Bonn kann fast alles – nur aus Wissen noch keinen Wohlstand machen: Hermann Simons Lernreise erzählt vom Aufstieg eines Bauernsohns – Sein Blick auf Bonn erzählt von einem viel größeren Problem: Deutschland produziert Erkenntnisse, aber zu selten Unternehmen

„Mache das, was du gerade tust, möglichst gut, dann werden sich Chancen eröffnen.“ Man kann diesen Satz als freundliche Lebensklugheit abtun. Man kann ihn aber auch als ökonomische Maxime lesen. Für Hermann Simon ist er beides: persönlicher Leitsatz und praktisches Gegenmodell zu jenem deutschen Sicherheitsdenken, das junge Talente zuverlässig in geregelte Bahnen lenkt, aber nur selten in unternehmerische Risiken. Im Podcast „Neues Lernen“ klingt dieser Satz beiläufig. Tatsächlich steckt in ihm die Quintessenz eines Lebens, das nicht durchgeplant war und gerade deshalb so produktiv wurde.

Die Eifel als Schule der Nüchternheit

Simon stammt nicht aus einer Welt der Powerpoint-Strategien, sondern aus einer Welt der Handarbeit. Bauernhof, Eifel, kleine Verhältnisse, frühes Anpacken: Das ist keine hübsche Herkunftserzählung, sondern die Folie für seinen Blick auf Leistung. Dort, wo Arbeit noch unmittelbar mit Lebenswirklichkeit verbunden ist, wächst eine andere Haltung zu Exzellenz. Nicht Pose, sondern Substanz. Nicht Attitüde, sondern Ergebnis.

Vielleicht erklärt gerade das seine Skepsis gegenüber allem, was gut klingt, aber wirtschaftlich folgenlos bleibt. Simon spricht nicht wie jemand, der Wissen bewundert, weil es Wissen ist. Er interessiert sich für Wissen, das wirksam wird. Seine eigene Biographie folgt genau diesem Muster: Studium der BWL und VWL in Bonn, wissenschaftliche Karriere, Habilitation, Professur – und dann eben nicht das Verharren im akademischen Betrieb, sondern der Schritt in die Praxis. Aus dem Professor wurde ein Unternehmer, aus der Preisforschung ein globales Beratungshaus mit 48 Büros weltweit.

Die eigentliche Lektion heißt: Theorie genügt nicht

Bemerkenswert ist dabei, dass Simon die Wissenschaft gerade nicht geringschätzt. Im Gegenteil. Er verdankt ihr viel. Die Bonner Ausbildung, so schildert er es, war stark quantitativ, mathematisch, theoretisch. Sie legte die Grundlage für seine spätere Pricing-Kompetenz. Aber sie blieb eben nicht der Endpunkt. Aus der „konjekturalen Preisabsatzfunktion“ wurde durch Daten, Computer und Anwendung ein reales Beratungsmodell. Das ist die eigentliche Pointe seiner Laufbahn: Der Weg führt nicht weg von der Theorie, sondern durch sie hindurch – in den Markt.

Hier kommen auch die Namen ins Spiel, die Simons Lernreise geprägt haben. Von Augustinus übernimmt er das Bild von der Flamme, die in anderen entzündet werden müsse – eine Führungsidee, die auf Weitergabe statt Selbstinszenierung zielt. Von Horst Albach kommt die akademische Strenge. Peter Drucker bestärkte ihn darin, im scheinbar schmalen Feld des Pricing zu bleiben, weil dort die Nische zur globalen Größe werden konnte. Philip Kotler wiederum gab ihm den entscheidenden Denkanstoß, dass man mit genau dieser Spezialisierung auch jenseits der Universität Wirkung erzielen kann. Und die Aufenthalte am MIT, in Stanford und Harvard schärften seinen Sinn für anwendungsorientierte Wissenschaft. Dort war Forschung nicht Selbstzweck, sondern Teil eines größeren Produktionszusammenhangs: Erkenntnis, Fallstudie, Markt, Umsetzung.

Bonn glänzt in der Forschung – und versagt bei der Verwertung

Genau an diesem Punkt wird das Gespräch politisch. Denn Simon spricht im Podcast nicht nur über seine eigene Entwicklung, sondern über das strukturelle Versagen eines Standorts, der eigentlich alle Voraussetzungen mitbringt. Er nennt Bonn. Und sein Vorwurf ist von entwaffnender Klarheit: Wenn Bonner Roboter- und Informatikteams fortwährend Robotik-Weltmeisterschaften gewinnen, warum entsteht daraus keine einzige Robotikfirma in Bonn? Warum gehen die Köpfe lieber in die Labore großer Konzerne, statt selbst zu gründen? Warum bleibt ausgerechnet dort, wo die wissenschaftliche Leistung so sichtbar ist, die unternehmerische Konsequenz aus?

Man sollte diesen Satz nicht als lokale Polemik missverstehen. Er beschreibt ein deutsches Muster. Die Bundesrepublik ist stark in Vorstufen des ökonomischen Erfolgs: Grundlagenforschung, Förderprogramme, Institute, Exzellenzcluster, wissenschaftliche Reputation. Was ihr zu oft fehlt, ist die letzte, entscheidende Stufe: die Übersetzung in Unternehmen von Rang. Deutschland feiert seine Erkenntnisse, aber andere skalieren sie.

Gerade Bonn steht dafür exemplarisch. Die Region Bonn-Rhein-Sieg ist ein intellektuelles Kraftzentrum, ausgestattet mit Exzellenzclustern, Max-Planck- und Fraunhofer-Instituten, internationaler Vernetzung und wissenschaftlicher Dichte. Es fehlt nicht an Wissen. Es fehlt nicht an Köpfen. Es fehlt nicht einmal an Renommee. Es fehlt an jener institutionellen und kulturellen Brücke, die aus wissenschaftlicher Brillanz wirtschaftliche Schlagkraft macht.

Luxemburg ist kein Sonderfall, sondern ein Stresstest für Bonn

Darum ist auch Simons Vergleich mit Luxemburg so unerquicklich für die Bonner Selbstzufriedenheit. Die Kaufkraft in Luxemburg liegt pro Kopf bei rund 41.000 Euro, im Rhein-Sieg-Kreis bei 26.000, in Bonn bei knapp 27.000 Euro. Das ist keine Marginalie, sondern ein Strukturunterschied. Gewiss, Luxemburg ist Finanzplatz. Aber gerade darin liegt der Punkt. Luxemburg ist nicht zufällig geworden, was es ist. Es hat seine geringe Größe nicht als Handicap verwaltet, sondern als strategische Bedingung genutzt. Es hat aus Institutionen, Steuerrecht, Internationalität und Regulierung einen Standortvorteil gemacht.

Bonn hingegen verfügt über eine andere, nicht geringere Ressource: Wissenschaft, Forschung, internationale Einrichtungen, akademische Dichte. Was fehlt, ist die Entscheidung, diese Ressource systematisch in Wertschöpfung zu übersetzen. Luxemburg ist deshalb keine Ausrede für Bonn, sondern ein Maßstab. Wer sagt, der Vergleich verbiete sich wegen des Sonderfalls Finanzplatz, übersieht das Entscheidende: Auch Bonn könnte seine spezifischen Stärken in ein tragfähiges Modell verwandeln. Es tut es nur nicht.

Die Bonner Krankheit heißt Fakultätsdenken

Simon benennt den Kern des Problems ohne Umschweife: Es fehlt am Unternehmertum. Dahinter steckt mehr als nur fehlender Wagemut einzelner. Es ist ein Systemfehler. Schulen, Hochschulen, Elternhäuser, Politik – sie alle sind in Deutschland besser darin, Laufbahnen zu verwalten, als Aufbrüche zu befördern. Eltern raten zum Staat oder zum Großunternehmen. Hochschulen belohnen die wissenschaftliche Reputation stärker als die Ausgründung. Kapital für die zweite und dritte Wachstumsphase bleibt knapp. Und wo doch ein Start-up entsteht, endet es nicht selten früh im Verkauf.

So erklärt sich die paradoxe Lage: Deutschland bringt Ideen hervor, aber zu selten Konzerne. Es produziert Pflänzchen, aber keine Wälder. Simon spricht im Podcast von der fehlenden Skalierung, von der Schwierigkeit, aus einem guten Anfang eine große Firma zu machen. Genau darin liegt die deutsche Wachstumsschwäche in Reinform.

Eine Business School wäre mehr als eine Hochschulreform

Sein Vorschlag für Bonn ist deshalb radikal, gerade weil er so pragmatisch klingt: eine Business School, in der Naturwissenschaftler und Informatiker ein Jahr lang Wirtschaft lernen – nicht als nette Ergänzung, sondern als verpflichtende Horizonterweiterung. Das ist keine bloße Bildungsreform, sondern ein Angriff auf das deutsche Missverständnis, wonach wissenschaftliche Exzellenz und unternehmerische Umsetzung zwei getrennte Welten seien.

Am MIT und in Stanford gehört die Verbindung von Technologie, Markt und Gründung längst zum intellektuellen Normalbetrieb. In Deutschland wird sie oft noch wie ein Grenzverkehr zwischen zwei Misstrauensmilieus behandelt. Der Forscher misstraut dem Markt, der Markt dem Forscher, und am Ende bleibt die Idee im Labor. Genau diese Trennung will Simon aufbrechen.

Die Frage an Bonn ist längst politisch

Damit ist die Debatte nicht länger hochschulpolitisch, sondern kommunal- und standortpolitisch. Wer Bonn führen will, muss erklären, warum eine Region mit Weltklasse-Instituten sich mit mittlerem Einkommensniveau abfindet. Warum eine Landschaft mit so viel Geist ökonomisch unter ihren Möglichkeiten bleibt. Warum man sich an wissenschaftlicher Symbolik berauscht, aber die unternehmerische Nüchternheit scheut.

Hermann Simons Lernreise beginnt in der Eifel und führt in die Welt. Der interessante Teil dieses Podcasts liegt jedoch nicht nur in dieser Biographie. Er liegt in der Zumutung, die aus ihr folgt. Lernen ist für Simon nicht Anhäufung von Wissen, sondern Vorbereitung auf Wirkung. Genau daran wird sich auch Bonn messen lassen müssen. Eine Exzellenzuniversität, die Weltmeister hervorbringt, aber keine Weltunternehmen, ist akademisch bewundernswert – und ökonomisch unzureichend.

Der Satz des Bauernsohns aus der Eifel lässt sich deshalb auch an eine Stadt richten: Mach das, was du kannst, möglichst gut. Und wenn Bonn das ernst nimmt, darf es nicht länger nur Wissen erzeugen. Es muss endlich anfangen, daraus Wohlstand zu machen.

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