Cees Nooteboom: Die Stimme, die jetzt von draußen kommt

Donnerstag, 12. Februar: Die Nachricht im Bücherstaub

Es passierte nicht mit Sirenen, nicht mit Pathos, nicht mit dieser gedruckten Wichtigkeit, die Kulturredaktionen gern wie eine Ehrenwache aufstellen. Es passierte so, wie es zu Cees Nooteboom passt: als leiser Luftzug im Zimmer, irgendwo zwischen Regal und Schreibtisch, dort, wo Papier ohnehin immer ein bisschen lebendig wirkt.

Am 12. Februar 2026 fiel mir die Nachricht zu wie ein Zettel, der aus einem Buch rutscht: Nooteboom ist tot. Gestorben am Vortag auf Menorca, zweiundneunzig Jahre alt.
Und sofort war da dieses eigenartige Gefühl, als hätte jemand nicht eine Biografie beendet, sondern die Perspektive gewechselt: Der Mann, der in Gedichten die „anderen Stimmen“ nachts ins Zimmer lässt, ist nun selbst eine Stimme, die anklopft – oder einfach hereinweht, wie eine verstorbene Frau Miliana.

Bücher, die knurren – und ein Autor, der sie beruhigt

In solchen Momenten sieht man sein eigenes Regal anders. Nicht als Möbelstück, sondern als eine Art Tiergehege. Da stehen sie, die Bände, diese geduldigen Raubkatzen. Und ich kenne den Blick, den ungelesene Bücher haben können: vorwurfsvoll, beleidigt, fast beleidigt über das eigene Ungelesensein.

Nooteboom hatte für diese Szene die richtige Temperatur – nicht akademisch, nicht belehrend, eher: lakonisch-menschlich. Er konnte das Regal als lebendigen Ort denken, als eine Gesellschaft, die sich nachts bewegt. Und er hatte diese Formulierung, die einem sofort hängen bleibt: „Schränke voll knurriger, grollender, vorwurfsvoller Bände …“ – Bücher als Wesen, nicht als Dekor.

An Nooteboom tröstet: kein Heiligenschein, sondern Praxis. Lesen ist bei ihm keine Pose, sondern Aufenthalt.

Das Kind im Chaos, der Erwachsene mit dem Ordnungsinstinkt

Man kann Nootebooms Leben in Stationen erzählen – Den Haag, Jahrgang 1933; Krieg, Besatzung, Verlust; Klosterschule, Ausschluss, frühe Reibung mit Institutionen; später Reisen, Sprachen, Journalismus, Romane, Gedichte.

Aber in Wahrheit ist es eine viel einfachere Linie: Wer als Kind erlebt, wie schnell Ordnung zur Kulisse wird, entwickelt später eine eigene Form von Ordnung. Keine moralische. Keine, mit der man andere maßregelt. Sondern eine, die den Kopf bewohnbar hält.

Vielleicht kommt daher dieses besondere Nooteboom-Gleichgewicht: Er schreibt nicht gegen das Chaos an – er schreibt so, dass das Chaos nicht das letzte Wort hat.

Bewegung als Methode: Reisen, um still werden zu können

Bei Nooteboom ist das Unterwegssein kein Instagram-Motiv, kein „jetzt gönn ich mir mal“ – sondern ein Denkverfahren. Er reist nicht, um zu fliehen, sondern um die Welt auf ihre Textur zu prüfen. Bewegung als Blickschule. Und dann, irgendwann, kippt es: Aus der Bewegung wird Ruhe.

Er hat das selbst einmal wie eine Arbeitsanweisung formuliert: Bewegung und Ruhe halten sich im Gleichgewicht. Kein Wellness-Satz, eher ein stiller Trick gegen die Überforderung. Du gehst los, damit du wieder sitzen kannst. Du siehst Neues, damit du das Alte schärfer siehst.

Und während andere aus Reisen Anekdoten machen, macht Nooteboom daraus Zeitformen.

Menorca: kein Postkartenhintergrund, sondern ein Schreibbiotop

Dass er auf Menorca lebte und dort starb, wirkt wie die konsequente Schlussszene eines Autors, der immer zugleich im Zimmer und außerhalb des Zimmers war: im Text und auf dem Weg; im Satz und im Wind.

Menorca ist dabei nicht „schönes Ende“. Menorca ist Konzentration: Stein, Licht, Wasser, diese knappe Insel-Ökonomie, in der jedes Geräusch eine Bedeutung bekommt. Das Haus dort – in der Vorstellung: ein Arbeitsplatz aus Mauerwerk, mit dünnen Wänden zur Erinnerung. Und wenn man den Tod nicht als Drama, sondern als Raumwechsel begreift, dann passt Menorca erschreckend gut: Inseln sind Orte, an denen die Welt kleiner wird, damit das Denken größer werden kann.

Romane, die nicht brav auf der Zeitachse bleiben

Nooteboom schreibt Prosa, die sich nicht an die Kalender-Disziplin hält. Seine Texte tun nicht so, als ließe sich Zeit sauber sortieren. Zeit ist bei ihm ein Raum, in dem man plötzlich falsch abbiegt – und gerade dadurch etwas findet.

Die folgende Geschichte ist so ein Stück: eine Bewegung, die sich schließt wie eine Schleife, ohne dass sie sich wie ein Trick anfühlt. Allerseelen ist ein Roman, der Gegenwart so lange befragt, bis sie Vergangenheit preisgibt – und dabei die Zukunft als Ahnung mitlaufen lässt. Das ist seine Kunst: nicht „handeln“, sondern verschieben. Türen minimal verrücken, und schon steht man in einem anderen Zimmer.

Und in diesen Zimmern begegnet man sich selbst – oft nicht angenehm, aber präzise.

Jetzt ist er die „andere Stimme“

In einem Gedicht lässt Nooteboom nachts die Stimmen anderer Dichter auftauchen: nicht als Museumspersonal, sondern als Besuch. Das ist sein Ton: keine dicke Unsterblichkeitsgeste, eher eine ruhige Behauptung von Anwesenheit.

Mit seinem Tod hat sich diese Szene umgedreht. Jetzt ist er derjenige, der „reinschneit“. Nicht als Denkmal. Eher als ein Satz, der plötzlich im Kopf steht, ohne dass man ihn herbeigerufen hätte.

Und das ist vielleicht das Beste, was man über einen Autor sagen kann: Er bleibt nicht „wichtig“. Er bleibt wirksam. Nicht laut. Nicht feierlich. Sondern als leise Korrektur der Welt – jedes Mal, wenn man merkt, dass ein einziger sauber gesetzter Satz mehr Ordnung stiften kann als hundert Erklärungen.

Abgang ohne Abgang

Also: Was bleibt?

Ein Reisender, der Ruhe gefunden hat, ohne je sesshaft zu werden. Ein Schriftsteller, der Europa nicht als Parole, sondern als Erfahrung gelesen hat. Ein Dichter, der den Toten nicht die Welt entzieht, sondern sie in der Welt der Lebenden weiterreden lässt.

Am 12. Februar, als die Nachricht bei mir ankam, habe ich das Fenster nicht geöffnet. Es war schon offen.

Und irgendwo im Regal knurrte ein Buch – nicht vorwurfsvoll, eher wie ein Tier, das endlich wieder erkannt wird.

Erinnerung ist mehr als drei Buchstaben

Kein „RIP“. Diese drei Buchstaben bringen mich jedes Mal kurz aus der Fassung – als könne man einen Menschen in ein Kürzel falten und damit wäre es erledigt. Erinnerung ist mehr: Arbeit, Wiederbegegnung, ein Satz, der sich Jahre später erneut meldet und plötzlich passt wie ein Schlüssel.

Nooteboom bleibt nicht, weil man ihn „nicht vergessen darf“. Er bleibt, weil man ihn benutzen kann: als Blickschule, als Gegenmittel gegen den Krach, als Einladung, die Welt nicht zu vereinfachen, nur weil sie anstrengend ist.

Und irgendwann, nachts, wenn das Zimmer still genug ist, passiert das, was er beschrieben hat: Eine Stimme kommt rein. Nicht als Denkmal. Als Besuch.

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