
Das Froschgleichnis ist schnell erzählt und genau deshalb so beliebt: Angeblich springt der Frosch aus heißem Wasser sofort heraus, bleibt im langsam erhitzten Wasser aber so lange sitzen, bis er gar ist. Mit diesem Küchenmärchen erklärt man dann gern die gesellschaftliche Trägheit angesichts der Klimakrise. Das ist nicht nur biologischer Unsinn, sondern auch rhetorischer Komfortmüll. Denn die Metapher tut so, als sei die Katastrophe vor allem ein Wahrnehmungsproblem. Als hätten wir es mit zu wenig Temperatursinn zu tun und nicht mit Interessen, Besitzständen und organisierter Verantwortungslosigkeit. Der Frosch ist das Alibi-Tier der Leute, die ungern Ross und Reiter nennen. Und deshalb ist es so ermüdend, ihm schon wieder im „Philosophie Magazin“ zu begegnen.
Ronald Düker eröffnet seinen Text „Den Frosch zum Springen bringen“ tatsächlich mit genau diesem alten Sumpfbestand der Debattenprosa. Da sitzt er also wieder, der Frosch, auf Seite neunzig der Gegenwart, und muss den Deutschen erklären, was schleichende Gefahr ist. Als hätte es für das Problem der Klimakrise nicht längst genug Bilder gegeben: brennende Wälder, vertrocknete Flüsse, überflutete Städte, Hitzetote, Ernteausfälle. Nein, es muss wieder die Amphibie sein, das Maskottchen des feuilletonistischen Erkenntnisnotstands.
Und natürlich bleibt es nicht beim Frosch. Kaum ist das Tier im Topf versenkt, geht es auch schon los mit dem eigentlichen Lieblingssport des gebildeten Krisendiskurses: dem Gerede über Narrative. Fünf Philosophen, ein Soziologe und eine Aktivistin untersuchen, was uns am Handeln hindert. Die Antwort lautet dann sinngemäß: zu viel Apokalypse, zu viel Angst, zu viel Lähmung, zu wenig motivierende Erzählung. Man müsse, so die Stoßrichtung, weg vom düsteren Untergangssound und hin zu Erfolgsgeschichten, Möglichkeitssinn und aktivierenden Perspektiven. Als sei die Atmosphäre eine sensible Leserschaft, die nur dann mitmacht, wenn der Ton freundlich genug gesetzt ist.
Das ist der Moment, in dem man unwillkürlich böse wird. Denn die Klimakrise ist kein Problem des Framings. Sie ist kein Kommunikationsseminar mit schwierigem Publikum. Sie ist auch nicht daran gescheitert, dass die Erzählung zu negativ war. Sie scheitert an Industrien, Interessen, Bequemlichkeiten, Profiten, Wahlzyklen, Lobbyarbeit, an der sehr materiellen Entscheidung, die Dinge lieber weiterlaufen zu lassen. Aber kaum wird es unangenehm konkret, flüchtet ein bestimmtes Milieu sofort in den weich gepolsterten Plural der „Narrative“. Dann ist nicht mehr von Macht die Rede, sondern von Geschichten. Nicht mehr von Verantwortung, sondern von Wahrnehmung. Nicht mehr von Schuld, sondern von psychologischer Aktivierung. Das Haus brennt, und im Salon fragt jemand, ob „Brand“ nicht ein bisschen zu apokalyptisch klingt.
Der Text referiert pflichtschuldig Hans Jonas, Tugendethik, Naturwissenschaft plus Ethik, dazu Carla Hinrichs mit ihrem Bericht über Aktivismus und Staatsgewalt, und Sighard Neckel mit dem Hinweis, dass Kapitalismus und Klimapolitik keine glückliche Ehe führen. Das ist alles nicht falsch. Im Gegenteil: Es ist oft sogar vernünftig. Nur liegt gerade darin das Problem. Die Vernünftigkeit wird hier in Watte gepackt. Alles ist bedacht, ausgewogen, eingeordnet, anschlussfähig. Sogar die Verzweiflung kommt geschniegelt daher. Auf der nächsten Seite stehen die Bücher geschniegelt im Studio-Licht gleich mit dabei, als hätte man für die Katastrophe noch schnell einen Produkttisch aufgebaut. Die Welt geht zugrunde, aber bitte in ordentlicher Auslage.
Und dann diese deutsche Sehnsucht, aus jeder historischen Zumutung am Ende doch noch einen inneren Arbeitsauftrag zu machen. Wir brauchen mehr Möglichkeitssinn. Mehr Achtsamkeit. Mehr moralische Beweglichkeit. Vielleicht sogar mehr Erfolgsgeschichten. Immer dieser pädagogische Restoptimismus, als wäre die Lage am Ende doch ein Fall für bessere Selbstbeschreibung. Nein. Vielleicht brauchen wir nicht noch ein anderes Narrativ. Vielleicht brauchen wir endlich weniger Ausreden. Weniger semantische Kosmetik. Weniger Debattenhygiene. Weniger Topfmetaphern.
Der Frosch springt übrigens. Nur die Debatte bleibt sitzen. Sie bleibt sitzen, sortiert Gefühle, prüft Tonlagen, kalibriert Hoffnung, wägt Erzählweisen ab und ist von ihrer eigenen Sensibilität so beeindruckt, dass sie das Entscheidende beinahe elegant übersieht: Es fehlt nicht an Bildern. Es fehlt an Konsequenzen.
Darum wäre der erste kleine Fortschritt vielleicht ganz schlicht: den Frosch beerdigen. Endgültig. Mit nassem Kranz und ein paar würdevollen Worten. Er hat lange genug für Texte gearbeitet, die nicht sagen wollen, wer hier eigentlich den Herd aufgedreht hat.