
Der Laut als Machtdemonstration
Das Geräusch kommt, bevor überhaupt ein Gedanke zu Ende gedacht ist. Ein gedehntes „mmmmmh“, als würde da jemand tief in den Brunnen der Vernunft blicken, dabei ist es nur der Deckel: Du liegst falsch, und ich bin zu erhaben, es auszusprechen. Danach ein „tztztz“, dieser Zungenklick, der nicht argumentiert, sondern etikettiert. Du wirst nicht widerlegt, du wirst abgewertet. Und das Beste: Es bleibt völlig unbewiesen, weil es ja nur ein Geräusch war. Wie praktisch, wenn man geistig gern schießt, aber nie die Fingerabdrücke auf der Waffe haben will.
Das ist keine Klugheit, das ist Geräusch-Herrschaft. Die akustische Variante des Augenbrauenhochzugs. Eine Form von Überlegenheit, die keine Verantwortung trägt, weil sie nirgendwo richtig steht. Sie hängt wie schlechte Luft im Raum und man wird sie nur schwer wieder los.
Die Andeutungstäter und ihr Lieblingssport: Korrigieren ohne Risiko
Widerspruch wäre ehrlicher. Aber Widerspruch könnte scheitern. Also wird nicht widersprochen, sondern suggeriert. Da wird „interessant“ gesagt und „lächerlich“ gemeint. Da wird „puh“ gehaucht und so getan, als hätte man gerade ein komplexes Gegenargument in der Lunge sortiert. Da kommt „nur zur Einordnung“, als wäre dein Satz ein falsch aufgehängtes Bild, das die semantischen Hausmeister des Richtigen jetzt mit Handschuhen wieder gerade rücken.
Streber bleiben Streber, auch wenn sie jetzt „Meeting“ sagen
Man erkennt sie wieder, nur das Klassenzimmer wurde umdekoriert. Früher waren das die Schüler, die sofort den Finger heben, wenn jemand einen kleinen Fehler macht. Heute sind es dieselben Typen im Büro: Sie sagen ständig „rein formal“ und nutzen Meetings vor allem, um andere zu korrigieren. Es ist das gleiche Verhalten wie früher – nur als Job.
Diese Sorte Mensch redet nicht, sie nimmt ab. Gespräche sind bei ihnen Prüfungen. Sätze sind bei ihnen Unterlagen. Du sprichst, und sie scannen dich. Nicht auf Wahrheit, sondern auf Abweichung. Sobald etwas zu frei klingt, wird es eingefangen, glattgezogen, entmutigt. Der Sinn des Austauschs ist nicht Austausch, sondern Disziplin. Die Welt soll nicht verstanden werden, sie soll korrekt aussehen.
Die Ermahnung als Handseife der Macht
Besonders fettig wird es, wenn die Ermahnung kommt. Ermahnung ist Macht, die nach Hygiene riecht. „Bitte sachlich bleiben“, sagt die Person, die gerade mit „mmmmmh“ die emotionalste Handgranate geworfen hat: den Hinweis, dass du nicht ernst zu nehmen bist. „Ton macht die Musik“, sagt sie, und ihr Ton ist das Geräusch, das ein Aktenordner macht, wenn er dir über den Schädel gezogen wird.
Das Geniale daran: Wer ermahnt, stellt sich automatisch auf die Seite des Guten. Du bist dann nicht einfach anderer Meinung, du bist unsachlich, unhöflich, problematisch. Die Diskussion wird zur Moralveranstaltung.
Emoji-Pädagogik und andere digitale Ohrfeigen
Im Gruppenchat wird daraus eine Kunstform. Da wird nicht geantwortet, da wird markiert. Ein Smiley als Handschuh, damit die Ohrfeige nicht so rot aussieht. Ein Zwinker-Emoji als Köder: Ich weiß mehr, aber ich gönn’s dir nicht. Falls du dich wehrst, war ja nur Spaß. So entsteht eine Kommunikation, die wie ein Escape Room funktioniert. Du suchst ständig den Ausgang, und sie stellen dir Hinweise hin, die keine sind, aber sehr nach Überlegenheit riechen.
Die Andeutung ist digital noch feiger, weil sie schneller ist. Ein „lol“ ersetzt ein Argument. Ein „hm“ ersetzt Verantwortung. Ein „tja“ ersetzt Empathie. Und wenn du fragst, was genau gemeint war, kommt der Klassiker: Man habe doch gar nichts gesagt. Stimmt. Und genau das war der Angriff.
Das Pusteröhrchen: Wie man Geräusche wieder zu Sätzen zwingt
In der Schule gab es dafür das passende Gegenmittel: das Pusteröhrchen. Nicht aus Mordlust, sondern aus Gleichgewichtssinn. Ein kleiner Stich, ein klares Signal: Wer hier mit Nebel arbeitet, bekommt einen Hauch zurück. Heute ist das Pusteröhrchen sprachlich. Heute schießt man keine Papierkügelchen, heute schießt man Klarheit.
Man sagt: Sag’s als Satz. Sag, was du meinst. Leg’s auf den Tisch. Denn in dem Moment, in dem sie wirklich aussprechen müssen, was vorher nur „mmmmmh“ war, passiert etwas Wunderbares: Sie riskieren plötzlich selbst etwas. Sie können dann nicht mehr gleichzeitig schlagen und unschuldig gucken.
Und falls sie sich wieder in die Metaebene retten wollen, in diese kleine pastorale Zone aus „Ich will ja nur helfen“ und „nicht falsch verstehen“, dann bleibt ein letzter, sauberer Schuss: Ich rede gern über das Thema. Nicht über deine Geräusche dazu.