
Wer die Gegenwart verstehen will, in der Plattformen Begegnungen arrangieren, Märkte synchronisieren und Aufmerksamkeit distribuieren, muss nicht nur ins Silicon Valley blicken. Es genügt, ins 17. Jahrhundert zurückzugehen – in eine Epoche, die von einer ganz anderen Art von Infrastruktur besessen war: dem Register.
Das Zeitalter der wissenschaftlichen Revolution war zugleich das Zeitalter der Listen. In Paris gründete Théophraste Renaudot 1630 sein Bureau d’adresse, eine Einrichtung, die Arbeitslose mit Arbeitgebern, Verkäufer mit Käufern, Kranke mit Ärzten zusammenbringen sollte. In London entwarf Samuel Hartlib wenig später ein „Office of Public Address“, eine Maschine, die alles „in some order“ bringen sollte. Was hier entstand, war mehr als eine Behörde oder ein Anzeigenblatt. Es war der Versuch, gesellschaftliche Zufälligkeit administrativ zu bändigen.
Gottfried Wilhelm Leibniz hat diese Entwicklung mit wachem Blick verfolgt – und sie in ein Projekt von größerer Ambition überführt. Seine Adressbüro- und Notizamtpläne gehören zu den eigentümlichsten Dokumenten der Frühmoderne. Sie zeigen einen Philosophen, der Ordnung nicht nur denken, sondern organisieren wollte.
Paris und London: Die erste Informationsökonomie
Renaudots Pariser Büro verband Register, Vorträge, medizinische Beratung und gedruckte Anzeigen. Seine „Feuille du Bureau d’adresse“ war eine frühe Form öffentlicher Bekanntmachung: Wer Arbeit suchte oder Waren anbot, ließ sich eintragen. Die Vermittlung geschah nicht mehr durch Zufall oder persönliche Beziehungen, sondern durch institutionalisierte Information.
Ähnlich dachte Hartlib in England. Sein „Office of Address“ sollte ein Zentrum sein, in dem sich Angebot und Nachfrage treffen. Die Idee war schlicht und radikal zugleich: Wenn man weiß, wer was braucht, kann man Armut, Müßiggang und Ineffizienz reduzieren.
Beide Projekte reagieren auf ein Problem, das wir heute als Informationsasymmetrie bezeichnen würden. Sie setzen auf Register als Technik der Sichtbarkeit. Wer registriert ist, existiert im System. Wer nicht erfasst ist, bleibt dem Markt und der Obrigkeit verborgen.
Leibniz’ Drôle de pensée: Das Theater der Erfindungen
Als Leibniz 1675 in seinem „Drôle de pensée“ ein „bureau général d’adresse pour tous les inventeurs“ skizzierte, ging er über seine Vorbilder hinaus. Sein Adressbüro war nicht nur Vermittlungsstelle, sondern ein Theater der Möglichkeiten: Labor, Raritätenkabinett, Menagerie, Akademie, Konferenzraum.
Erfinder sollten ihre Ideen anmelden, öffentlich präsentieren und wirtschaftlich verwerten können. Innovation sollte nicht länger vom Zufall eines Mäzens abhängen, sondern von einer Infrastruktur der Aufmerksamkeit. Das Büro war Bühne und Markt zugleich.
Hier erscheint bereits eine zentrale Intuition Leibniz’: Wissen ist nicht nur wahr oder falsch; es ist sozial distribuiert. Wer Erfindungen fördern will, muss Begegnungen organisieren.
1678: Ökonomie und Policey
In einem Vorschlag von 1678 an Herzog Johann Friedrich entwirft Leibniz die Verbindung von Pfandhaus und Adressbüro. Man solle dort erfahren können, „was zu kaufen, verkaufen, zu lehnen, zu vermiethen, zu verdingen“ sei. Das Register wird zur ökonomischen Schaltstelle.
Doch Leibniz denkt weiter. Er schlägt Werkhäuser, Armenordnungen, Bildungsinstitutionen vor. Sein Adressbüro ist Teil eines umfassenden Reformprogramms. Es soll Handel, Gewerbe, Studien und Künste befördern. Ordnung wird zur Voraussetzung von Wohlstand.
Damit bewegt sich Leibniz im Horizont der frühneuzeitlichen Policey: jener Staatslehre, die das Gemeinwohl durch Regulierung, Aufsicht und statistische Erfassung sichern wollte. Register sind hier nicht nur Dienstleistung, sondern Machtinstrument.
Das Notiz-Amt: Serendipität als Plan
Der vielleicht kühnste Entwurf stammt aus den Jahren 1712/13. Leibniz plant ein „Notiz-Amt“, das Käufer und Verkäufer, Gelehrte und Verleger, Arbeiter und Auftraggeber zusammenführt. Ziel sei es, „auß einem zufälligen etwas gewißes“ zu machen.
Dieser Satz verdient Aufmerksamkeit. Er benennt das Paradox der Moderne: Der Zufall soll nicht verschwinden, sondern produktiv werden. Wer das Register konsultiert, findet „oft was er suchet“ – und zugleich etwas, „darauf er sonst nicht gedacht hätte“.
Leibniz integriert damit das Moment der Serendipität in eine institutionelle Form. Das Register wird nicht nur Kontrollinstrument, sondern Generator von Möglichkeiten. Ordnung erzeugt neue Zufälle.
Zugleich enthält das Notiz-Amt obrigkeitliche Elemente: Beurkundung von Verträgen, Verwaltung von Stiftungen, Annahme anonymer Anzeigen. Selbst diskriminierende Kontrollvorstellungen finden sich in seinen Entwürfen. Das Projekt ist von Ambivalenz durchzogen: Emanzipation durch Information – und zugleich Disziplinierung durch Erfassung.
Berlin: Vom Adressbüro zum Lombard
Die praktische Geschichte der Adresshäuser in Preußen zeigt, wie schnell die Vermittlungsutopie in eine Kreditinstitution kippen konnte. Das 1689 privilegierte Berliner Adress-Haus entwickelte sich bald vor allem zu einem Pfandhaus. Register dienten weniger der Begegnung als der Sicherung von Vorschüssen gegen Zinsen.
Die Informationsgesellschaft der Frühmoderne wurde zur Finanzinfrastruktur. Sichtbarkeit bedeutete Kreditwürdigkeit. Wer registriert war, konnte beleihen; wer nicht erfasst war, blieb ausgeschlossen.
Diese Entwicklung offenbart die strukturelle Spannung der Adressbüros: Zwischen Gemeinwohlrhetorik und ökonomischer Realität setzte sich häufig das Lukrative durch.
Register und Regierung
Die Geschichtswissenschaft hat solche Einrichtungen als Vorformen moderner Informationssysteme beschrieben. Sie reagierten auf das, was Ann Blair den frühneuzeitlichen „information overload“ genannt hat: eine Explosion gedruckten Wissens, die neue Ordnungstechniken erforderte.
Gleichzeitig lassen sie sich im Licht der Gouvernementalität lesen: Register ermöglichen nicht nur Austausch, sondern Steuerung. Wer Daten sammelt, kann Märkte lenken, Verhalten regulieren, Risiken kalkulieren.
Leibniz steht in diesem Spannungsfeld. Sein Notiz-Amt ist keine bloße Verwaltungsphantasie. Es ist der Versuch, eine Gesellschaft der vernetzten Informationen zu denken – lange bevor Elektrizität oder Internet existierten.
Die Gegenwart im Spiegel des 17. Jahrhunderts
Der Gedanke, Begegnungen systematisch zu organisieren, erscheint heute selbstverständlich. Digitale Plattformen tun im Grunde, was Renaudot, Hartlib und Leibniz projektierten: Sie registrieren, matchen, vermitteln. Sie machen aus zufälligen Möglichkeiten kalkulierbare Verbindungen.
Doch wie im 17. Jahrhundert bleibt die Ambivalenz bestehen. Sichtbarkeit erzeugt Chancen – und Kontrolle. Ordnung erleichtert Austausch – und schafft neue Abhängigkeiten.
Leibniz’ Traum vom Register war ein Traum von Vernunft. „Polizey und Ordnung, Handel und Wandel, Studien und Künste“ sollten befördert werden. Doch Vernunft organisiert nicht nur Freiheit, sondern auch Macht.
Vielleicht liegt die eigentliche Aktualität des Notiz-Amts nicht in seiner technischen Vorwegnahme moderner Plattformen. Sondern in seiner Einsicht, dass jede Gesellschaft, die den Zufall produktiv machen will, entscheiden muss, wie viel Ordnung sie erträgt.
Das 17. Jahrhundert hat darauf eine Antwort gegeben: Man baut Register.
Weiterführende Quellen und Archive
Leibniz‑Akademieausgabe/Leibniz‑Archiv Hannover, EEBO‑TCP (Robinson/Hartlib‑Kreis), Gallica/BnF (Renaudot‑Drucke), Geheimes Staatsarchiv PK (preußische Reglements), sowie Tantners Gesamtdarstellung als deutschsprachiger Leitfaden.