
Welt. Excel. Treppenhaus.
Welt. Seid mir gegrüßt. Willkommen im Herzen dieser schönen Bundesrepublik, wo man alles darf – solange man es richtig beschriftet. Und wenn man es nicht richtig beschriftet, darf man es immer noch, aber dann kommt irgendwann ein freundlich formuliertes Schreiben, und dahinter steht selten die große Staatsraison, sondern eher: jemand hat eine Excel-Liste. Jemand hat Zeit. Jemand hat diesen Blick, der im Treppenhaus schon an der Fußmatte hängenbleibt und dann hochwandert bis zur “falsch” abgestellten Meinung.
Das ist das deutsche Grundrauschen: nicht das Gesetz, nicht die Idee, nicht die Moral – sondern die Hausmeisterlichkeit. Die kleinste Einheit der Macht. Der Denunziant als Serviceleistung.
Der Denunziant: keine Ideologie, nur die Freude am Häkchen
Er will nicht herrschen. Er will, dass es stimmt. Und “stimmt” heißt: so wie er es gelernt hat. Oder so wie es irgendwo steht. Oder so wie es stehen könnte, wenn man es streng genug liest. Er trägt kein Uniformgefühl, er trägt ein Regelgefühl. Er ist nicht der Staat, aber er ist sein Klingelknopf. Er ist die Hand, die das Rädchen anschubst, bis es irgendwo knirscht.
Und das Beste daran: Denunziantentum ist hier nicht mal schmuddelig. Es ist oft geschniegelt. “Hinweis”. “Bitte prüfen”. “Ich wollte nur…” – diese weiche Sprache, die so tut, als wäre sie harmlos, während sie dir den ganzen Tag in Verwaltungszeit umrechnet. Aus Leben wird Vorgang. Aus Ironie wird Risiko. Aus Humor wird: Kontextproblem.
Das Wirrwarr der Werbekennzeichnung: Schildpflicht als Welterklärung
Dann kommt die große Bühne der kleinen Dinge: Werbekennzeichnung in Deutschland. Ein System, das vorgibt, Klarheit zu schaffen, und stattdessen einen Nebel aus Etiketten erzeugt, bis niemand mehr weiß, ob er gerade informiert oder nur beruhigt werden soll.
Und genau da sitzt der Held der Steine und sagt im Kern etwas sehr Unaufgeregtes und sehr Treffendes: Es ist kompliziert. Es ist widersprüchlich. Und es trifft die Falschen mit einer Präzision, die fast schon Kunst ist. Während die echten Dauerwerbesendungen in der Weltgeschichte der Öffentlichkeit lässig durchwinken – Fernsehen, Sponsoring, Produktkulissen, politische Einflussräume –, wird bei den kleineren Öffentlichkeiten die Schraube so fein gedreht, dass sie irgendwann abreißt.
Der Denunziant liebt das. Weil es ihm einen Spielplatz gibt: nicht “wahr oder falsch”, sondern “kennzeichnungspflichtig oder nicht”. Und da gewinnt immer die Formalie. Immer.
Überkennzeichnung: Wenn Transparenz zur Tapete wird
Das Schöne an der Sache ist: Selbst wenn du es gut meinst, liegst du falsch. Kennzeichnest du zu wenig, heißt es Irreführung. Kennzeichnest du zu viel, heißt es Überkennzeichnung – die Kennzeichnung verliere ihre Wirkung. Du sollst also transparent sein, aber bitte nicht zu transparent. Aufrichtig, aber nicht zu aufrichtig. Sicher, aber nicht zu sicher.
Transparenz wird zur Geräuschkulisse. “Werbung” steht überall, also steht es nirgends. Wie eine Sirene, die dauerhaft läuft: Am Anfang erschrickt man, am Ende schläft man ein. Und dann ist nicht das Publikum aufgeklärt, sondern nur noch abgestumpft.
Genau das ist das deutsche Paradox: Man reguliert, um Orientierung zu schaffen, und produziert Orientierungsverlust durch Überdichte. Nicht die Wahrheit wird erhöht, sondern die Beschriftung.
Der kleinste gemeinsame Nenner: Handführung statt Urteilskraft
Und dann kommt diese deutsche Lieblingsfigur: der kleinste gemeinsame Nenner. Alle müssen mitgenommen werden. An der Hand entlang. Das klingt sozial. Ist aber oft nur: der Mensch wird zum Endgerät. Und das Endgerät wird zum Maßstab.
Was zählt, ist nicht mehr der Sinn, sondern die Darstellbarkeit. “Ohne Scrollen sichtbar.” “Kontrastreich.” “Deutlich.” Sprache wird zu UI. Ethik wird zu Layout. Medienkompetenz wird ersetzt durch Sticker.
Am Ende steht keine mündige Öffentlichkeit, sondern ein Publikum, das gelernt hat: Wenn ein Schild da ist, wird schon alles stimmen. Und wenn kein Schild da ist, ist es bestimmt Betrug. Das ist nicht Aufklärung. Das ist Dressur.
Orwell im Feed: Gleichheit als Wandinschrift, Privileg als Praxis
Und hier passt Orwell nicht als intellektuelle Deko, sondern als Diagnosegerät.
„Alle Tiere sind gleich, aber manche Tiere sind gleicher als andere.“
Der Satz stammt aus Farm der Tiere (1945), aus dem Moment, in dem aus den “Sieben Geboten” am Ende nur noch ein einziger, verfälschter Satz bleibt. Die Revolution hat Gleichheit versprochen. Die neue Elite – im Buch die Schweine, besonders Napoleon – verdreht die Prinzipien so, dass sie am Ende nur noch die eigene Sonderstellung legitimieren. Verrat an den Idealen, nicht durch offenen Bruch, sondern durch Umformulierung.
Und jetzt schau dir die deutsche Werbewelt an.
Alle Medien sind gleich, aber manche Medien sind gleicher als andere.
Alle Öffentlichkeiten sind gleich, aber manche Öffentlichkeiten sind gleicher als andere.
Alle Einflussnahmen sind gleich, aber manche Einflussnahmen sind unwichtiger, sagt man, und meint: “dafür brauchen wir kein Schild.”
Wenn eine Influencerin einen Lippenstift zugeschickt bekommt, wird das zur potenziellen Staatsaffäre der Verbraucherklärung. Wenn aber große Apparate ihre ganze Oberfläche mit Kaufanreizen, Sponsoren, Platzierungen tapezieren, dann nennt man das “Umfeld”, “Redaktion”, “Format”. Und wenn politische Akteure Interessen bedienen, dann gibt es irgendwo ein Register, eine Plattform, eine Randnotiz – aber nicht im Moment der Aussage, nicht im Moment der Wirkung.
Das ist Orwell, nur ohne Schweinestall. Das ist Orwell, aber deutsch: mit Zuständigkeiten, Ausnahmen, historischer Gewöhnung und dem Satz “Das darf man nicht vergleichen”.
Der Held: Segmentweise Wahrheit statt Dauerneon
Und das eigentlich Ärgerliche ist: Der Held macht es ja genau so, wie es eine vernünftige Idee von Transparenz verlangt. Er will nicht tricksen. Er will nicht verschleiern. Er will die Regel verstehen und umsetzen – aber so, dass sie wieder Sinn ergibt: Kennzeichnung dort, wo wirklich ein Dritter Einfluss nimmt. Nicht als Dauerbanner über allem, sondern als präzise Markierung im relevanten Moment.
Das ist der Punkt, an dem die Glosse zustimmend werden muss: Das ist erwachsen. Das ist sauber. Das ist sogar eine Art von Medienhygiene, die man sich an anderen Stellen dringend wünschen würde.
Aber: Diese Erwachsenheit muss sich in einem System behaupten, das von infantilisiertem Misstrauen lebt. Das System setzt nicht auf Urteilskraft, sondern auf Schilderkunde. Und solange Denunzianten unterwegs sind, die Ironie nicht als Ironie, sondern als Angriffspunkt lesen, wird jeder Versuch, menschlich zu kommunizieren, automatisch zum Rechtsproblem.
Hausmeister-Brother und die Herrschaft des Aufklebers
Man muss nicht “Big Brother” sagen, um die Mechanik zu sehen. Es reicht “Hausmeister Brother”: Jemand, der nicht alles überwacht, aber alles kommentiert. Der nicht Gewalt hat, aber Vorgänge. Der nicht entscheidet, aber anstößt. Der nicht die Welt verändert, aber sie so lange beschriftet, bis sie sich nicht mehr bewegt.
Und irgendwo an der Wand steht dann: Gleichheit. Transparenz. Fairness.
Und darunter, im Kleingedruckten des Alltags: manche sind gleicher.
Welt, willkommen beim Helden.
Und willkommen in der Farm, in der die Schweine keine Kennzeichnung brauchen – weil sie die Kennzeichnung definieren.