Der neuronale Irrweg: Warum Europas XXL-Technologiewette ein Fehler ist – und was wir von Henning Scheich, Gliazellen und DeepSeek lernen könnten

Europa baut Rechenzentren, als hätte man dem Kontinent eine einzige Maxime eingeschrieben: Mehr ist mehr.Mehr Chipfabriken. Mehr Serverfarmen. Mehr Energiehunger. Mehr Beton. Und weil im Silicon Valley die größten Modelle als die besten gelten, glaubt die EU-Kommission, man müsse diesem Maßstab nacheifern – koste es, was es wolle.

Doch diese Fixierung auf neuronale Superlative erinnert an eine Denkfigur, die der Neurobiologe Henning Scheich zu Lebzeiten konsequent kritisierte: Die naive Gleichsetzung von Aktivität und Intelligenz. Nur weil im Gehirn etwas hell aufleuchtet, heißt es nicht, dass dort etwas gelernt wurde. Im Gegenteil: Hohe Aktivierung ist oft ein Zeichen von Überforderung. Der Profi denkt leise.

Genau diese Warnung gilt heute für die Technologiewirtschaft.
Europa verwechselt Aktivität mit Fortschritt – und baut an einer digitalen Zukunft, die ausgerechnet jene Prinzipien ignoriert, die unser eigenes Gehirn so erfolgreich machen.

Die große Fehlsteuerung: Silicon Valley als falsches Vorbild

Die digitale Strategie der westlichen Welt ist zu einer Art industriellem Reflex erstarrt: Wenn etwas nicht gut genug ist, baue es größer. Wenn es immer noch nicht reicht, baue es noch größer.

4-nm-Fabs für 20 Milliarden Euro. Rechenzentren, die so viel Strom verbrauchen wie mittlere Städte.
Ein KI-Wettrüsten, das ausschließlich aus der Logik besteht:

→ mehr Parameter, mehr GPUs, mehr Megawatt, mehr Schulden.

Doch diese Logik ist – neurobiologisch gesehen – der Irrweg des übererregten Neurons: ineffizient, verschwenderisch, und am Ende ruinös.

Henning Scheich hätte diese XXL-Besessenheit vermutlich mit einem stillen Lächeln kommentiert.
Er wusste, dass Systeme, die viel Energie verbrennen, häufig die falschen Fragen beantworten.
Was zählt, ist Konsolidierung – nicht Explosion.

Gliazellen: Das vergessene 80-Prozent-Argument

Winfried Felser spricht seit Jahren über die Gliazellen: jene unscheinbaren Unterstützerzellen, die im Gehirn fast 80 Prozent ausmachen.
Nicht die Neuronen sind die Helden der Intelligenz, sondern die Infrastruktur, die sie stabilisiert, vernetzt, entlastet und energetisch ausbalanciert.

Europa baut heute digitale Neuronen – Chipfabriken, KI-Cluster – aber keine digitale Glia.
Es fehlt:

  • die energieeffiziente Hardware (analog, neuromorph, photonisch),
  • die intelligenten Zwischenschichten,
  • die politischen Mechanismen, die Rechenlast entzerren,
  • der regulatorische Stoffwechsel, der überhitzte Systeme kühlt.

Wir denken wie eine Technologiepolitik, die nur Neuronen sieht, aber nicht versteht, dass ohne Glia kein Denken möglich ist.

Der wahre Fehler ist:
Europa versucht, die USA neuronenzentriert zu kopieren – anstatt gliazentrisch zu innovieren.

Der DeepSeek-Schock: Ein einziges Modell zeigt den Irrsinn

Dann kommt China – und zerstört mit einem Schlag die westliche Logik.

Die Entwickler von DeepSeek zeigen, dass Effizienz wichtiger ist als Parametergröße.
Mit einer radikal optimierten Architektur rechnen sie dort mit 20 Millionen Dollar, wofür US-Modellbauer 2 Milliarden brauchen.
Nicht weil sie mehr haben, sondern weil sie anders denken.

DeepSeek ist das, was Henning Scheich „geringe fokussierte Aktivität“ nennen würde:
präzise, energiesparend, strukturell überlegen.
Ein Modell, das zeigt, dass Intelligenz nicht aus rohem Rechenaufwand entsteht, sondern aus Organisation.

Der Westen reagiert darauf, wie überforderte Neuronen reagieren:
mit noch mehr Aktivierung, noch mehr Megaprojekten, noch mehr Milliarden.

Doch der chinesische Ansatz zeigt unmissverständlich:
Es geht nicht darum, die größten Rechenzentren zu haben – sondern die cleversten Architekturen.

Die neurobiologische Lektion: Weniger Rechenpower, mehr Synapsenökonomie

Henning Scheich stand sein Leben lang gegen Moden. Gegen das Oberflächenhafte.
Er misstraute dem Spektakel, dem strahlenden Areal in der PowerPoint-Folie.
Was zählt, ist das, was bleibt – die Konsolidierung, die Reduktion, die Vernetzung, die Pausen.

Genau dieses Prinzip ist für die Europäische Technologiepolitik heute entscheidend.

Das Gehirn ist kein Data Center.
Es ist ein energieoptimierter, fehlertoleranter, vernetzter Organismus.

Seine Stärken entstehen durch:

  • Ultraeffizienz (20 Watt für Weltklassekognition),
  • Redundanz und Fehlerkorrektur,
  • Gliazellen, die Komplexität abfedern,
  • Eleganz statt Übererregung,
  • erlernte Optimierung statt brutaler Skalierung.

Warum also folgt die EU einem Technologiepfad, der dem Gehirn diametral widerspricht?

SPRIND und die vergessenen Alternativen

Dort, wo Europa wirklich Zukunft baut – in den Programmen der Bundesagentur SPRIND – sieht man bereits die Gegenlogik:

  • Analogcomputer auf einem Chip,
  • neuromorphe Architekturen,
  • photonische Beschleuniger,
  • energieeffiziente Edge-KI.

All das sind Glia-Technologien: unauffällig, stabilisierend, effizient.
Sie skalieren nicht in der Breite, sondern in der Tiefe.

Doch politisch bleiben sie Randthemen – weil die Schlagkraft eines 20-Milliarden-Fabs spektakulärer ist als die leise Eleganz eines neuromorphen Oszillators.

Der Irrweg der EU-Produktionsplanung

Die Europäische Union will Hunderte Milliarden in Chips, Cloud-Giganten, Supercomputer und Hyperscale-Rechenzentren investieren.
Doch diese Politik folgt einem neurobiologisch falschen Modell: der Übererregung.

Wenn Henning Scheich sagt,

„Große Aktivierung ist oft ein Zeichen von Unsicherheit“,
dann gilt das auch für politische Aktivierung.

Der Kontinent baut nicht aus Souveränität – er baut aus Angst.
Und Angst ist ein schlechter Architekt.

Europa droht, neuronale Feuerwerke zu produzieren, die nichts stabilisieren.
Wo Gliazellen fehlen, brennt das System aus.

Die Konsequenz: Europa muss DeepSeek ernst nehmen – nicht Nvidia

Die wichtigste technopolitische Frage lautet heute:

Will Europa eine KI sein, die immer heißer läuft?
Oder will es eine KI sein, die klug organisiert ist?

Die USA setzen auf das erste Modell.
China beweist, dass das zweite überlegen sein kann.
Und Europa hat – biologisch, historisch, forschungsökonomisch – die perfekte Ausgangslage dafür.

Was fehlt, ist der Mut, sich zu lösen von der neuronalen Übererregung Silicon Valleys.

Was Henning Scheich uns hinterlässt

Scheich war ein Forscher der Differenzierung, nicht der Effekte.
Ein Mann, der wusste:

Wenn die Birne leuchtet, lernen wir nicht besser.

Europa steht vor einer ähnlichen Erkenntnis.
Seine Technologiepolitik muss die stillen, die definierten, die effizienten Prozesse stärken – nicht die lärmenden, überhitzten.

Gliazellen statt GPU-Kathedralen.
DeepSeek statt Parameter-Protzerei.
Und Henning Scheich statt neuronale Feuerwerkspädagogik.

Die Zukunft gehört nicht dem stärksten Neuron,
sondern der klügsten Organisation.

Siehe auch:

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