
Ein Schild in Palma erinnert an eine Mystikerin – und daran, dass Mallorca auch aus Kommentaren besteht
An einer dunklen Steinmauer in Palma hängt ein Schild, das nichts verkaufen möchte: keine Aussicht, kein „Must-see“, keine Verheißung von Authentizität. Es nennt einen Namen und ein Datum – Sor Anna Maria del Santíssim Sagrament (Valldemossa 1649 – Palma 1700) – und fügt drei Zuschreibungen hinzu, die wie eine kleine Programmschrift wirken: erste mallorquinische Schriftstellerin, Mystikerin, Lul·lista. Das Schild vermerkt zudem ihren Ort: das Kloster Santa Caterina de Siena, wo sie lebte und starb – und wo sie ihren Kommentar zu Ramon Llulls „Llibre d’amic e amat“ verfasste. Mehr steht nicht da. Aber es reicht, um die Insel kurz aus der Gegenwart herauszudrehen und in eine Tradition zurückzustellen, die Mallorca gern verschweigt: die Tradition der geduldigen Auslegung.
Llull: Ein Text, der wie ein Gebet denkt
Ramon Llulls „Buch vom Freund und der Geliebten“ ist, bei allem Titelzauber, kein romantisches Stück. Es ist verdichtete Spiritualität: kurze Prosaminiaturen, die Liebe als Erkenntnisweg behandeln, als Bewegung zwischen Nähe und Entzug, zwischen Sehnsucht und Ordnung. Man kann diese Texte wie Gebete lesen – und zugleich wie Denkübungen, die den Geist schärfen sollen. Llull schreibt nicht, um zu erzählen; er schreibt, um eine Haltung zu erzeugen.
Gerade deshalb ist das Werk so kommentierwürdig. Es ist offen genug, um darin zu wohnen, und streng genug, um einen nicht in beliebiger Innerlichkeit versinken zu lassen. Wer Llull liest, merkt schnell: Hier ist jemand, der Mystik nicht als Nebel, sondern als Disziplin versteht.
Der Kommentar als Lebensform
Und genau hier beginnt Anna Marias eigentliche Modernität. Ein Kommentar ist kein Beipackzettel; er ist eine zweite Stimme, die sich an einen Text bindet, um sich an ihm zu üben. Kommentieren heißt: nicht nur zustimmen, sondern mitdenken, nachsprechen, widersprechen, verdichten, klären. Im klösterlichen Kontext ist der Kommentar zudem Praxis: ein Rhythmus aus Lesen, Wiederholen, Auslegen – eine Methode, aus Sprache Erfahrung zu machen.
Dass Anna Maria im Kloster Santa Caterina de Siena einen Kommentar zu Llull schrieb, lässt sich daher als mehr begreifen als als gelehrte Beschäftigung. Es ist ein Hinweis darauf, wie Llullismus auf Mallorca funktionierte: nicht als museale Verehrung eines großen Namens, sondern als Weiterverarbeitung – als geistige Technik, die in der Zelle weiterlebte. Anna Maria stellt sich damit in eine Tradition, die im Mittelalter begann und im 17. Jahrhundert nicht einfach fortlief, sondern sich veränderte: Llulls knappe Strenge trifft auf barocke Innerlichkeit, auf die religiöse Erfahrungsdichte einer Zeit, die mit Heilsgewissheit ebenso vertraut war wie mit Heilsangst.
Ihr Kommentar wird so zur Schnittstelle: zwischen einem mittelalterlichen Denker, der Systeme baute, und einer Frau, deren Schreibraum eine Klosterzelle war. Zwischen öffentlicher Gelehrsamkeit und privater Arbeit am Text. Zwischen Autorität und Aneignung.
Eine erste Schriftstellerin – und warum das nicht klein ist
Das Schild nennt Anna Maria die „erste mallorquinische Schriftstellerin“. Diese Formel wirkt heute wie ein Etikett, ist aber in ihrer historischen Konsequenz alles andere als klein. Denn Schreiben im Kloster bedeutet nicht: Schreiben im Abseits. Es bedeutet: Schreiben unter Bedingungen, die Öffentlichkeit anders organisieren – über Handschrift, Überlieferung, über geistliche Netzwerke, über das langsame Wandern von Texten. Der Kommentar ist in diesem Milieu kein Nebenprodukt, sondern eine legitime Form, sich Autorität zu erarbeiten: nicht durch Originalitätsgesten, sondern durch Präzision.
Man könnte sagen: Anna Maria wählt nicht die Pose der Schöpferin, sondern die Rolle der Auslegerin – und trifft damit eine Form, die ihre Zeit ernst nimmt. Wer Llull kommentiert, stellt sich bewusst unter einen Text, aber nicht unterwürfig. Man akzeptiert das Gefälle – und nutzt es, um sich daran aufzurichten.