
Es ist eine sonderbare Bewegung, die einen umgreift, wenn man sich auf die Spuren von James Boswell und Dr. Samuel Johnson begibt. Ihre Reise durch Schottland im Jahr 1773 war kein Triumphzug durch das Bekannte, sondern ein tastender, oft unbequemer Vorstoß ins andere Britannien – ins Hochland, ins Schweigen, in den Nebel der Geschichte. Wo heute Touristen mit Kameras am Glenfinnan Viadukt stehen und den Jacobite Steam Train bewundern, sprachen die beiden Männer damals über Sittlichkeit, Sprachreinheit und das Wesen des Fortschritts.

„Inverness war der letzte Ort, an dem eine regelmäßige Kommunikation über die Heerstraßen mit den südlichen Grafschaften geführt wurde. Alle Wege darüber hinaus, so glaube ich, wurden erst von den Soldaten in diesem Jahrhundert gemacht“, schrieb Johnson. Inverness, diese nördlichste Bastion der Zivilisation, war nicht nur geographisch ein Vorposten, sondern auch kulturell. „Die Sprache dieser Stadt gilt seit langem als besonders gepflegt“, ergänzte Boswell, „weil sich die englische Garnison mit den Einwohnern vermischte.“ Cromwell hatte einst hier eine Festung bauen lassen. Eine Burg, „die Burg von Macbeth genannt wird, steht noch auf einem hohen und steilen Felsen. Es war kein sehr geräumiges Gebäude, aber wohl früher nur durch Leitern oder eine Brücke zugänglich.“
Gegenüber, so Johnson weiter, befand sich ein Fort Cromwells, das inzwischen vollständig abgerissen sei – „denn keine Gruppierung in Schottland liebte den Namen Cromwell oder hatte den Wunsch, sein Andenken zu erhalten.“ Dennoch, so bemerkte er scharf, habe Cromwell den Schotten die Künste des Friedens durch Eroberung gebracht: „Sie lernten Schuhe herzustellen und Kohl zu pflanzen.“ Wie sie ohne Kohl lebten, sei schwer vorstellbar. Noch immer liefen große Jungen barfuß über die Straßen, „und auf den Inseln verbringen die Söhne der Herren einige ihrer ersten Jahre mit nackten Füßen“.
Die Passage ist mehr als Spott: Sie ist Teil von Johnsons Versuch, die Schotten nicht bloß zu karikieren, sondern in ihrer widersprüchlichen Entwicklung zu begreifen. Hochgebildet, doch praktisch unterentwickelt – das war sein Bild. Die Literatur, so konstatierte er, habe früh ihren Weg nach Schottland gefunden. „Doch diese genialen und neugierigen Männer waren zufrieden damit, in völliger Unkenntnis der Berufe zu leben, mit denen die menschlichen Bedürfnisse versorgt werden.“
Boswell, sein junger Begleiter, war das Gegenteil eines bloßen Gefolgsmanns. Sohn eines Richters aus Edinburgh, gebildet unter Adam Smith in Glasgow, weltgewandt, melancholisch. Als reiselustiger Mensch durchquerte er ab 1764 Deutschland und die Schweiz, wo er Jean-Jacques Rousseau und Voltaire begegnete. Danach reiste er durch Italien und Frankreich, bevor er 1766 nach London zurückkehrte und kurz darauf seine letzte Jura-Prüfung in Edinburgh ablegte. Zehn Jahre lang arbeitete er als Anwalt, doch sein Herz schlug für die Literatur: Regelmäßig zog es ihn nach London, wo er zum festen Bestandteil des literarischen Zirkels um Johnson wurde.

Seine Aufzeichnungen – wie in „The Journal of a Tour to the Hebrides“ – sind mehr als ein Tagebuch. Sie sind ein Spiegel des inneren Zustands der Aufklärung: neugierig, zerrissen, ironisch. Als sie Inverness verließen, notierte er, sie hätten drei Pferde besorgt – „für uns und einen Diener und noch eines mehr für unser Gepäck“. Und er fügte an: „Es ist nicht ohne Erfahrung vorstellbar, wie beim Klettern von Klippen und beim Durchwaten eines Sumpfes ein wenig Gepäck hinderlich sein kann.“
Diese Reise, fern der Tourismusidylle, war eine Prüfung. „Wir sollten uns nunmehr vom Luxus des Reisens verabschieden und ein Land betreten, auf dem vielleicht noch nie ein Rad gerollt ist“, sagte Johnson. Das war keine Pose, sondern ein realistischer Befund über ein Land, das gleichzeitig Vergangenheit und Gegenwart war.
Edinburgh, von dem sie aufgebrochen waren, war zur Zeit Boswells eine Stadt im Umbruch – geprägt vom Geist Humes, der keine sichere Wahrheit anerkannte, und von der ökonomischen Theorie Smiths, die Boswell als junger Mann hörte. Und doch, so meinte er, sei dort vieles noch „geistreich, aber unfertig“. Zwischen Plädoyers und philosophischen Salons blieb Raum für Boswells eigentliche Kunst: das präzise, teilnehmende Beobachten.
Johnson seinerseits war nicht nur der große Sprachgelehrte, Autor des bahnbrechenden „Dictionary of the English Language“, sondern auch ein kluger Shakespeare-Interpret. In seiner achtbändigen Ausgabe von 1765 urteilte er nicht nach klassizistischer Engführung, sondern verteidigte die Freiheit der dramatischen Form: Dass Shakespeare Tragödie und Komödie mischte, war für ihn kein Makel, sondern Ausdruck tieferen Realismus. Er stellte sich damit gegen den Dogmatismus seiner Zeit – eine Haltung, die auch seine Reisebeschreibungen durchzog.
Was bedeutet es heute, auf ihren Spuren zu wandeln? Vielleicht, dass auch unsere Reisen – trotz aller Bequemlichkeit – Fragen nach Haltung, Erinnerung und Urteil aufwerfen können. Dass wir, wie Johnson sagte, nicht bloß Trost, sondern Richtung suchen. Und dass Boswells feine Stimme, wenn man sie lässt, uns noch immer zuflüstern kann: „Der Mensch ist ein Reisender. Und der Verstand – ein Gefährte.“