Der Trost der Worte: Wolfgang Schiffer liest in der Bonner Buchhandlung Böttger

Ein Abend, der wie ein leiser Flügelschlag über den aufgewühlten Wassern unserer Gegenwart lag. In der Bonner Buchhandlung Böttger, die sich an diesem Abend in einen Ort der Sammlung und des tastenden Denkens verwandelte, sprach Wolfgang Schiffer – nein, er las nicht bloß, er zelebrierte – Gedichte, Reflexionen, Übersetzungen. Wer da kam, tat es nicht aus Zerstreuung, sondern um dem Dunkel mit Sprache zu begegnen, dem Vergehen mit Erinnerung, dem Verstummen mit poetischem Trotz.

Es war, als ob ein alter, stiller Wanderer durch das Gelände der Zeit schritt, ein Mann, dem das Gedicht keine Zier, sondern ein Notbehelf des Denkens ist. Schiffer, dessen Werk sich längst an den Rändern des literarischen Kanons einnistet, begann mit Gedichten aus seinem neuen Band Ich höre dem Regen zu (Elif Verlag, 2024). Ein Titel, der weniger ein poetisches Bild ist als eine Haltung – leise, aufmerksam, beinahe erschöpft, aber nicht resigniert. Das Zuhören, nicht das Sprechen, bildet hier den Anfang. Und das Gedicht? Es ist nicht mehr das Deklamierte, das Erhobene, sondern das, was bleibt, wenn alles andere zu versagen beginnt.

Die Lesung war durchzogen von einem Zwiegespräch – mit dem eigenen Enkel, mit der Natur, mit der verstörten Welt. Gespräche mit dem Enkel, erschienen in der Corvinus Presse, trägt den Ernst dieser Generationenrede in sich. Ohne Pathos, aber mit schmerzlicher Klarheit werden Fragen nach Tod, Liebe, Angst und Erinnerung gestellt – und mit einem Schweigen beantwortet, das schwerer wiegt als jede Antwort.

Besondere Tiefe gewann der Abend durch Schiffers Übersetzungen isländischer Lyrik, darunter der Band nachtarbeit von Sjón. Wer hier Surrealismus erwartet hatte, wurde nicht enttäuscht – aber mehr noch war es die Dichte einer anderen Weltauffassung, die sich in diesen Versen verdichtete. Der Isländer, so schien es, schreibt gegen das Verschwinden, gegen die Stille, nicht mit der Überheblichkeit des Verstehens, sondern im Wissen um die Ohnmacht. Dass Schiffer diese Gedichte nicht allein übertrug, sondern in gleichberechtigter Kooperation mit dem Künstler Jón Thor Gíslason, machte er zum eigenen poetologischen Thema – ein Dialog, der nicht glättet, sondern reibt, sich verweigert, um schließlich Form zu gewinnen.

Der Text Schwierigkeiten beim Schreiben von Gedichten stand am Ende wie ein Vermächtnis – ein Bekenntnis zur Müdigkeit und zur dennoch anhaltenden Bewegung des Schreibens. „Nehmt mir die Bürde ab“, heißt es da, und man konnte spüren, dass dieser Ruf nicht nur poetisch gemeint war. Das Schreiben als letzter Rest von Aufbegehren, wo das Verstummen schon an die Tür klopft.

Was Wolfgang Schiffer an diesem Abend in Bonn darbot, war mehr als eine Lesung: Es war ein poetischer Zustand. Ein leiser, fragender, zärtlich verzweifelter Kommentar zur Gegenwart. Und wer zuhörte, konnte – im besten Sinn – sich selbst darin wiederfinden: als Teil eines zerbrechlichen, aber nicht sinnlosen Weltgefüges. Die Poesie, das wurde klar, mag nicht retten. Aber sie kann das, was zerbricht, begleiten. Und das ist viel in einer Zeit, in der so vieles schon verloren scheint.

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