Büroquote statt Führungskompetenz: Wie die Homeoffice-Debatte regressiv wird – und was die ZP Nachgefragt Week dagegenhält

Die Rückkehr des Präsenz-Diktats

Die Homeoffice-Debatte erlebt eine erstaunliche Regression. Kaum wird der Ton in der Wirtschaft rauer, kaum wächst der Druck auf Produktivität und Kostendisziplin, wird aus einer Frage guter Organisation wieder ein Kulturkampf. Der Rechtspopulist Nigel Farage liefert dafür das passende Drehbuch: harte Arbeit gegen „Work-Life-Balance“, echte Leistung gegen angebliche Bequemlichkeit, Teamwork nur im Büro. Das ist politisch attraktiv, weil es ein sofort sichtbares Ordnungssignal erzeugt. Es ist ökonomisch riskant, weil es die falsche Stellschraube adressiert.

Denn die eigentliche Frage lautet nicht, wie viele Tage Anwesenheit eine Organisation verordnen kann. Die eigentliche Frage lautet, ob sie in der Lage ist, Zusammenarbeit unter hybriden Bedingungen so zu steuern, dass Leistung, Bindung und Innovationsfähigkeit zugleich steigen. Wer diese Steuerungsleistung nicht erbringt, wird mit Präsenzpflicht bestenfalls Symptome behandeln und im Zweifel neue Probleme erzeugen: Friktion, Zynismus, Talentverlust, Pendelkosten, eine Kultur der Sichtbarkeit statt der Ergebnisse.

Was die Daten tatsächlich zeigen

Empirie hilft hier – gerade weil sie beiden Lagern die einfachen Wahrheiten nimmt. Die Fraunhofer-IAO-Untersuchung am Beispiel der Techniker Krankenkasse weist darauf hin, dass Homeoffice in klar abgegrenzten Sachbearbeitungsprozessen messbar produktiv sein kann. In der untersuchten Einheit wurden im Homeoffice im Durchschnitt deutlich mehr Vorgänge in gleicher Zeit bearbeitet. Gleichzeitig macht die Studie ebenso deutlich, warum daraus kein plumper Triumphzug des Homeoffice werden darf. Das Büro erfüllt eine andere produktive Funktion: Es ist häufig der Ort für Abstimmung, spontanen Austausch, soziales Lernen und kreative Verdichtung. Wer ausschließlich auf Outputzahlen schaut, sieht diese Vorleistungen nicht – bis sie fehlen.

Das zweite Signal ist noch wichtiger: Produktivität skaliert nicht linear mit Homeoffice-Anteil. Die Studie beschreibt einen Bereich, ab dem mehr Homeoffice die Gesamtproduktivität nicht mehr steigert und sich sogar gegenläufig auswirken kann. Genau an diesem Punkt entlarvt sich die politische Büroquote als Ersatzhandlung. Eine Quote beantwortet nicht die Frage, ob Teams gut zusammenarbeiten. Sie setzt nur ein Zeichen, dass Kontrolle wieder wichtiger sein soll als Gestaltung.

Koordination ist die Währung der Hybridökonomie

Der arbeitspsychologische Kontrapunkt kommt aus der Forschung von Carsten C. Schermuly und Kollegen. Seine These trifft den Kern der Regression: Die Debatte fixiert sich auf die falsche Leitfrage. Ob zwei oder drei Tage „optimal“ seien, erklärt wenig. Entscheidend ist, wie intensiv Teams ihre hybride Zusammenarbeit koordinieren – also wie bewusst sie Präsenzfenster setzen, Überschneidungen in der Zeit schaffen, Kommunikationskanäle sinnvoll nutzen und unterschiedliche Präferenzen fair integrieren, ohne Teamziele zu opfern. Das Thema Medientechnik spielt dabei eine große Rolle. Wir thematisierten das zur KOMI-Zukunftswerkstatt in Stuttgart.

Ökonomisch ist das eine präzise Diagnose. In hybriden Arbeitsformen wird Koordination zur knappen Ressource: Wer sie beherrscht, hebt Produktivität und Zufriedenheit gleichzeitig. Wer sie nicht beherrscht, erlebt hybride Arbeit als Dauerstörung und zieht daraus den falschen Schluss, der Ort sei das Problem.

Die ZP Nachgefragt Week als Gegenprogramm zum Quotenreflex

Genau hier docken die Themen der ZP Nachgefragt Week an – und zwar nicht als wohlmeinende Debatte, sondern als praktischer Reality-Check für 2026. Unter dem Leitmotiv „Team Human X AI“ wird sichtbar, dass die entscheidenden Fragen nicht „Büro oder Zuhause?“ heißen, sondern „Wie führen wir, wie lernen wir, wie entscheiden wir, wie sichern wir Leistung und Gesundheit in einer beschleunigten Arbeitswelt?“.

Wenn Wolfgang Wahlster über empathische und soziale Intelligenz in KI-Systemen spricht, geht es im Kern um Akzeptanz und Produktivität zugleich: Technologie soll entlasten, nicht entfremden. Die Homeoffice-Regression ist die analoge Variante desselben Konflikts. Bernhard Steimel wird zeigen, warum KI-Projekte an Organisation scheitern – an Akzeptanz, Zuständigkeiten, fehlenden Skills und schlechtem Change-Design. Das ist eins zu eins das Muster gescheiterter Hybridarbeit, nur dass man hier statt „Tool“ eben „Ort“ zum Sündenbock macht.

Thomas Jenewein ordnet ein, was sich im Corporate Learning durchsetzt. Das ist zentral, weil hybride Koordination keine Selbstverständlichkeit ist, sondern eine erlernbare Teamkompetenz. Ali Mahlodji verhandelt Führung, Motivation und Kultur – und damit die Frage, warum der Vorwurf mangelnder Arbeitsmoral oft die falsche Übersetzung eines Systemproblems ist. Rupert Felder bringt die arbeitsrechtliche Realität hinein, in der Mitbestimmung, Arbeitszeit und Fairness nicht als Störfaktoren, sondern als Stabilitätsbedingungen auftauchen. Zander und Scamperle schließlich zeigen am Krankenstand und an mentaler Gesundheit, wie schnell Leistungsfähigkeit erodiert, wenn Arbeitsgestaltung, Führung und Belastungssteuerung nicht zusammenpassen. Wer in so einem Kontext „mehr Büro“ ruft, liefert eine Antwort, bevor er die Frage verstanden hat.

Dr. Josephine Hofmann: Die Studie als Warnung vor dem falschen Hebel

Der Auftritt von Dr. Josephine Charlotte Hofmann in diesem Kontext ist mehr als ein Programmpunkt. Er ist ein Korrektiv gegen die Versuchung, Hybridität als Glaubenskrieg zu führen. Hofmann steht für einen nüchternen Blick, der Zahlen nicht scheut und doch nicht auf Zahlen reduziert. Die Fraunhofer-Perspektive ist gerade deshalb interessant, weil sie beides zusammenführt: messbaren Output als Spätindikator und die „weichen“ Faktoren als Frühindikatoren, die über Wissensfluss, Verbundenheit und Zusammenarbeit entscheiden – also über die produktive Substanz, die Präsenzpflichten vermeintlich retten sollen.

Der eigentliche Impuls lautet damit: Präsenz ist kein Selbstzweck. Sie muss sich organisatorisch lohnen, sonst wird sie zur Reibung. Und Homeoffice ist kein Freibrief. Es braucht Regeln, Routinen, gute Führung und Teamkoordination, sonst wird es zur Vereinzelung. Wer eine Büroquote verordnet, ohne diese Koordinationsarbeit zu leisten, produziert bestenfalls Ruhe im Flur und schlimmstenfalls Stillstand im System.

Wirtschaftspolitische Schlussfolgerung: Modernisierung heißt Organisationsintelligenz

Die Regression der Homeoffice-Debatte ist wirtschaftspolitisch deshalb relevant, weil sie das falsche Modernisierungsversprechen verkauft. Die Zukunftsfähigkeit einer Volkswirtschaft entscheidet sich nicht daran, ob mehr Menschen im Büro sitzen, sondern daran, ob Organisationen die Produktivität wissensintensiver Arbeit unter neuen Bedingungen stabilisieren können. Hybridität ist dafür ein Testfall: für Führungsqualität, Lernfähigkeit, Prozessdesign, digitale Reife und Fairness.

Die ZP Nachgefragt Week setzt genau an dieser Stelle an. Sie zeigt, dass „Team Human X AI“ nicht als Slogan taugt, wenn man zugleich versucht, komplexe Zusammenarbeit mit den Steuerungsreflexen von gestern zu beherrschen. Die Alternative zur Büroquote ist nicht „alles remote“, sondern professionelle Koordination. Und die ist – anders als Präsenzmoral – tatsächlich ein Hebel für Produktivität.

Hier die virtuelle Programm-Zeitschrift für die ZP Nachgefragt Week.

Man hört, sieht und streamt sich ab Dienstag, den 24. Februar 2026, um 10 Uhr.

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