
Es ist ein Satz wie aus der Zukunftsliteratur: „Er sieht aus wie ein Mensch, spricht 80 Sprachen, hat ein fotografisches Gedächtnis und kann 1.000 Gespräche gleichzeitig führen.“ Was nach Science-Fiction klingt, ist auf der Zukunft Personal Europe in Köln als Weltpremiere vorgestellt worden. Frank M. Scheelen präsentierte mit Relief AI den ersten Coaching-Avatar, der Menschen durch Stress, Burnout und Führungsfragen begleitet.
Das Versprechen ist kühn: Niederschwelliger Zugang zu mentaler Unterstützung – jederzeit, ohne Stigma, ohne Wartezeit. Wer nachts um drei nicht schlafen kann, findet in der digitalen Figur „Naja“ einen Gesprächspartner. Sie fragt, ob man sich duzen möchte, liest Emotionen aus Gestik und Stimme, erkennt Stressmuster und entwickelt Resilienzstrategien. Für Unternehmen, die unter explodierenden Fehlzeiten leiden, könnte dies ein Durchbruch sein.
Die Skepsis liegt nahe: Kann ein Avatar Empathie ersetzen? Scheelen kontert mit Zahlen. Psychische Erkrankungen verursachen Schäden in Milliardenhöhe. Noch teurer sind die „Präsentismus“-Fälle: Mitarbeitende, die krank zur Arbeit kommen, Fehler machen, Leistung verlieren. Ein Avatar ersetzt keinen Therapeuten, aber er füllt die Lücke zwischen Problem und Hilfe – niederschwellig, anonym, entstigmatisiert.
Gesellschaftlich brisant ist der Befund, dass gerade die Generation Z bereits vor dem Einstieg ins Berufsleben Stresssymptome zeigt. Fehlende Resilienzstrategien, übersteigerte Erwartungshaltungen und eine von KI verstärkte Sinnkrise im Arbeitsleben führen dazu, dass viele junge Menschen schon „ausgebrannt starten“. Der Avatar adressiert dies mit Prävention: Burn-on statt Burn-out, wie Schelen sagt.
Auch ökonomisch zeigt sich, dass das Konzept ernst genommen wird: Der Börsengang in Kanada am 10. November ist geplant, Investoren aus Family Offices und internationalen Märkten stehen bereit. Erste Pharmaunternehmen wollen Relief AI weltweit ausrollen. Hier deutet sich an, dass mentale Gesundheit nicht mehr als „Nice to have“ gilt, sondern als systemrelevanter Faktor in Zeiten von Fachkräftemangel und Leistungsdruck.
Der Coaching-Avatar ist damit mehr als ein technisches Gimmick. Er ist Symptom und Antwort zugleich: auf eine Gesellschaft, die psychische Belastungen lange verdrängt hat, und auf Arbeitswelten, die den Menschen oft falsch einsetzen. Der Avatar mag digital sein – aber seine Aufgabe ist zutiefst humanistisch: Zuhören, entlasten, den Sinn zurückgeben.