Axel Gloger und die Gegenwelt zur Lehrbuch-BWL

Der „Wöhe“ als Denkform

Der „Wöhe“ ist kein Buch, er ist ein Betrieb. Ein Lehrbuch, mit dem Generationen „rumgequält“ wurden: enzyklopädisch, zum Auswendiglernen gebaut, „gedrucktes Wikipedia-Wasser“. Die Wirtschaft als Gliederung, Problem als Kapitel, Lösung als Schema.

Der Wirtschaftspublizist Axel Gloger hat diese Logik nicht mit Spott erledigt, sondern ausgeleuchtet. Ihn störte weniger die einzelne Binsenweisheit als die Wirkung im Kopf: Scheinsicherheit, Planungsillusion, das beruhigende Gefühl, man habe „alles im Griff“, weil alles in Unterpunkten steht. Genau so entsteht die Bulletpoint-Ästhetik der Chefetagen: Nicht erst im Meeting – schon im Hörsaal.

Die Bullet-Point-Plantage

In seinem Opus „Betriebswirtschaftsleere“ skizzierte er dafür das Bild, das sitzt: eine „nicht enden wollende Bullet-Point-Plantage“. In Lehre und Praxis dominieren „Aufzählungs-Friedhöfe“. Erst Businessplan, dann Best-Practice-Folien, dann Performance messen – fertig ist das Tunnel-Denken. Je stärker das Kästchendenken regiert, desto geistloser läuft der Laden. Aus dem Sperrgut der Leerformeln wachsen Kontroll-Biotope: Misstrauen, Rechtfertigungsmeetings, geschönte Erfolgsmeldungen.

Das ist die Tautologie im Anzug: Aussagen, die immer „passen“, weil sie nichts riskieren. Scheitert etwas, war es die Umsetzung. Oder die Kultur. Oder der Kontext. Nie das Modell.

Die andere deutsche Wirtschaft

Glogers stärkster Zug: Er ließ es nicht beim Hörsaal. Er stellte die Lehrbuchwelt gegen die Wirklichkeit draußen. Deutschland hängt wirtschaftlich nicht an Konzernkapiteln, sondern an Firmen, die kaum jemand kennt und die trotzdem Weltspitzen bauen: spezialisierte Mittelständler, Familienunternehmen, „Hidden Champions“. Viele denken in Generationen statt in Quartalen; viele arbeiten nicht am „Shareholder Value“, sondern an Fertigungstiefe, Qualität, Kundennähe – an Dingen, die sich nicht sauber in Standardraster pressen lassen.

In diesem Kosmos wirkt das alte Konzern-Lehrbuch wie ein Stadtplan aus der Zeit, als noch Pferde fuhren. Wer damit navigiert, sieht den Wald vor lauter Tabellen nicht.

Forschung statt Folien: Familienunternehmen als Korrektiv

Die gute Nachricht steckt ausgerechnet in der Wissenschaft – dort, wo die Mainstream-BWL oft nachläuft. Rund um Familienunternehmen und Mittelstand hat sich ein Feld gebildet, das nicht nur über Gewinnformeln spricht, sondern über Eigentum, Verantwortung, Nachfolge, Konflikte, Governance, Zweck. In dem Material fällt der seltene Satz über ein Lehrbuch, das man versteht: verständliche Sprache, neue Erkenntnisse, praktisch anwendbar, ein „großes drängendes Thema“. Und dann die Pointe, die Gloger gefallen hätte: Deutschland ist nicht nur Standort starker Familienunternehmen – sondern auch Standort von Forschung, die international mithalten kann.

Das ist die Gegenwelt zur Wöhe-BWL: weniger Schablone, mehr Wirklichkeit. Weniger Rubriken, mehr Reibung. Weniger „gesichertes Wissen“ als Listenware, mehr Erkenntnisarbeit an echten Problemen.

Vermächtnis

Glogers Nachlass ist keine Methode und kein neues Framework. Es ist ein Maßstab: Misstrauen gegen Sätze, die nicht scheitern können. Abneigung gegen Begriffe, die glänzen und nichts erklären. Respekt vor der Wirklichkeit der Weltmarktführer im Verborgenen – und vor der Forschung, die sich nicht mit Lehrbuchberuhigung zufriedengibt. Axel Gloger ist 2018 gestorben; die Bulletpoints leben leider weiter – nur ohne den, der sie am zuverlässigsten zerstochen hat.

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