Das globale Dorf als Brennglas der Gewalt – Ein systemtheoretischer Exkurs mit Marshall McLuhan

Das Missverständnis der Nähe

„Die Menschen glauben, je näher sie einander kommen, desto mehr würden sie sich mögen“, sagt der ältere Herr mit dem dunklen Anzug und dem stillen Lächeln in einem Fernsehinterview. Dann lacht er trocken. „Es gibt keinen Beweis für diese Annahme. Tatsächlich werden Menschen, wenn sie näher zusammenrücken, zunehmend ungeduldig, ja, aggressiv miteinander.“

So beginnt ein medienhistorisches Zeitdokument mit dem Mann, der die Welt berühmt gemacht hat für einen Begriff, der gerne als Verheißung missverstanden wird: global village. Marshall McLuhan, der kanadische Medienphilosoph, denkt nicht in Räumen, sondern in Feldern, nicht in Bedeutungen, sondern in Effekten. Der Satz „Das Medium ist die Botschaft“ war keine Einladung zur Interpretation, sondern eine systemische Diagnose.

Zurück in den bicameral mind

Im Interview zeichnet McLuhan ein Bild der Rückkehr: „Wir kehren zurück in den Zustand des bicameral mind, kollektiv, tribal, ohne individuelles Bewusstsein.“ Das klingt wie eine anthropologische Fiktion, ist aber der Versuch, die Medienwirklichkeit des 20. Jahrhunderts als Re-Integration vormoderner Kommunikationsverhältnisse zu beschreiben.

Der Begriff des „bicameral mind“ stammt ursprünglich vom Psychologen Julian Jaynes, der damit einen präliteralen, vorbewussten Zustand des Menschen beschreibt: ein Denken, das nicht im Sinne innerer Reflexion funktioniert, sondern in dem die rechte Hirnhälfte – bildhaft, akustisch, mythisch – die linke dominierte. Entscheidungen, Intuitionen, Handlungen wurden nicht als inneres Selbstgespräch erlebt, sondern als „Stimmen der Götter“, als Befehle einer externen Autorität. Es war ein Leben in totaler Präsenz, ohne Distanz zwischen Impuls und Reaktion, zwischen Wahrnehmung und Interpretation.

McLuhan greift dieses Konzept auf und überträgt es in den Kontext des elektronischen Zeitalters: Die Rückkehr in den bicameral mind bedeutet, dass die modernen, elektrischen Medien – Fernsehen, Radio, Telefon, Internet – eine neue Form des Kollektivbewusstseins erzeugen, das nicht mehr durch individuelle Abgrenzung, sondern durch permanente Beteiligung funktioniert. Der Einzelne verschmilzt mit der medialen Umwelt. Was wie Partizipation wirkt, ist in Wahrheit ein Verlust der Reflexion, ein Ausgeliefertsein an unmittelbare Reize und kollektive Affekte.

Der Verlust des reflexiven Ichs

In der literalen, alphabetisierten Kultur der Neuzeit war das Ich ein Zentrum der Selbstbeobachtung. Die Schrift – linear, statisch, differenzierend – hatte einen reflexiven Raum erzeugt, in dem sich das Individuum als etwas Eigenes konstituieren konnte. Mit der Rückkehr zur akustisch-visuellen Medienrealität wird dieses Zentrum destabilisiert. Fernsehen, soziale Medien, digitale Echtzeitkommunikation erzeugen eine Umwelt, in der man ständig reagiert – aber nicht mehr reflektiert. Alles geschieht gleichzeitig, alles ist präsent, alles verlangt sofortige Anschlusskommunikation. „Man lebt nicht mehr mit einem festen Ich“, könnte man formulieren, „sondern mit einer Vielzahl medial erzeugter Rollen, Figuren, Profile.“

Struktur statt Dystopie

Was McLuhan beschreibt, ist keine Dystopie – sondern eine Operationserklärung für das Funktionieren postmoderner Gesellschaft. Das Selbst wird nicht mehr durch Abgrenzung erzeugt, sondern durch Anschlussfähigkeit. Das Individuum ist keine feste Instanz, sondern ein Knotenpunkt in einem Netzwerk von Reizen, Signalen, Rückmeldungen. Die Medien erzeugen nicht nur Inhalte, sondern Bewusstseinsmodi. Und der Modus des bicameral mind ist der Modus des unmittelbaren Hörens, Sehens, Reagierens – ohne Narration, ohne Distanz, ohne Ich.

Gewalt als Anschlusskommunikation

Diese Rückkehr ins Tribale hat nichts mit Ursprünglichkeit zu tun. Sie ist das Produkt technischer Beschleunigung. „There’s very little time to get accustomed to anything“, sagt McLuhan lakonisch. Die Informationsgeschwindigkeit des elektronischen Zeitalters übersteigt die Anpassungsfähigkeit des psychischen Systems. Deshalb greifen archaische Muster: Gruppenzugehörigkeit, Abgrenzung, Mythen, Gewalt. Das globale Dorf wird nicht durch Vernunft zusammengehalten, sondern durch Affekte.

„Alle Formen von Gewalt sind eine Suche nach Identität“, sagt McLuhan. Wer am Rand steht, wer keine erkennbare Rolle in der Kommunikation des Systems findet, beginnt zu agieren – nicht um zu zerstören, sondern um zu erscheinen. Terroristen seien „Menschen ohne Identität“, Menschen, die „irgendwie gecovert werden wollen, irgendwie bemerkt.“

Das ist kein moralischer Vorwurf, sondern eine strukturelle Beobachtung. In einem globalisierten Mediensystem, das alle mit Lichtgeschwindigkeit verbindet, bedeutet Unsichtbarkeit: Nichtexistenz. Und so wird der Gewaltakt zur Anschlussoperation – nicht trotz, sondern wegen der totalen Vernetzung.

Das entkörperte Subjekt

„Der Verlust privater Identität“, so McLuhan weiter, „ist eine der großen Wirkungen des elektronischen Zeitalters.“ Wer auf Sendung ist – im Radio, am Telefon, im Fernsehen – hat keinen physischen Körper mehr. „Man ist ein discarnate being.“ Körperlos, ortlos, sichtbar.

Doch Sichtbarkeit bedeutet hier nicht Autonomie, sondern maximale Porosität. „Wir sind durchlässig geworden. Licht und Botschaften gehen einfach durch uns hindurch.“ Surveillance, sagt McLuhan fast beiläufig, sei zur „Hauptbeschäftigung der Menschheit“ geworden. Wir beobachten einander, zeichnen alles auf, „ignorieren die Privatsphäre einfach.“

Mass man und die Nostalgie der Systeme

Und dann kommt ein Satz, der wie eine mathematische Formel des Medienzeitalters wirkt: „Mass man“ – das ist das Subjekt der neuen Ordnung. Es entsteht, wenn Identitäten im Lichtgeschwindigkeitsnetz miteinander verschmelzen, ununterscheidbar werden, programmierbar wie Fernsehformate.

Das Ergebnis: Nostalgie. „Revivals in jeder Lebensphase – Kleidung, Musik, Tänze – sind das Zeichen für Identitätsverlust. Sie sagen uns, wer wir mal waren.“ Das System erinnert sich an sich selbst, weil es die Singularität seiner Elemente nicht mehr unterscheiden kann.

Medienökologie statt Bildungsutopie

Wer denkt, Bildung könne helfen, irrt nur halb. Die Schriftkultur, sagt McLuhan, sei ein gewisser Schutz, so wie Alkohol nur dem Literaten wenig schade. Doch: „Der literate man ist der natürliche Propaganda-Sucher.“ Der Alphabetisierte glaubt, weil er glaubt zu verstehen.

Was aber tun? McLuhan nennt es media ecology: Die Medien müssten sich wechselseitig stützen, einander nicht auslöschen. Doch das ist kein Appell, sondern ein Hinweis auf strukturelle Komplexität. Nur durch ein Bewusstsein für die Eigendynamiken von Medien könne man verhindern, dass eines das andere zur Bedeutungslosigkeit verdammt.

Systeme erzeugen Bedeutung

In der Sprache der Systemtheorie heißt das: Medien sind keine neutralen Werkzeuge, sondern operative Umwelten. Sie erzeugen, was beobachtbar ist, und sie begrenzen, was gesagt werden kann. Wenn das Fernsehen nicht mehr funktioniert, ist nicht der Inhalt schuld, sondern die Struktur, die es erzeugt.

Das Dorf als Dauerkrise

Wer also meint, das globale Dorf sei eine gute Idee, weil Menschen dort zusammenfinden, unterschätzt die Logik sozialer Systeme. Diese organisieren nicht Nähe, sondern Komplexität – durch Reduktion, durch Ausschluss, durch Paradoxie.

Und so bleibt vom Gespräch mit Marshall McLuhan vor allem eine Warnung: Nähe ist kein Wert an sich. Wer ihr blind vertraut, provoziert das Gegenteil – die Eskalation. Der Mensch sei kein Wesen der Nähe, sondern der Selektion. Und das Dorf, das die ganze Welt umfassen soll, könnte nichts anderes sein als ein permanentes Experiment in Überforderung.

3 Gedanken zu “Das globale Dorf als Brennglas der Gewalt – Ein systemtheoretischer Exkurs mit Marshall McLuhan

  1. Frank H. Witt

    Die funktionalistische Medientheorie McLuhans und MacQuails wird in der Tat unterschätzt, wenn die kritische, empirischen Medienforschung betont, dass diese die Widerständigkeit des Alltagslebens und der Lebenswelt gegenüber Medieneinflüssen nicht oder zu wenig berücksichtigt, hier traut man den menschlichem Individuum und Bewusstsein viel zu viel zu. Weil ich weiß, das Werbung Werbung ist, und Propaganda Propaganda, wirkt sie nicht unbedingt weniger. Es stimmt zwar, das Boulevardzeitungen und Fernsehshows massenhaft rezipiert, aber in der Alltagskommunikation unterschiedlich verarbeitet werden, aber oft erwächst daraus nicht Emanzipation, sondern Regression … . Unvergessen der ein Jahr vor dem Interview gedrehte Film Network, der in dem Rant des Nachrichtenmoderators Howard Beale (gespielt von Peter Finch) den Prototyp des Wutbürgers und Verschwörungstheoretikers als Bewohner des globalen Dorfes noch bevor ein Reality TV Star der 45 und 47 Präsident der USA wurde, vorwegnimmt: 2:25 Howard Beale: You’ve got to say, I’m human being God damnit! my life has value! Beale geht live auf Sendung und fordert alle Zuschauer auf, wütend zu werden und sich nicht länger mit dem Leben abzufinden. https://www.youtube.com/watch?v=M96UAUJWW3Y

  2. gsohn

    Kommentar zum Kommentar von Frank H. Witt: Zwischen Widerständigkeit und Regression – McLuhan neu gelesen

    Die funktionalistische Medientheorie von Marshall McLuhan und Denis McQuail ist in der Tat ein unterschätzter Komplex, vor allem deshalb, weil sie weniger auf das Was der Medieninhalte als auf das Wie der Medienwirkungen zielt. McLuhan sprach nie vom „überzeugten Zuschauer“, sondern vom „geformten Wahrnehmer“. Dass Werbung als Werbung erkannt wird, ändert nichts an ihrer Strukturwirksamkeit – im Gegenteil: Das Bewusstsein um die Manipulation macht uns nicht immun, sondern nur komplizenhaft. Das ist kein Widerspruch, sondern eine systemische Wahrheit: Auch ironische Distanz erzeugt Anschlusskommunikation.

    Die empirische Medienforschung, die auf „Widerständigkeit der Lebenswelt“ setzt, verkennt oft, dass diese Lebenswelt längst medial durchwirkt ist. Die Alltagskommunikation, in der Medieninhalte „umgewertet“ werden, mag pluriform erscheinen – doch sie bleibt innerhalb des Systems der Medienlogik. Dass man über Boulevardzeitungen lacht oder über Talkshows schimpft, ist Teil ihres Wirkmechanismus. Die Regression besteht nicht im „blinden Glauben“, sondern in der Rücknahme von Reflexionsfähigkeit zugunsten von Erregung, Unterhaltung, Resonanz.

    Nichts bringt das so radikal auf den Punkt wie Sidney Lumets Film Network (1976). Ein Jahr vor McLuhans Interview gedreht, ist Howard Beale der Prophet des medialen Selbstverlusts im Gewand der Authentizität. Wenn Beale ruft: „I’m a human being, God damnit! My life has value!“ – dann artikuliert er nicht den Aufstand des Individuums gegen das System, sondern den endgültigen Einschluss der Individualität in die Medienform. Die Kamera bleibt drauf. Die Quote steigt. Die Wut wird zur Ware.

    Beale, der Wutbürger avant la lettre, lebt nicht außerhalb des globalen Dorfes, sondern ist dessen Priester. Seine Live-Predigten erinnern an McLuhans Diagnose der elektrischen Medien als Wiederkehr des Tribalen: akustisch, affektiv, simultan. Die Differenz verschwindet, das Selbst wird porös, die Erregung kollektiv. Dass Jahrzehnte später ein Reality-TV-Star Präsident wird, ist kein Bruch, sondern eine Konsequenz.

    Gerade deshalb sollten wir McLuhan nicht auf seine Aphorismen reduzieren. Seine Theorie ist keine Maschinenkritik, sondern eine Form der Selbstbeschreibung moderner Gesellschaft, die den Menschen nicht überschätzt, sondern funktional einordnet. Widerständigkeit? Möglich. Aber selten. Wahrscheinlicher ist, dass das System uns längst mitdenkt – auch wenn wir glauben, ihm zu widersprechen.

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