
Wenn Spitzenverbände über den Verlust von Industriearbeitsplätzen klagen, klingt es jedes Mal, als habe jemand nachts die Werkstore abgeschraubt. Ein Schock aus heiterem Himmel. Ein böser Zauber namens „Deindustrialisierung“. Und selbstverständlich: niemand in der Wirtschaft kann etwas dafür.
Nur blöd, dass dieser Zauber seit Jahrzehnten dieselbe Handschrift trägt – die der eigenen Mitglieder.
Wolf Lotter hat das auf X in ein Wort gegossen: „Autoländ.“ Und in einen Satz, den man als Triggerwarnung vor jede Verbandspressekonferenz hängen sollte: „Man muss schon wirklich sehr, sehr dumm sein, um nicht zu merken, was da läuft.“ Der Ton ist derb. Der Befund ist präzise.
Die Kritiker der Elche
Die Empörung über Arbeitsplatzverluste wirkt besonders überzeugend, wenn man sie von jenen hört, die die Wertschöpfung seit Jahren selbst ausdünnen. Die deutsche Industrie – vor allem die Autoindustrie – hat nicht „plötzlich“ Fertigung verloren. Sie hat sie systematisch neu verteilt: erst nach Osteuropa, dann nach Asien, später überall dorthin, wo Kosten, Tempo und Skalierung besser passten als daheim.
Und wenn dann im Inland die Zulieferkette knirscht, wird das Mikrofon gesucht: „Standort retten!“ „Industrie schützen!“ „Arbeitsplätze sichern!“ – als sei das Ergebnis einer globalen Einkaufs- und Produktionslogik ein Verwaltungsfehler im Wirtschaftsministerium.
Die Fertigungstiefe: erst ausgedünnt, dann beweint
Der Trick ist alt und wirkt noch immer: In Deutschland bleibt das Hochglanz-Narrativ – Entwicklung, Premium, Ingenieurskunst. Die harte Wertschöpfung wandert schrittweise ab. Nicht als moralische Verfehlung, sondern als Kalkulation.
So wurde es in meinen Recherchen schon vor über zehn Jahren von Brancheninsidern beschrieben: Zuerst die „verlängerte Werkbank“ in billigere Regionen. Dann Low-Cost-Standorte im Ausland, zunächst nur als Produktionsstätten, während Verwaltung und Entwicklung offiziell „zu Hause“ bleiben. Dann die zweite Stufe: Automatisierung und Roboter, um auch hier die Kosten zu drücken. Und wenn das ausgereizt ist, folgt die dritte Stufe: Entwicklungsumfänge wandern mit – nicht aus Bosheit, sondern weil die Einkaufsvorgaben längst global sind.
Wer diese Stufen selbst baut und anschließend die Trümmer „Globalisierung“ nennt, betreibt Etikettenschwindel.
Global Sourcing: Heimatliebe im Marketing, Target Cost in der Praxis
In den Gesprächen mit Praktikern tauchten seit Jahren dieselben Begriffe auf. Einkaufsvorgaben heißen „Global Sourcing“. Das bedeutet: Lieferanten kommen nur noch zum Zug, wenn sie zu Kosten anbieten, die nicht mehr zur deutschen Lohn- und Abgabenrealität passen.
Dazu kommen jene hübschen Instrumente, die in keinem Sonntagsinterview vorkommen, aber jede Kalkulation dominieren: „Target Cost Squeeze“, „Quick Savings“, jährliche Preisabschläge als Dauerforderung. Das Geschäft läuft dann so: Der Preisnachlass wird im deutschen Altgeschäft abgezogen, die Produktion wandert später in einen billigeren Standort. Die Rendite am Altstandort sinkt mit jedem „gewonnenen“ Auftrag, bis sie nicht mehr existiert. Dann folgt die nächste Pressemeldung: „Leider müssen wir Kapazitäten anpassen.“
Krokodilstränen, industriell gefertigt.
Neue Jobs – nur nicht hier
Und dann kommt die Pointe, die niemand laut sagen will: Wenn neue Jobs entstehen, entstehen sie oft dort, wo investiert wird – und investiert wird nicht aus Sentimentalität. Wenn ein deutscher Konzern tausende Stellen aufbaut, kann das sehr gut in einem Land passieren, das näher an osteuropäischen Kostenstrukturen liegt, näher an neuen Lieferketten, näher an Förderkulissen – kurz: näher an dem, was Einkauf und Standortplanung seit Jahren verlangen.
Das ist nicht „Verrat“. Das ist Strategie. Nur ist es unerquicklich, wenn dieselbe Strategie später als Schicksal verkauft wird.
Die Verbände und das Ritual der Unschuld
Verbände spielen dabei eine Doppelrolle. Sie sind Lautsprecher der Klage – und Schutzschirm der Erzählung, dass „wir“ eigentlich alles richtig gemacht hätten, nur „die Politik“ nicht. Dabei gehört zur Wahrheit, dass die industrielle Wertschöpfung in Deutschland nicht nur durch Energiepreise oder Bürokratie unter Druck gerät, sondern auch durch Entscheidungen, die in Konzernzentralen und Einkaufsabteilungen getroffen werden.
Wer jahrelang die Fertigungstiefe reduziert, Lieferanten global gegeneinander ausspielt und Entwicklungsarbeit dorthin verlagert, wo sie ein Bruchteil kostet, sollte beim Wort „Standorttreue“ wenigstens kurz stocken.
Und Baden-Württemberg? Das Musterländle als Monokultur-Falle
Baden-Württemberg ist dafür ein Lehrstück. Ein Land, das vom Mittelstand lebte, hängt stark an Auto und Maschinenbau – also an Branchen, in denen Globalisierung nicht „passiert“, sondern organisiert wird. Wenn die Autoindustrie umstellt, trifft es zuerst die Zulieferer. Wenn Investitionen ausweichen, bleiben die Netze zurück. Und wenn die Region Kaufkraft verliert, leidet der Rest gleich mit.
Dann kommen die Verbände und entdecken plötzlich die Heimat – ausgerechnet in dem Moment, in dem ihre Mitglieder seit Jahren global rechnen.
Weniger Klage, mehr Geständnis
Industriearbeitsplätze verschwinden nicht einfach. Sie werden verlagert, automatisiert, kleingerechnet, ausgedünnt, neu zugeschnitten – oft lange bevor die Öffentlichkeit es merkt.
Wer darüber reden will, sollte mit Ehrlichkeit beginnen: nicht mit Jammern, sondern mit einem Geständnis über die eigene Rolle im Drehbuch. Sonst bleibt es beim Autoländ-Ritual: Erst global optimieren, dann national beklagen.