
Was Uwe Volkmann an Carl Schmitt richtig sieht – und was man ergänzen muss
Uwe Volkmanns FAZ-Beitrag über Carl Schmitt ist klug, weil er Schmitt weder verharmlost noch vorschnell entsorgt. Er nimmt die berüchtigte Formel vom Politischen als Unterscheidung von Freund und Feind ernst, aber eben nicht als Handlungsanweisung, sondern als Symptom. Volkmann zeigt, warum Schmitt in Zeiten der Krise wiederkehrt: weil Demokratien, wenn sie unter Druck geraten, zur Verfeindung neigen. Das gilt für die Vereinigten Staaten, deren politische Kultur längst von moralischer Exkommunikation, Lagerbildung und Rückeroberungsphantasien zerfressen ist; und es gilt, in anderer Gestalt, auch für Deutschland im Umgang mit der AfD. Volkmanns Pointe ist deshalb stark: Die Überlebensfrage der Demokratie besteht darin, Konflikte so auszutragen, dass sie nicht in echte Feindschaft umschlagen. Genau darin liegt die Aktualität seines Essays.
Und doch fehlt in dieser Diagnose etwas. Man versteht Carl Schmitt nicht ganz, wenn man nur seine Begriffe liest. Man muss auch seine Affekte lesen. Man muss hinter die Machtpose schauen, hinter den Dezisionismus, hinter das Pathos des Ernstfalls. Dann stößt man nicht auf einen souveränen Denker aus Granit, sondern auf einen hochgradig gekränkten, hysterisch vibrierenden Charakter, der die Welt früh als Demütigungsmaschine erlebte und aus dieser Erfahrung eine Theorie schmiedete. Die politische Theologie Schmitts ist nicht nur Begriffspolitik. Sie ist, in ihrem emotionalen Untergrund, Angstbewirtschaftung.
Der Angsthase lernt die Welt kennen
Die frühen Tagebücher, die Thomas Assheuer mit Recht als aufschlussreich für Schmitts geistige Physiognomie liest, sind das Dokument eines jungen Mannes, der sich von der Welt verfolgt, benachteiligt und bestohlen fühlt. Da klagt einer über fehlendes Geld, falsche Rechnungen, verlorene Wäsche, über Kleinlichkeiten, die sich zu einer Kosmologie der Kränkung auswachsen. Da sitzt kein künftiger Souverän, sondern ein junger Jurist, der sich als „Zielpunkt der Pfeile des Schicksals“ imaginiert, der in Selbstmitleid badet, Todessehnsucht formuliert und am liebsten den „Eintritt ins Leben rückgängig machen“ möchte. Das ist nicht bloß biographisches Beiwerk. Es ist der psychische Rohstoff, aus dem später eine Theorie des Feindes gemacht wird.
Der junge Schmitt erscheint in diesen Aufzeichnungen als Angsthase mit Größenphantasien. Einerseits feige, gedrückt, furchtsam, jedem unterlegen; andererseits von einem „großen Machtbedürfnis“ besessen, von Ehrgeiz zerfressen, fiebrig nach Ruhm gierend. Gerade diese Mischung ist aufschlussreich. Denn der Wille zur Härte kommt hier nicht aus Stärke, sondern aus Kompensation. Der spätere Prophet der Entscheidung, der Mann des Ausnahmezustands, der Verächter des Liberalismus, wirkt in seinem seelischen Kern wie einer, der von der offenen Welt überfordert ist und deshalb nach einer Form sucht, in der Angst in Autorität verwandelt werden kann. Wer die Welt als Feindesland erlebt, erfindet sich einen Staat, der die Feinde benennt. Wer sich innerlich schwach fühlt, stilisiert die Härte zum metaphysischen Wert.
Assheuer hat diese Tiefenstruktur prägnant beschrieben. Schmitt erfährt das Leben als Kampf, als Niederlage, als Schmach und Demütigung; Frieden ist für ihn nicht Ziel, sondern Verblendung. Daraus erklärt sich sein gnostischer Zug, seine Neigung, die Welt als heillos und von finsteren Mächten beherrscht zu sehen. Es ist eben kein Zufall, dass Schmitt sich für Gnosis, Dualismus und jene düsteren Bilder begeisterte, in denen Dasein als permanenter Ernstfall erscheint. Seine Theorie beginnt nicht bei der Ordnung, sondern bei der Verunsicherung. Die Freund-Feind-Unterscheidung ist der Versuch, aus diffusem Unbehagen eine schneidige Form zu machen. Sie ist intellektualisierte Panik.
Aus Kränkung wird Theorie
Von hier aus liest sich auch Volkmanns Rekonstruktion von Schmitt noch einmal schärfer. Gewiss: Schmitt definiert das Politische nicht über einen Gegenstand, sondern über den Intensitätsgrad des Konflikts; gewiss: er trifft damit etwas Reales, denn Politik kann in Feindschaft umschlagen; gewiss: moderne Demokratien sind davon nicht ausgenommen. Aber der begriffliche Schmitt und der biographische Schmitt gehören eben zusammen. Die Formel von Freund und Feind ist keine neutrale Bestandsaufnahme. Sie ist auch eine Charaktermaske. Der Mann, der in jungen Jahren überall „wandelnde Würste“ und „Giftpilze“ sah, der sich von Milieu, Markt und Mitmenschen betrogen fühlte, erhebt seine private Kränkung später zur ontologischen Wahrheit des Politischen. Aus der Wolfsgesellschaft seines Erlebens wird der Weltbegriff der Feindschaft.
Genau deshalb muss man vorsichtig sein, wenn Schmitt heute wieder als nüchterner Diagnostiker gehandelt wird. Ja, Volkmann hat recht: Man kann die Gegenwart ohne die Einsicht nicht verstehen, dass Politik auf Verfeindung hinauslaufen kann. Aber man sollte hinzufügen: Schmitt ist nicht bloß der Analytiker dieser Bewegung, er ist auch ihr Stilist. Seine Schriften verführen, weil sie der Angst Format geben. Sie bieten den Gekränkten eine Pose, den Ressentimentgeladenen eine Würdeformel, den Autoritätssehnsüchtigen ein Vokabular des letzten Ernstes. Darin liegt bis heute ihre Attraktion.
Nicolaus Sombarts Dechiffrierung
Einer der wenigen, die das früh gesehen haben, war Nicolaus Sombart. Ich erinnere mich an ein Gespräch in seinem Berliner Salon im Herbst 1985, als wir über seinen taz-Essay „Carl Schmitts Endspiel: Der Partisan“ sprachen. Wer Sombart erlebt hat, weiß, dass dort nicht nur Konversation betrieben wurde, sondern Dechiffrierung: Gesellschaft wurde im Modus der Form analysiert, aber nie ohne psychologischen Hintersinn. Der Berliner Salon, den Sombart seit den achtziger Jahren als sonntäglichen jour fixe führte, war dafür der ideale Ort: ein Raum der Konzentration, der Lakonie, des geistreichen Zerlegens.
Sombarts Lektüre Schmitts war brillant, weil sie die Machtmetaphysik auf ihre Regression zurückführte. Für ihn war die Formel von Freund und Feind eben nicht der letzte Realismus, sondern „eine Kampfparole, eine Drohung“, hinter der sich die Angst verbirgt, es könne eine Welt zu Ende gehen, „in der die Männer das Sagen haben“. Schmitt erscheint bei Sombart als letzter Theoretiker eines patriarchalen Ordnungsdenkens, das den Frieden nicht denken kann, weil Frieden den Verlust jener virilen Härte bedeutet, aus der es seine Selbstachtung zieht. Darum auch die eigentümliche Dynamik seiner Spätphase: vom Staatsdenker zum Partisanen, vom Anwalt der Gewalt zum Theoretiker des Erdlochs, vom großen Souverän zum hockenden Überlebenskünstler. Sombarts Diagnose ist brillant und präzise zugleich: Die Machtphantasie kippt am Ende in eine Art weltanschauliches Schützenloch.
Das ist die eigentliche Dechiffrierung. Schmitts Pose der Härte ist die Rüstung eines Verängstigten. Sein Dezisionismus ist die Aufrüstung eines Ichs, das Ungewissheit nicht erträgt. Seine Feindlehre ist die Projektion eines Innenlebens, das ohne Gegenspieler nicht auskommt. Darum ist der Schmittianer so häufig ein Mann, der mit Ambivalenz nichts anfangen kann. Er braucht den Ernstfall, weil er das Zwielicht nicht aushält.
Die neuen Angstunternehmer
Von hier führt eine direkte Linie in die Gegenwart. Die Neue Rechte, Schmitts heutige Apologeten eingeschlossen, reproduziert nicht nur seine Begriffe, sondern auch seine Affektökonomie. Ihre Sprecher reiten auf einem Schimmel aus Pathos und Pseudointellektualität. Sie reden vom „Systemwechsel“, vom „Wir oder die“, von „Heimatschutz“ und „Umvolkung“, aber die Begriffe sind meist nichts weiter als rhetorische Nebelkerzen für ein tief sitzendes Bedrohungsgefühl. Ein stabiles „Wir“ können sie nicht definieren; ein argumentativ ernstzunehmendes „Die“ können sie ebenfalls nicht bestimmen. Also produzieren sie Feindbilder. Das Ressentiment wird zur Weltanschauung, die Nervosität zur Pose, die eigene Verunsicherung zur nationalen Schicksalsfrage.
In diesem Punkt berührt sich die psychische Grammatik Schmitts mit dem politischen Geschäft der AfD. Volkmann beschreibt sehr treffend, dass die Partei von der Zuspitzung lebt, vom Wir-gegen-sie, von der Unterstellung einer verschwörerischen Einheitsfront aus Kartellparteien, Medien und Eliten. Das Problem der demokratischen Mitte besteht nun darin, auf diese Strategie reagieren zu müssen, ohne sie zu imitieren. Die Brandmauer ist unter dem Gesichtspunkt der Gefahrenabwehr plausibel; unter dem Gesichtspunkt der politischen Psychologie aber kann sie genau jene Erzählung bestätigen, von der die AfD lebt: dass „die da oben“ sich gegen die einzig wahre Opposition verbündet hätten. Volkmanns Analyse dieses Dilemmas ist präzise, gerade weil sie nicht so tut, als gäbe es eine einfache Lösung.
Gegen den Kult des Ernstfalls
Was folgt daraus? Zunächst dies: Man sollte Schmitt weder mystifizieren noch domestizieren. Er ist kein Orakel, sondern ein Seismograph des autoritären Affekts. Wer ihn liest, sollte weniger fragen, welche Wahrheit er über das Politische ausspricht, als welche seelische Wahrheit sich in seinen Begriffen ausspricht. Dann wird verständlich, weshalb seine Renaissance in Krisenzeiten regelmäßig wiederkehrt. Nicht weil er Lösungen hätte, sondern weil er der Angst eine heroische Grammatik liefert.
Gerade hier setzt Volkmanns demokratische Gegenintuition ein. Seine stärkste These lautet, dass Demokratie davon lebt, Konflikte unterhalb der Schwelle echter Feindschaft zu halten. Das ist nicht weichgespült, sondern zivilisatorisch exakt. Denn wo politische Lager einander nicht mehr als Gegner, sondern als moralisch Böse oder existenzielle Feinde behandeln, schwindet die Bereitschaft, Wahlausgänge zu akzeptieren, Machtwechsel hinzunehmen und überhaupt noch gemeinsame Probleme zu verhandeln. Dann beginnt der Bürgerkrieg im Kopf, lange bevor er auf der Straße ankommt.
Carl Schmitt hat diese Schwelle nicht nur beschrieben; er hat sie ästhetisiert. Seine heutigen Bewunderer tun es ihm nach. Eben deshalb darf man ihnen das Terrain des Ernstfalls nicht kampflos überlassen. Man muss ihre Pose dechiffrieren. Hinter dem großen Ton sitzt oft nur die alte Panik vor Kontrollverlust, Vermischung, Offenheit, Gleichheit. Hinter dem Gerede von Entscheidung, Ordnung und Souveränität steht nicht selten ein Angsthase, der sich Rüstung aus Begriffen schmiedet.
Volkmanns Essay ist darum wichtig. Aber man liest ihn am besten zusammen mit den Tagebüchern des jungen Schmitt und mit Sombarts feiner Grausamkeit. Erst dann wird das ganze Bild sichtbar: Nicht der titanische Staatsdenker, sondern der gekränkte Charakter im Kostüm des Souveräns. Nicht der nüchterne Realist, sondern der Stilist einer Angst, die sich als Weltweisheit verkleidet. Und vielleicht ist das die politisch nützlichste Einsicht an Carl Schmitt heute: dass man die neuen Feindredner nicht widerlegt, indem man ihren Ton übernimmt, sondern indem man ihre Pose zerlegt.