
Man kann den Bonner Karneval für vieles halten: für eine stadtbürgerliche Erfindung, für eine rheinische Unverschämtheit, für eine gut geölte Vereinsmaschine mit Glitzerantrieb. Vor allem aber ist er ein uraltes Verhandlungsgeschäft zwischen Lust und Gesetz – und Bonn ist darin besonders begabt, weil es das Prinzip „Residenz und Rebellion“ seit Jahrhunderten einübt: mal kurfürstlich, mal französisch, mal preußisch, immer ein bisschen widerspenstig, stets geschniegelt genug, um den Widerspruch salonfähig zu machen.
Dass die Beethovenstadt „200 Jahre Bonner Karneval“ ausruft und „Loss mer fiere. 200 jecke Johr en Bonn“ auf die Fahnen schreibt, klingt wie eine fröhliche Bilanz – ist aber zugleich eine kleine Erinnerung daran, dass Jecksein hier nicht bloß passiert, sondern regelmäßig erstritten, organisiert, umbenannt, verteidigt und neu erfunden werden musste. Und dass die „Bönnische Carnevals-Gesellschaft“ bereits 1826 gegründet wurde, gehört zu diesen Bonner Wahrheiten, die so nüchtern klingen, als wären sie aus Versehen in ein Protokoll geraten.
Die Fastenzeit als Motor der Ausgelassenheit
Wer den Karneval verstehen will, muss ausgerechnet mit der Fastenzeit beginnen – dieser scheinbar freudlosen Institution, die dem Frohsinn paradoxerweise überhaupt erst Schwung verleiht. Im Mittelalter war Fasten nicht das heutige Wellnessfasten, bei dem man dem Körper demonstriert, wer hier die App installiert hat. Fasten war ein Programm mit Ecken, Kanten und Verboten: warmblütige Speisen tabu, später wurden Milch, Butter, Käse und Eier zwar wieder gelockert, aber das Fleisch blieb der gefallene Engel auf dem Teller. Nur einmal am Tag durfte man „richtig“ essen. Und wenn die Kirche zusätzlich „Lustbarkeiten“ untersagte, dann meinte sie nicht nur Kegelabend und Tanztee, sondern das gesamte Geräuschspektrum des Vergnügens – bis hinein in die privaten Zonen menschlicher Aktivität.
Die Pointe ist: Gerade diese Enthaltsamkeit erzeugte den Druck, der sich vor Aschermittwoch entlädt wie eine Flasche Sekt, die man zu lange geschüttelt hat. Noch einmal deftig zulangen, noch einmal trinken, noch einmal tanzen, noch einmal – ja, auch das – „besonders aktiv“ sein, bevor die Frömmigkeit wieder die Gardinen zuzieht. Karneval ist, historisch betrachtet, nicht die Abwesenheit von Moral, sondern ihre Überdehnung bis zum Platzen.
Verordnungen gegen die Freude: Der Staat entdeckt den Lärm
Dass man sich keineswegs immer an die kirchlichen Wünsche hielt, belegt schon die Notwendigkeit, sie zu wiederholen. 1731 etwa erließ der Kölner Erzbischof Clemens August – damals weltlicher Herr auch über Godesberg und Umgebung – ausgerechnet in Bonn eine klare Ansage: Während der Fastenzeit keine Tanzmusik in öffentlichen Wirtshäusern, die Lokalbehörden mögen Zuwiderhandelnde anzeigen. Man spürt zwischen den Zeilen die alte Erkenntnis jeder Obrigkeit: Wo man verbietet, hat es vorher stattgefunden – und wo man anzeigt, wurde vorher getanzt.
Noch kleinteiliger wird es 1596 in der Kurkölnischen Polizei- und Landesordnung: Karneval soll in Städten und Dörfern nur noch an einem einzigen Tag erlaubt sein – am Rosenmontag – und um sechs Uhr abends ist Schluss. Dazu ein ganzer Katalog dessen, was bitteschön „ganz und gar aufhören“ soll: Nachtgelage, Nachtsaufen, Schwerttänze, Mummereien, übermäßiges Fressen, Saufen, Tanzen – als habe ein Beamter einmal in einer Schenke zu lange zugesehen und danach beschlossen, das Leben müsse in Aktenordner passen. Wer sich nicht fügte, zahlte: fünf Gulden. Jeckheit als Bußgeldtatbestand.
Und doch: Jede neue Regel zeigt weniger die Stärke der Ordnung als die Vitalität des Ungehorsams. Der Karneval ist der historische Beweis, dass Verbote eine Form von Werbung sein können.
Godesberg als Labor: Kurort, Redoute, Maskenball
Nun könnte man meinen, Karneval sei vor allem Straßenkultur – aber der Bonner Raum hat eine zweite Bühne: den Saal. Rudolf Schmidt, der in den „Godesburger Heimatblättern“ mit liebevoller Genauigkeit die lokalen Spuren verfolgt, führt mitten hinein in eine Welt, in der Fastnacht nicht nur „Volk“ bedeutete, sondern auch „Gesellschaft“.
Als Kurfürst Max Franz 1790 begann, Godesberg zum Badeort auszubauen, entstanden neue Räume für Vergnügen: Logierhäuser, gehobene Gastwirtschaften, und vor allem die Redoute (1790–1792), jener Ballsaal, in dem Konzerte, Gesellschaftsabende, Glücksspiel und Tanz eine Art offizielles Amüsement bildeten. Das ist wichtig, weil es zeigt: Karneval ist nicht nur Krawall, er ist auch Kulisse. Er liebt die Straße – aber er kann genauso gut Parkett.
Schmidt notiert auch, wie sich ab etwa 1780 neben dem Wort „Fastnacht“ das fremd schillernde „Karneval“ durchsetzt. Der Begriff wirkt wie ein importierter Duft, der sich in die rheinische Küche mischt: Das Rezept ist alt, aber plötzlich steht ein französisch-italienisches Etikett auf dem Glas. Und wenn 1793 berichtet wird, dass junge Frauen aus Bonn und Köln nach Godesberg kamen, um zu walzern und „Englische“ zu tanzen, dann sieht man: Das Vergnügen war mobil, neugierig, modebewusst – und keineswegs nur eine Dorfangelegenheit.
Franzosen, Preußen und die Angst vor der Maske
Dann kommt die Geschichte, wie sie am Rhein gern kommt: nicht als Erzählung, sondern als Einmarsch. 1794 rücken französische Truppen ein; die Kurgäste bleiben weg; die Amüsements werden eingestellt. Anfang 1795 wird der öffentliche Karneval verboten – mit der Begründung, man fürchte Unruhe.
Später wird wieder erlaubt, wieder reglementiert, wieder misstraut. 1806 erhält in der französischen Verwaltungslogik der Theaterdirektor das Monopol auf Maskenbälle – auch das eine wunderbare Pointe: Selbst die Maske braucht plötzlich einen Konzessionär. Und 1814 mahnen neue Machthaber wiederum, man solle keine Tänze erlauben, um kirchliche Gebräuche nicht zu stören. Karneval wird zum Spielball wechselnder Regime – und bleibt doch erstaunlich standorttreu, als sei er die eigentliche Konstante am Rhein.
1826/1828: Bonn organisiert das Unorganisierbare
Dann beginnt das Bonner Kapitel, das man heute feiert: 1826 die Gründung der „Bönnischen Carnevals-Gesellschaft“, zwei Jahre später 1828 jene romantische Erfindung namens Hanswurst – Symbolfigur, Märchenwesen, politischer Spiegel und stadtpoetische Leitfigur in einem. Hanswurst kehrt aus einer Höhle im Siebengebirge zurück, entkommen dem bösen Zauberer Griesgram, noch unsicher, ob man ihn wiederhaben will – was psychologisch betrachtet ein genialer Kunstgriff ist: Der Karneval selbst fragt, ob er willkommen ist, und zwingt die Stadt damit zu einer Antwort.
Acht Tage nach dieser „Geburt“ zieht 1828 der erste neuzeitliche Rosenmontagszug durch Bonn: vorn Hanswurst, neben ihm Laetitia, die antike Freudgöttin. Es ist kein „Straßenfest“ im heutigen Sinn, eher ein repräsentatives Spektakel, das an die Residenzzeit erinnert und doch bürgerlich organisiert ist: Bonn übernimmt die Bühne von den Kurfürsten, aber mit der Kappe statt der Krone.
Und dann – als hätte man die Pointe gleich mitbestellt – folgt das preußische Verbot. 1828/29 wird Karneval politisch verdächtig. Man fürchtet Maskeraden, Vermummungen, grobe Scherze, rollende Umzüge, die plötzlich zu rollenden Argumenten werden könnten. Die Städte sollen nachweisen, dass es „Tradition“ habe, sonst gibt es keine Genehmigung. Der Witz ist alt: Der Staat verlangt eine Herkunftsbescheinigung für die Freude.
Der Prinz ersetzt den Hanswurst: Repräsentation als Zeitgeist
Hanswurst bleibt, aber er verwandelt sich. Im 19. Jahrhundert wird aus der Figur eine gesellschaftliche Identifikationsformel – und schließlich ein repräsentatives Oberhaupt: Prinz Karneval. 1873, im Zeichen eines neuen nationalen Selbstbewusstseins und bürgerlicher Organisation, tritt in Bonn erstmals der Prinz auf: zunächst noch als neue Bezeichnung für die alte Symbolfigur, dann als Ausdruck eines Zeitgeistes, der gern eine Spitze trägt – am liebsten als Narrenkappe mit Insignien.
Das ist keine Entjeckung, sondern eine Stilisierung. Der Karneval lernt im bürgerlichen Zeitalter das, was Bonn ohnehin beherrscht: Form. Und Form ist am Rhein nie das Gegenteil von Übermut, sondern seine elegante Verpackung.
Kinkel und die Gleichheit unter der Kappe
Die politische Kraft des Karnevals zeigt sich in Bonn besonders an Gottfried Kinkel. Er begreift das Fest als symbolische Aufhebung gesellschaftlicher Unterschiede – nicht als Revolution mit Mistgabeln, sondern als Egalität mit Pappnasen. „Bürger sind wir all’!“, lautet der Ton: Unter der Kappe gilt kein Stand.
Dass Preußen trotzdem misstrauisch blieb, ist fast logisch. Der Karneval ist eine Ausnahmezeit, in der Hierarchien wackeln dürfen – und wer Hierarchien liebt, hasst wackelnde Dinge. Selbst die Zensur wird dabei zur Folklore: Kinkel hält Büttenreden ohne Manuskript, um dem prüfenden Blick zuvorzukommen. Das Improvisierte wird zur Strategie. Der Witz wird zur juristischen Grauzone.
Vereinsleben als Überlebenskunst: Von „Uzvügel“ bis „Kleffbotze“
Was der Staat draußen begrenzt, verlagert sich drinnen in den Saal, den Verein, die „geschlossene Gesellschaft“. Hier ist Rudolf Schmidts Godesberger Blick besonders aufschlussreich, weil er zeigt, wie der Karneval in Nebenorten und Ortsteilen überlebt: als Maskenball, als Bockbierfest, als Sitzung, als „karnevalistische Versammlung“ – manchmal schon im Dezember, weil das Herz des Narren bekanntlich nicht an Kalender gebunden ist.
Da gibt es kurzlebige Sterne wie die „Uzvügel“ (1893) mit großem Maskenball; den „Nordpol“ (1897–1900); den „Comet“, der seinen Namen trägt wie ein Versprechen, schnell aufzuleuchten. Man trifft sich im „Aennchen“, man veranstaltet Sitzungen „mit Damen“ – eine Formulierung, die heute komisch wirkt, aber damals verrät, wie sehr selbst das Feiern seine gesellschaftlichen Schranken kannte. Und man trinkt in Plittersdorf „zu Ehren des Prinzen Karneval“ ein Fässchen leer: Diplomatie des Frohsinns, in Holz gebunden.
Die Friesdorfer „Kleffbotze“ – schon der Name klingt wie eine Kneipenpoetik – zeigen, wie sehr Karneval auch Sozialtechnik ist: Gemeinschaft entsteht dort, wo man gemeinsam probt, singt, lacht und anschließend schwer wieder nach Hause findet.
Das 20. Jahrhundert: Verbot, Besatzung, Comeback
Auch im 20. Jahrhundert bleibt der Karneval ein Seismograph. 1920 verbietet eine Polizeiverordnung öffentliche karnevalistische Veranstaltungen: Kostüm, Lied, Konfetti – alles tabu; Umzüge untersagt, Masken unerwünscht, Verschwendung von Lebensmitteln ohnehin. Begründungen liefert die Zeit im Übermaß: Wirtschaft, Politik, Hunger, Arbeitslosigkeit, Moral. Karneval wird wieder zum Luxus erklärt, den man sich nicht leisten dürfe – als sei Freude eine Ressource, die der Staat rationiert.
Aber Karneval ist selten dort, wo man ihn sucht. Er verschwindet nicht, er wechselt die Tür. Als 1926 die Besatzung Godesberg verlässt, kommt das öffentliche Feiern wieder „richtig in Gang“ – und man versteht plötzlich, warum das alles so zäh ist: Weil Karneval weniger ein Termin ist als ein Bedürfnis.
Der Hausmeister als Spätpreuße
Heute kommen die Beschwerden über Lärm und zu laute Live-Bands nicht mehr „von den Preußen“. Sie kommen vom Hausmeister, vom Ordnungsamt, vom Menschen, der um 22.07 Uhr gerne wieder eine Welt hätte, die sich benimmt. Und doch ist das nur die moderne Form jener alten Verordnungen, die schon 1596 um sechs Uhr Feierabend forderten und 1731 die Tanzmusik aus den Wirtshäusern verbannen wollten.
Man könnte darüber klagen. Oder man könnte – im besten Sinn bonnisch – darin die historische Kontinuität erkennen: Karneval lebt von der Reibung. Er braucht den Moralapostel, um seinen anarchischen Glanz zu polieren. Er braucht die Ordnung, um ihr für ein paar Tage eine Blume ins Revers zu stecken und zu sagen: Komm, tanz doch mit.
Und wenn Bonn heute „Loss mer fiere“ ruft, dann ist das mehr als ein Slogan. Es ist die freundliche Drohung einer Stadt, die gelernt hat, dass Freude keine Selbstverständlichkeit ist, sondern eine Tradition – und Tradition, das ist am Rhein bekanntlich das, was man jedes Jahr neu erfindet.