Der Stoff, aus dem die Zukunft ist – Warum das Bauen endlich zirkulär werden muss: Aktionsplan für den Bundesumweltminister @_BMUKN @schneidercar #TdKLW25

Es gibt Sektoren, die sich lautstark ins Zentrum jeder Transformationsrhetorik drängen – Verkehr, Energie, Digitalisierung. Und dann gibt es jene, die schweigend weiter funktionieren, als hätten sie mit der Zukunft nichts zu tun. Der Gebäudesektor gehört zu Letzteren. Er liefert die Kulisse unserer Lebenswelt, frisst Ressourcen, häuft Abfälle, verschlingt Energie – und bleibt dabei erstaunlich unauffällig. Wer sich der ökologischen Bilanz dieses Systems nähert, erkennt rasch: Hier wird nicht nur gebaut. Hier wird systematisch verschwendet.

Dabei liegt in kaum einem anderen Bereich derart viel ungenutztes Potenzial. Der Bau ist nicht nur materiell schwergewichtig – er ist auch kulturell träge, normativ durchreguliert und institutionell gefangen im Denken des Immergleichen: neu planen, neu bauen, neu versichern, neu bilanzieren. Das Alte ist Abfall, das Gebrauchte suspekt, das Wiederverwendete ein Risiko.

In der jüngsten D2030 Futures Lounge wurde dieses Dilemma in aller Deutlichkeit beschrieben – nicht klagend, sondern klärend. Drei Stimmen – Armando García Schmidt (Bertelsmann Stiftung), Gerhard Feldmeyer (Architekt, Madaster Foundation) und Carla Jung-König (Stadtplanungsamt Heidelberg) – legten dar, woran das zirkuläre Bauen bislang scheitert. Und wie es sich ändern ließe.

Symbolpolitik bei Joghurtbechern – Schweigen bei Beton

Die Fakten sind bekannt – und doch entfalten sie kaum Wirkung:

  • Rund 50 % des gesamten Ressourcenverbrauchs in Deutschland entfallen auf die Bauwirtschaft.
  • Etwa 50 % des Abfallaufkommens sind Bau- und Abbruchabfälle.
  • Der Sektor verursacht rund 40 % der CO₂-Emissionen in der EU.
  • Die Zirkularitätsrate im Gebäudebereich liegt unter 4 % – und damit deutlich unter dem ohnehin niedrigen Durchschnitt von 13 %.

Gleichzeitig führt die öffentliche Debatte einen merkwürdig verschobenen Kreislauf-Diskurs. Wir diskutieren über Joghurtbecher, die drei Gramm wiegen. Seit Jahrzehnten kreist die Umweltpolitik um acht Millionen Tonnen Verpackungsabfall – ein Stoffstrom, der zu 80 Prozent erfasst und recycelt wird. Selbst wenn man das letzte Milchdöschen in Deutschland dem Recycling zuführt, steigt die gesamtwirtschaftliche Kreislaufquote kaum um ein Prozent. Im Vergleich dazu sind die Effekte im Bausektor dramatisch größer – aber kaum Thema.

Während also über Leichtverpackungen symbolisch gestritten wird, bleiben die relevanten Stoffströme – Beton, Stahl, Dämmstoffe, Fenster, technische Anlagen – regulatorisch und medial im Schatten. Genau hier aber entscheidet sich, ob die Kreislaufwirtschaft von der politischen Formel zur materiellen Wirklichkeit wird.

Recht, Risiko, Restwert – die systemische Verhinderung

Wer heute ein Gebäude errichtet oder saniert, bewegt sich in einem Netz aus Vorschriften, Normen, Haftungsregeln und Gewährleistungspflichten. Dieses Netz ist auf standardisierte Neuware ausgelegt. Materialien aus dem Rückbau – auch wenn sie technisch einwandfrei wären – gelten als nicht zulässig, nicht versicherbar, nicht normkonform.

Die Folgen:

  • Architekten und Planer haften für Baustoffe, deren Herkunft sie nicht rechtlich absichern können.
  • Bauherren verzichten aus Angst vor Gewährleistungslücken auf wiederverwendete Bauteile.
  • Versicherungen verweigern Deckung bei nicht zertifizierter Neuware.
  • Ausschreibungsregularien schließen Rückbaustoffe häufig aus.

Besonders drastisch zeigt sich das Problem im Rechnungswesen: Gebrauchte Baustoffe lassen sich bilanztechnisch kaum als Vermögensgegenstände ansetzen – weil sie nicht als „Anschaffung“ gelten und daher häufig mit einem Restwert von null verbucht werden. Diese Praxis, oft als Wirkung des sogenannten „Schrottparagrafen“ im HGB beschrieben, verhindert ökonomische Anreize für Wiederverwendung.

Ein politischer Hebel: Nordrhein-Westfalen geht voran

Dass es auch anders geht, zeigt Nordrhein-Westfalen. Dort hat das Bauministerium 2023 einen Erlass verabschiedet, der öffentlichen Bauherren erlaubt, den Ressourcenwert zirkulär eingesetzter Materialien als Vermögen zu bilanzieren – sofern ein nachvollziehbares Materialkonzept vorliegt. Diese Regelung entlastet kommunale Haushalte und schafft neue Spielräume. Ein Hebel, der bislang nur selten genutzt wird – obwohl er rechtlich auch in anderen Bundesländern möglich wäre.

Im privaten Bereich hingegen bleibt die Lage komplizierter. Banken, Bewerter und Versicherungen orientieren sich weiter an linearen Wertmaßstäben. Die ökologischen Vorteile gebrauchter Materialien schlagen sich weder im Kreditwesen noch in der Preisbildung nieder. Hier braucht es Impulse von Politik und Aufsicht – etwa durch angepasste Bewertungsrichtlinien und Risikoabsicherungen.

Was jetzt zu tun ist: Vorschläge für den Bundesumweltminister

Am 5. Juni, beim Tag der Kreislaufwirtschaft in Berlin, wird Bundesumweltminister Carsten Schneider sprechen. Es wäre eine verpasste Gelegenheit, dort lediglich altbekannte Allgemeinplätze zu wiederholen. Die Diskussionen der D2030-Futures Lounge sind bereits über das bloße Problembewusstsein hinausgegangen – sie münden nun in einen konkreten Aktionsplan der Green-Monday-Wirtschaftsinitiative. Ein Netzwerk von Hidden-Champion-Unternehmen will damit die Kreislaufwirtschaft entscheidend voranbringen: realistisch, umsetzbar, wirksam.

  1. Öffentliche Beschaffung zirkulär ausrichten
    Vergabeverfahren müssen CO₂-Fußabdruck, Materialherkunft und Wiederverwendbarkeit berücksichtigen. Rückbaustoffe dürfen nicht länger rechtlich benachteiligt werden.
  2. Bilanzierung und Bewertung anpassen
    Das HGB sollte so interpretiert oder ergänzt werden, dass gebrauchte Materialien mit dokumentierter Herkunft bilanziell erfasst werden können. Die NRW-Regelung kann bundesweit als Modell dienen.
  3. Versicherbarkeit zirkulärer Bauten ermöglichen
    Es braucht spezielle Produkte und Rahmenbedingungen, die auch rückgebaute oder gebrauchte Materialien abdecken – idealerweise flankiert durch staatliche Rückbürgschaften.
  4. Normenwesen öffnen und flexibilisieren
    Die Standardisierung muss Kreislauffähigkeit und stoffliche Vielfalt abbilden – nicht verhindern. Neue Normen brauchen ökologische Dimensionen.
  5. Digitale Materialpässe verpflichtend einführen
    Rückverfolgbarkeit, Qualität und Herkunft müssen dokumentiert und verfügbar sein – als Grundlage für Haftung, Ausschreibung und Wiederverwertung.
  6. Kompetenzzentren und Netzwerke aufbauen
    Kommunen und kleine Akteure benötigen Beratung, Praxiswissen und rechtliche Klarheit. Regionale Stellen könnten diese Rolle übernehmen – auch mit Unterstützung des Bundes.

Wer heute baut, entscheidet über Ressourcen von morgen. Der Gebäudesektor ist kein technischer Nebenschauplatz, sondern ein zentrales Feld ökologischer Steuerung. Die Werkzeuge für zirkuläres Bauen liegen bereit – doch sie werden durch Rechtsunsicherheit, institutionelle Trägheit und fehlende wirtschaftliche Anreize blockiert.

Eine Bauwende, die diesen Namen verdient, muss an die Grundlagen gehen: an die Gesetze, die Bilanzierungsregeln, die Normen, die Anreize – und an das Verständnis von Wert.

Nicht der Stein ist das Problem. Es ist das System, das ihn falsch setzt.

Beim #GreenMondayUpdate via Zoom wird über den Aktionsplan zirkuläres Bauen gesprochen. Am Montag, den 16. Juni 2025, um 17:00 Uhr.

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