
Am sechsten Skitag dieser Reise lag über allem jene heitere Selbstverständlichkeit, die sich erst einstellt, wenn ein Urlaub seinen eigenen Takt gefunden hat. Wieder Sonne, wieder ein satter blauer Himmel, wieder Pisten, auf denen man am Morgen schon ahnte, dass der Tag einem nichts schuldig bleiben würde. Am Samstag geht es heimwärts. Heute aber fuhr noch niemand im Modus des Abschieds. Eher im Bewusstsein, dass sich eine gute Woche nicht mit Sentimentalität vollendet, sondern mit Schwüngen.
Das ist vielleicht überhaupt das Besondere dieser Tage in Pfunds gewesen: Sie haben sich nicht bloß aneinandergereiht, sondern allmählich eine kleine Dramaturgie ausgebildet. Erst das Dorf. Dann die Hänge. Dann die Technik. Dann Galtür. Dann die Erkenntnis, dass ein Mensch auch jenseits der sechzig noch mit Vergnügen umlernen kann. Und nun dieser letzte volle Skitag, der alles noch einmal zusammenzog, ohne bilanziös zu wirken.
Pfunds als Auftakt: ein Dorf mit Gedächtnis
Begonnen hatte alles nicht auf der Piste, sondern bei einem Rundgang durch Pfunds. Das war ein kluger Anfang. Denn so wurde der Skiurlaub nicht gleich dem Reflex des Herunterfahrens überlassen, sondern erst einmal einem Ort, der mehr ist als Kulisse. Da standen Richterhof, Senn-Tafeln, lateinische Inschriften über Türen, das Stifterhaus mit seinen Wandmalereien und jener stillen Würde, die alte Häuser besitzen, wenn sie nicht geschniegelt für Fremde geschniegelt werden, sondern einfach weiterleben. Das Stifterhaus, im 15. oder 16. Jahrhundert erbaut, mit Fresken der Heiligen Familie auf der Flucht und einem Mariahilf-Bild, wirkte nicht wie ein museales Schaustück, sondern wie eine Mauer mit langem Gedächtnis.
Daneben das Hotel Kreuz: freundlich, warm, ohne falschen Heimatstil, familiär im besten Sinn. Ein Haus, in dem man nicht betreut, sondern aufgenommen wird. Wer dort abends hereinkam, brachte den Schnee mit und legte zugleich etwas vom Tag ab. Das ist eine Qualität, die in Wintersportorten seltener ist als beheizte Skikeller.
Samnaun und Ischgl: der Grenzraum als Fahrgebiet
Dann kamen die großen Tage zwischen Samnaun und Ischgl. Die Silvretta Arena zeigte sich launisch und großzügig zugleich: morgens offen und klar, dann wieder in Wolken gehüllt, wenig später schon von Sonne überflutet – jenes schnelle Hochgebirgswechselspiel, bei dem jeder Wetterbericht nur noch eine höfliche Vermutung ist. Mal führte der Weg über die alte Schmugglerroute, mal an die Lange Wand, mal einfach in das stille Glück eines Skitags, an dem der Schnee trägt, die Hänge offen liegen und die Beine tun, was sie sollen. Dass Samnaun und Ischgl mehr sind als zwei bekannte Wintersportorte, dass zwischen ihnen eine gemeinsame Geschichte von Handel, Schmuggel und Übergängen liegt, machte das Fahren dort reizvoller. Man bewegte sich nicht nur über präparierten Schnee, sondern durch eine Landschaft, in der Vergangenheit und Gegenwart einander noch immer berühren.
Zu den stillen Vorzügen der Reise gehörte dabei die Organisation des SportBildungswerks Bielefeld. Das Ganze war präzise, sympathisch und erstaunlich unaufdringlich; man musste sich um fast nichts kümmern und konnte sich vom ersten Lift an auf den Tag konzentrieren. Genau daraus entstand wohl auch jene gute Stimmung in der Gruppe, die nicht künstlich hergestellt wirkte, sondern einfach da war.
Spätunterricht mit Aussicht
Einer der schönsten Nebeneffekte dieser Fahrt war die späte pädagogische Gerechtigkeit. Seit der Abizeit kein Skikurs mehr – und dann, mit 65, doch noch einmal „Unterricht“, der sitzt. Andreas und Claus vermittelten nicht jene belehrende Sportdidaktik, an der jeder Schwung moralisch aufgeladen wird, sondern eine Technik, die plötzlich Sinn ergab: Rocker-Ski, All-Mountain, Radius, Kantenschliff, Vorlage, Druckpunkt. Vor allem aber die Einsicht, dass modernes Fahren im Wesentlichen auf einer sauberen Kante beruht – und dass ein 87er-Schliff nicht nur Materialpflege, sondern beinahe schon Charakterbildung ist.
Dazu kamen die Bilder, die bleiben: kein 1-Euro-Stück zwischen Schienbein und Skischuh; die Zitrone, die zwischen Zunge und Bein auszupressen ist; der Druck nach vorn, der aus einem passablen Herunterkommen ein wirkliches Fahren macht. Es ist erstaunlich, wie viel Jahrzehnte man Ski fahren kann, ohne diesen entscheidenden Punkt ganz verstanden zu haben. Und wie schnell sich dann doch etwas verändert, wenn der Körper endlich begreift, wie man einen Ski sauber auf die Kante stellt.
Galtür, der Weiberhimml und die Kunst der Entschleunigung
Galtür brachte dann noch einmal einen anderen Ton hinein. Unten in Ischgl stieg man in den Bus, oben im Silvapark wurde es leiser. Das Skigebiet wirkte entspannter, übersichtlicher, weniger auf Effekt aus. Andreas gab dort das schöne Motto aus: bunte Pisten von schwarz, rot bis blau. Und plötzlich stimmte der Satz ganz wörtlich. Nicht weil irgendetwas abgearbeitet werden musste, sondern weil die Mischung selbst das Vergnügen war. Dazu der weichere, natürlichere Schnee, der Kopssee mit seiner geschwungenen Staumauer, die eher wie Landschaftsarchitektur wirkte als wie Ingenieurstrotz, und schließlich das Weiberhimml, dessen Name schon für sich genommen beweist, dass Tirol nicht unter vollständiger Humorlosigkeit leidet. Galtür entschleunigte, ohne langweilig zu werden. Es machte aus Skifahrern wieder Betrachter.
Das Abendprogramm: von Ameisenhaufen und dem Schweigen der Lämmer
Wer meint, eine solche Reise ende mit dem letzten Lift, hat nie in einer guten Gruppe Urlaub gemacht. Nach dem Abendessen begannen zuverlässig die zweiten Schichten des Tages: erst Wein, Bier und Obstler, dann Theorien. Einmal wurde diskutiert, wann aus einem Lamm ein Schaf wird und aus einem Kalb eine Kuh. Dann kam der hygienisch zweifelhafte, aber unterhaltsam brillante Vorschlag auf, Skischuh-Innenleben zur Desinfektion in einen Ameisenhaufen zu legen. Schließlich beschäftigte die Runde das ungelöste Butterfly-Problem – jenes Phänomen, bei dem ein Skifahrer für einen kurzen Moment seine innere Ordnung verliert und die Bewegung auf einmal mehr Flatterwesen als Stilübung wird. Gelöst wurde das alles nicht. Aber es wurde auf genau die richtige Weise vertieft.
Und heute: einfach noch einmal fahren
Der heutige sechste Skitag stand dann ganz im Zeichen dieser inzwischen eingespielten Mischung aus Können, Gelassenheit und guter Laune. Elf Stunden Sonne sind eine meteorologische Zahl. In Wirklichkeit bedeuten sie: keine Eile, keine schlechte Sicht, keine Ausrede. Man fährt anders, wenn man weiß, dass dies der letzte volle Tag ist. Nicht hektischer, eher aufmerksamer. Man merkt sich Hänge. Man sieht genauer hin. Man nimmt die Bank vor der Hütte, das Bierglas in der Sonne, die Helme auf dem Tisch, die Schatten im Schnee, die blauen Nachmittagsstunden ernster als am ersten Tag. Es ist nicht Wehmut. Eher Präzision der Erinnerung.
Wirtschaftsdebatte statt Wunderhorn
Am Abend wurde dann nicht über Ameisenhaufen und Butterfly-Probleme gesprochen, sondern über den deutschen Wirtschaftsstandort. Es ging um Stärken, Schwächen, Energiepreise, Bürokratie, Mut, Technik, Bildung, Skalierung. Mein Plädoyer: Die Basis ist besser, als das Land sich selbst einredet.
Tatsächlich spricht einiges dafür. Der Mittelstandsexperte Hermann Simon beschreibt Deutschlands Kernkompetenz nicht in den großen, sichtbaren Konsumwelten, sondern in Deep Tech, tief in der Wertschöpfungskette verborgen. Wer bei Apple auf deutsche Zulieferer zwischen null und zwanzig tippt, liegt weit daneben; Simon nennt 767. Dahinter stehen Hidden Champions, LSTM-Software für Siri, Process Mining von Celonis, DeepL aus Köln und die Schlüsseltechnik von Trumpf und Zeiss hinter ASMLs Lithographie. Anders gesagt: Das Land baut oft nicht den glänzenden Schaukasten, aber ziemlich häufig die entscheidenden Teile darin.
Vielleicht sollten Friedrich Merz oder Katherina Reiche tatsächlich einmal bei einem solchen Abend dabeisitzen. Nicht, weil in einem Hotel in Pfunds plötzlich die Nationalökonomie neu erfunden würde. Sondern weil man dort, bei Bier und dem letzten Blick auf einen sehr guten Skitag, den deutschen Standort womöglich vernünftiger bespricht als in mancher Berliner Kulisse. Mit dem nüchternen Befund, dass noch etliche Hausaufgaben zu machen sind – aber auch mit der ebenso nüchternen Einsicht, dass dieses Land technisch und industriell sehr viel mehr kann, als seine öffentliche Nervosität vermuten lässt. Das ist, für den letzten Abend einer Skireise, ein überraschend solides Fundament. Und fast so beruhigend wie ein sauber geschliffener 87er.









