu hoher Löhne“ interpretiert, verengt das Problem. Wer sie ignoriert, verkennt, dass im globalen Wettbewerb irgendwann die Rechnung präsentiert wird.

Wenn der Vorsprung in Technologie und Produktivität dünner wird und der Kostennachteil gleichzeitig wächst, entsteht eine gefährliche Schere. Genau in dieser Schere befindet sich die deutsche Industrie heute.

Schöpferische Zerstörung – oder: Was man sterben lässt, entscheidet mit, was wachsen kann

In der Pressekonferenz wird betont, dass das Alte schrumpfen und das Neue wachsen muss – und dass man schöpferische Zerstörung zulassen muss. pdfKfwPKIndustrie Das klingt hart, ist aber nichts anderes als die Einsicht, dass die Energiewende, der zweite China-Schock und der Umbau der Autoindustrie nicht ohne sektorale Schrumpfungsprozesse zu haben sind. Die energieintensive Produktion liegt deutlich unter Vorkrisenniveau und scheint sich auf einem neuen, niedrigeren Plateau einzupendeln. Deutsche Industrie am Scheidewe…

Die entscheidende Frage lautet daher nicht: „Wie verhindern wir Schrumpfung?“, sondern: „Wie organisieren wir sie so, dass Neues schnell und groß genug nachwächst?“ Wer jedes bestehende Geschäftsmodell politisch konserviert, blockiert die Ressourcen, aus denen die nächste industrielle Generation entstehen soll – Kapital, Arbeitskräfte, Managementaufmerksamkeit.

Daraus folgt eine unbequeme, aber strategisch zwingende Linie für die Wirtschaftspolitik: Unterstützung ja, aber mit klarem Verfallsdatum und mit Bedingungen, die Transformation erzwingen – etwa durch Investitions- und Dekarbonisierungsauflagen, durch Innovationsziele oder durch Standorteffizienzprogramme. Rettung ohne Umbau würde lediglich die Illusion des Alten verlängern.

KI: Anwenden statt Erfinden als strategische Spezialisierung

In der Diskussion wurde der Gedanke formuliert, dass Deutschland nicht notwendigerweise an der globalen Spitze der grundlagenorientierten KI-Entwicklung stehen muss, um dennoch massiv zu profitieren – der Schwerpunkt sollte auf Anwendung, nicht auf der Erfindung der Basistechnologie liegen.

Das ist keine Kapitulation, sondern eine Spezialisierungsstrategie. Wer versucht, gleichzeitig Weltspitze in Halbleitern, Foundation Models und industrieller Anwendung zu sein, wird an der Kapitalintensität dieses Anspruchs scheitern. Ein Land mit der Stärke in Präzisionsmaschinenbau, industrieller Prozessintegration und qualifizierter Facharbeit kann eine andere Wette eingehen: Die besten global verfügbaren KI-Systeme nehmen, sie tief in industrielle Prozesse, Produkte und Dienstleistungen einbauen – und genau dort Wettbewerbsvorsprünge schaffen.

Dafür ist weniger heroische Grundlagenforschung nötig als vielmehr eine radikale Erhöhung der Implementierungsgeschwindigkeit: rechtssichere Datenräume, schnellere Genehmigungen für Reallabore, steuerliche Anreize für Automatisierung und Softwareinvestitionen, eine Ausbildungsoffensive, die „KI im Betrieb“ zu einem Standardbestandteil technischer Berufe macht. In der Logik der Lohnstückkosten wäre KI dann kein Kostenfaktor, sondern eine Produktivitätsmaschine.

Wagniskapital, Start-ups und die fehlende europäische Tech-Börse

Die Kurzstudie zu Start-ups, die auf der Pressekonferenz vorgestellt wurde, zeigt, wie stark Wagniskapital als Beschäftigungsbooster wirkt: VC-finanzierte Start-ups wachsen bei der Mitarbeiterzahl im Schnitt mehr als doppelt so schnell wie vergleichbare Start-ups ohne Wagniskapital und mehr als viermal so schnell wie der klassische Mittelstand. KfW Research zum Industriestand…

Die Ironie liegt darin, dass ein erheblicher Teil des Wertzuwachses später im Ausland realisiert wird. Seit 2005 wurden knapp tausend VC-Exits in Deutschland erfasst; der mit Abstand wichtigste Exit-Kanal sind Unternehmensübernahmen – und in der Mehrheit der Fälle sitzt der Käufer nicht in Deutschland. KfW Research zum Industriestand…

Eine europäische Tech-Börse, wie sie in der Diskussion angedeutet wurde, ist in diesem Kontext kein Prestigeprojekt, sondern ein funktionales Element industrieller Souveränität. Solange die großen Technologie-Listings überwiegend in den USA stattfinden, bleibt die Wertschöpfung der „Champions von morgen“ kapitalmarktseitig dort verankert – mit allen Folgen für Governance, Regulierung und Reinvestitionen. Die KfW-Studie betont, wie wichtig ein leistungsfähiges Innovationsökosystem und besserer Zugang zu privatem Kapital sind, um Forschung, Start-ups und industrielle Transformation zu verzahnen. Deutsche Industrie am Scheidewe…

Eine solche Börse wäre nur dann glaubwürdig, wenn sie mit drei weiteren Entscheidungen einherginge:

  1. Kapitalmarktunion ernst nehmen – harmonisierte Regeln, tiefere Liquidität, weniger Fragmentierung.
  2. Anreize für Pensionskassen und Versicherer, stärker in Wachstumstitel und VC-Fonds zu investieren.
  3. Steuerliche und regulatorische Entlastung von Mitarbeiterbeteiligungen, damit Fachkräfte tatsächlich an der Wertsteigerung „ihrer“ Unternehmen teilhaben.

Ohne diese Flankierung bliebe eine Tech-Börse eine leere Hülle.

Vom Fachkräftemangel zur Produktivitätsstrategie

Die KfW-Daten zeigen, dass Unternehmen den Fachkräftemangel als strukturelles Risiko wahrnehmen; viele planen, mangels Personal künftig Aufträge abzulehnen oder Produktion zu reduzieren. In einer alternden Gesellschaft ist das kein vorübergehendes Problem, sondern ein dauerhafter Engpass.

Die logische Antwort kann nicht darin bestehen, stets mehr Menschen in die gleichen Prozesse zu schieben. Die Antwort muss lauten: mehr Wertschöpfung pro Kopf. Das verbindet die Debatte über Lohnstückkosten mit der über KI und Digitalisierung: Ein hoch regulierter Arbeitsmarkt mit hohen Löhnen ist dann tragfähig, wenn Produktivitätssprünge kontinuierlich sind.

Strategisch gedacht, ist der Fachkräftemangel daher ein Zwang zur Modernisierung – oder er wird zu einem Wachstumsdeckel. Die Wahl liegt nicht zwischen „Automatisierung oder Beschäftigung“, sondern zwischen „Automatisierung und höherwertiger Beschäftigung“ auf der einen und „Kapazitätsverzicht und Deindustrialisierung“ auf der anderen Seite.

Industriepolitik als Navigation, nicht als Ersatzmarkt

Die KfW-Studie argumentiert, dass es in der aktuellen Gemengelage Gründe gibt, den Anpassungsprozess der Industrie wirtschaftspolitisch zu begleiten – nicht zuletzt, weil andere große Akteure das Spielfeld bereits mit Interventionen neu gezeichnet haben. Deutsche Industrie am Scheidewe…

Entscheidend ist, wie man Industriepolitik versteht. Sie kann zur Ersatzreligion degenerieren, in der der Staat versucht, die Rolle des Marktes zu übernehmen – und dabei regelmäßig danebenliegt. Oder sie kann als Navigationshilfe fungieren, die klare Leitplanken setzt:

  • Infrastruktur und Energie: schnellere Netze, mehr erneuerbare Kapazitäten, temporäre, klar befristete Entlastung bei Energiekosten, wie es die KfW vorschlägt, um energieintensive Unternehmen zu halten, während die Infrastruktur ausgebaut wird.
  • Regulatorische Entschlackung: systematischer Abbau von Bürokratie, Standardisierung von Verfahren, digitale Verwaltung – nicht als kosmetische Projekte, sondern als messbare Entlastung mit jährlichen Zielen. KfW Research zum Industriestand…
  • Offensive für Forschung und Innovation: steuerliche Forschungsförderung, mission-orientierte Programme in Bereichen, in denen Deutschland bzw. Europa strategische Vorteile ausbauen kann – von klimaneutralen Industrieverfahren bis zu industrieller KI. Deutsche Industrie am Scheidewe…

Die Leitlinie könnte lauten: Der Staat ändert Rahmenbedingungen, Unternehmen ändern Geschäftsmodelle.

Ein Programm für den Weg aus der Scheidelage

Die Pressekonferenz der KfW markiert einen mentalen Wendepunkt: Die industrielle Schwäche wird nicht länger als „Delle“ behandelt, sondern als Signal, das ein neues Entwicklungsprogramm verlangt. Aus den Analysen lassen sich vier strategische Linien ziehen:

  1. Wettbewerb neu definieren: China nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Benchmark und Lernquelle begreifen; gleichzeitig Abhängigkeiten reduzieren und asymmetrische Industriepolitik nicht naiv hinnehmen.
  2. Standortfaktoren korrigieren: Lohnstückkosten senken vor allem über höhere Produktivität, nicht über Lohndruck; Unternehmenssteuern und Bürokratie reduzieren, damit die verbleibende Industrie atmen kann.
  3. Innovation finanzieren und halten: Wagniskapital mobilisieren, Mittelstand und Start-ups besser vernetzen, eine europäische Tech-Börse als ernsthaften Listing-Ort etablieren und so verhindern, dass die nächste Generation von Industrie-Champions systematisch ins Ausland abwandert.
  4. KI und Digitalisierung als Hebel für Wertschöpfung verstehen: Nicht überall Erster sein wollen, sondern bewusst auf Exzellenz in der Anwendung industrieller KI und Automatisierung setzen. Das ist die Stelle, an der Deutschlands traditionelle Stärken – Ingenieurskunst, Prozesskompetenz, industrielle Qualität – mit den Technologien des 21. Jahrhunderts verschmelzen können.

Die deutsche Industrie steht tatsächlich am Scheideweg. Der eine Pfad führt über Schutzreflexe, Subventionen ohne Transformation und eine stille Erosion industrieller Substanz. Der andere verlangt Mut zur schöpferischen Zerstörung, klare Prioritäten und die Bereitschaft, Neues zu wagen – genau das, was die KfW in ihrer Analyse als Imperativ formuliert.

Welche Richtung eingeschlagen wird, entscheidet nicht nur über die kommenden Konjunkturzyklen, sondern darüber, ob Deutschland in der nächsten industriellen Epoche Taktgeber bleibt – oder zum gut alimentierten Zuschauer wird.

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