
In Davos, so lässt sich dieser Januartag lesen, liegt ein eigentümlicher Zug in der Luft: als hätten sich die Mächtigen der Weltwirtschaft in ein alpines Wartezimmer zurückgezogen, um dort – zwischen Sicherheitszonen und Panel-Optimismus – dem Geräusch beim Zerbrechen einer Ordnung zu lauschen. Sebastian Matthes, Chefredakteur des Handelsblatts, berichtet von einem Satz, der ihm „eben ein enger Freund“ schrieb, der bereits vor ihm „in den Bergen beim World Economic Forum (WEF) angekommen“ war: „Mal sehen, ob die Welt, wie wir sie kennen, Ende dieser Woche noch existiert“ …
Das ist mehr als dramaturgische Übertreibung. Es ist ein Symptom. Denn selten wird ein Epochenwechsel so geschäftig kommentiert, während man zugleich so beharrlich an Ritualen festhält: Motto, Bühne, Dialog, Empfang.
Davos als Seismograf der Unordnung
Gerade das WEF-Motto „The Spirit of Dialogue“ wirkt wie ein Schild, das man vor ein einstürzendes Gebäude hält. Dialog ist zur Beschwörung geworden, zur liturgischen Selbstberuhigung eines Milieus, das lange davon lebte, Konflikte in Verfahren zu verwandeln: Zölle in Verhandlungen, Machtfragen in Arbeitsgruppen, Risiken in „Roadmaps“.
Wenn aber – wie Matthes schildert – schon auf dem Weg nach Davos mit der Androhung von Sonderzöllen ein Deal „pulverisiert“ wird, bevor er überhaupt in Kraft tritt, dann liegt darin die neue Lehre der Zeit: Wo die Regel nur gilt, solange der Stärkere sie bequem findet, wird Kooperation zur Gnade – und Berechenbarkeit zur Erinnerung.
Der „Wilde Frieden“ und die Rückkehr der Erpressbarkeit
Der Publizist Rüdiger Altmann prägte dafür das Wort vom „Wilden Frieden“: kein Weltkrieg, aber auch keine stabile Ordnung; keine klaren Fronten, aber permanente Erpressbarkeit. Diese Formel trifft die Gegenwart, in der das Unwahrscheinliche wieder politisch wird und das Selbstverständliche – offene Märkte, Bündnistreue, das Vertrauen in Institutionen – seine Schutzwirkung verliert.
Europa bewegt sich seit Jahren in dieser Atmosphäre: zugleich zu groß, um ignoriert zu werden, und zu zögerlich, um als handelndes Subjekt zu erscheinen.
Die zu leise Union
Damit sind wir beim Kölner Schriftsteller Wolfgang Schiffer, der in einem WDR-Interview einen Satz sagt, der schlicht klingt und doch entlarvt: Er habe die Europäische Union „zu leise“ erlebt – „viel zu leise, immer schon“. Leise: Das ist keine Stilfrage, keine PR-Laune, sondern eine politische Kategorie. Denn „leise“ meint hier nicht Bescheidenheit, sondern Selbstverkleinerung; nicht Diplomatie, sondern den Reflex, Konflikte zu scheuen, weil man das eigene Gewicht nicht ausspielen will – oder weil man sich über das Ziel nicht einig ist.
Schiffer verbindet diese Diagnose mit einem Lob, das im Lärm der Tagespolitik fast antiquiert wirkt: Es habe „keine bessere Idee“ gegeben als die Gründung der EU. Der Satz gehört nicht ins Sonntagsprogramm, sondern in die politische Grundausstattung. Denn die Union war – gemessen an Europas Geschichte – der Versuch, Souveränität nicht abzuschaffen, sondern zu bändigen; Macht nicht zu leugnen, sondern zu teilen; alte nationale „Narzissmen“ durch eine gemeinsame Perspektive zu entgiften.
Und doch: Der Erfolg der europäischen Befriedung hatte eine Nebenwirkung. Er gewöhnte Europa daran, Politik als Verwaltung eines erreichten Zustands zu missverstehen. Aus dem Projekt wurde ein Apparat; aus dem Versprechen eine Zuständigkeit.
Werte ohne Zähne
Schiffer wird schärfer, wenn er Konsequenzen verlangt: stärkere Sanktionsmöglichkeiten gegen Mitgliedstaaten, die sich dem entziehen, was Europa als Wertegemeinschaft gesetzt hat – er nennt Ungarn als Beispiel. Hier geht es nicht um Straflust, sondern um Selbstachtung. Eine Union, die Werte behauptet, aber Verstöße nicht wirksam beantworten kann, verliert nicht nur Autorität nach außen; sie unterminiert Loyalität nach innen.
Im „Wilden Frieden“ gilt ein harter Satz: Wer nicht sanktionieren kann, wird sanktioniert – nicht unbedingt juristisch, aber strategisch, ökonomisch, symbolisch.
Vom Dialog zur Durchsetzung
Das Davoser Motto zeigt das Dilemma wie unter einer Glasglocke. Dialog ist nur dann mehr als Dekoration, wenn er von Handlungsfähigkeit getragen wird. Wer Dialog sagt, muss Macht meinen können – sonst wird Dialog zur Einladung, die eigene Wehrlosigkeit zu besichtigen.
Europa hat sich lange auf die Magie des Verfahrens verlassen: auf Regeln, Gremien, Kompromissformeln. Doch es gibt Akteure, die Verfahren als Schwäche lesen. Dann verwandelt sich die Tugend der Mäßigung in ein System der Verzögerung – und Verzögerung ist in Krisenzeiten oft nur ein anderer Name für Entscheidungslosigkeit.
Mehr Europa wagen: Verteidigung als Integrationsprojekt
Wenn Altmanns „Wilder Frieden“ der Zustand ist, dann braucht es tatsächlich eine neue Theorie der Politik: eine, die Risiko nicht als Störfall behandelt, sondern als Normalzustand; die nicht voraussetzt, dass der Gegner rational im eigenen Sinne handelt; die begreift, dass Ordnung nicht von selbst fortlebt.
In diesem Licht wirkt die Forderung nach „mehr Europa“ bis hin zur Europäischen Verteidigungsgemeinschaft nicht wie Militarisierung, sondern wie Nüchternheit. Wer nicht gemeinsam schützt, wird einzeln erpresst. Wer seine Verteidigung fragmentiert, fragmentiert am Ende auch seine Politik.
Europas Stimme
Aus Schiffer und Matthes lässt sich dieselbe Lehre ziehen, nur aus verschiedenen Blickwinkeln: Die Welt wird weniger regelgläubig, weniger berechenbar, weniger geduldig mit jenen, die sich in die Sprache der Vorsicht flüchten. Europa muss lauter werden – nicht im Sinn der Pose, sondern der Klarheit. Es braucht Instrumente, die mehr sind als moralische Appelle. Und es braucht den Mut, die eigene Größe nicht länger zu flüstern.