
Klebestelle: Der Anstoß
Es ist unerquicklich, wie schnell man in Deutschland wieder bei Herkunft landet. Es genügt ein Kommentarstrang, ein falscher Ton, ein zu selbstverständliches „wir“, und schon fährt einer die Schranke runter. „Nur Deutsche dürfen über Deutschland reden“, schreibt eine junge Anwältin in Köln in eine Debatte, die mit Kriminalität und Flüchtlingen aufgeladen ist wie eine schlecht belüftete Kneipe. Meine verstorbene Frau, Serbin, im Rheinland geboren, doppelte Staatsbürgerschaft, perfekte Sprache, politische Wachheit, Counterspeech – sie wird angegangen, als wäre sie ein Gast im eigenen Land. Der Rest ist Mechanik: Erst das Widersprechen, dann das Schärferwerden, dann der Griff in die Schublade „ausländischer Name“, dann der Versuch, Zugehörigkeit zu entziehen, als sei sie eine Lizenz.
Und ich sitze daneben und merke, wie mein eigener Name in solchen Situationen wie eine Tarnkappe wirkt. „Sohn“ klingt für viele nicht nach Gefahr. Eher nach nordischer Folklore. In meinem Fall auch noch verstärkt: Gunnar Erik – fast wie ein Souvenir aus Schweden. Als ob man sich mit Buchstaben in Sicherheit bringen könnte.
Das ist der Moment, in dem die Familiengeschichte nicht mehr Privatsache ist. Nicht, weil ich irgendeine Abstammungs-Überlegenheit beweisen will, sondern weil ich nicht zulassen kann, dass Herkunft als Waffe herumgetragen wird, ohne dass man die Klinge sieht. Denn meine Klinge ist alt. Sie liegt in einer Mappe. Sie ist aus Papier. Und sie schneidet, wenn man sie aufklappt.
Ich habe diese Mappe lange wie andere Leute ein altes Fotoalbum behandelt: vorsichtig, gelegentlich, mit einer Mischung aus Respekt und Abwehr. Man weiß, dass man hineinschauen muss, und man weiß zugleich, dass man danach anders sitzt, anders spricht. Dann kam diese Kölner Kommentarspalte – und mit ihr die Einsicht: Wer sich heute „Vaterland“ auf die Zunge legt, soll hören, was dieses Wort in einer Familie bedeutet, deren Vaterland nicht sang- und klanglos war, sondern amtlich, nummeriert, gestempelt.
Ich habe mich an den Tisch gesetzt und die Blätter ausgebreitet.
Klebestelle: Vier Blätter, eine Uhrzeit
Vier Blätter. Ein Leben, das sich nicht als Erzählung überliefert hat, sondern als Registratur.
- Geburtsurkunde, Frankfurt am Main, Dezember 1893.
- Heiratsurkunde, Eggersdorf, Oktober 1927.
- Taufschein, Berlin, August 1939.
- Sterbeurkunde, Bendorf-Sayn, Mai 1942.
Dazwischen: Abwesenheit. Keine Briefe, kein Tagebuch, kein Nachlass, keine Einkaufszettel, keine Notizen. Ich beneide manchmal Familien, die Schubladen voller Handschrift haben, als wäre Vergangenheit ein gut sortiertes Lager. Bei uns ist sie ein Loch, das nur an den Rändern beschriftet ist.
Und doch: Diese vier Blätter reichen aus, um einen Sog zu erzeugen. Sie sind wie Koordinaten, die nicht erklären, aber verorten. Was sie geben, sind keine Gefühle – sie geben Orte, Daten, Rubriken. Und in den Rubriken lauert die Zeit.
Ich bleibe immer wieder an einer einzigen Uhrzeit hängen: 5 Uhr 30. Der Tod meines Großvaters, Wilhelm Sohn, ist auf die Minute beurkundet. Als sei ein Menschenleben eine Abfahrtszeit. Ich lese: 23. Mai 1942, 5 Uhr 30. Bendorf-Sayn, Hindenburgstraße 49. „In dieser Wohnung.“ Ich höre beim Lesen keine Wohnung, ich höre eine Anstalt, ein überfülltes Haus, einen Ort, an dem Menschen „untergebracht“ werden. Aber das Formular sagt Wohnung. Es sagt es so, als wäre das Normalität. Papier kann Normalität simulieren, selbst dort, wo sie vernichtet wird.
Dann lese ich weiter und stoße auf das zweite Messer in diesem Blatt: Im Namen steht ein Zusatz, den mein Großvater nie geführt hat. Ein Zwangsvorname. Ich weiß, warum er dort steht. Ich weiß, dass er nicht „dazugehört“. Und doch steht er da – amtlich, glatt, als sei er schon immer da gewesen. Genau so funktioniert Herrschaft: Sie schreibt sich in die Oberfläche, bis sie wie Natur aussieht.
Und gleich daneben eine Zeile, die mich jedes Mal wütend macht: „ohne Beruf“. Als wäre da nichts gewesen. Keine Arbeit, kein Können, keine Rolle, keine Würde. Das Formular entzieht ihm den Beruf, so wie das Regime ihm zuvor den Besitz, die Beweglichkeit, die Luft entzogen hat. Ich lege das Blatt weg und merke: Ich schreibe dieses Buch gegen diese Zeile.
Klebestelle: Frankfurt – Neue Zeil 29
Die Geburtsurkunde ist der hellste Fleck in diesem Bündel. Nicht, weil sie glücklich wäre, sondern weil sie noch nicht unter der späteren Sprache steht. Frankfurt am Main. Neue Zeil 29. Der Vater: Kaufmann Emil Samuel Sohn. Ich sehe meinen Urgroßvater nicht – ich sehe eine Berufsbezeichnung, eine Adresse, eine städtische Topografie. Und ich merke, wie sehr ich an Adressen glaube, seit ich Akten lese: Eine Adresse ist der Beweis, dass jemand Platz in der Welt hatte.
Neue Zeil. Ein Name wie ein Versprechen: neu. Ich stelle mir die Geräusche vor, die man in Registerzeilen nicht findet: Schritte, Kutschen, später Straßenbahn, das Klappen von Ladentüren, Papiergeruch, Tinte. Und ich stelle mir die kleine Selbstverständlichkeit vor, die man 1893 noch hat: Dass ein Kind geboren wird und der Vater es beim Standesamt anzeigt, als sei die Welt ein Ort, der dieses Kind tragen wird.
Dann schaue ich auf das Datum der Abschrift, die später ausgestellt wurde, Jahre nach der Geburt. Irgendwann braucht man eine beglaubigte Kopie. Papier wird zur Eintrittskarte. Nicht mehr nur für die eigene Lebensorganisation, sondern für die Verwaltung der Zugehörigkeit. Ich lerne: Eine Kopie ist nie nur Kopie. Sie ist ein Hinweis darauf, dass eine Zeit begonnen hat, Menschen nach Dokumenten zu sortieren.
Klebestelle: Danielsberg in Kärnten – die falsche Fluchtrichtung
Der Sprung von Frankfurt nach Brandenburg und weiter nach Kärnten wirkt auf den ersten Blick wie ein normaler Lebenslauf: Familie, Heirat, Unternehmung, Land, Gasthof, Arbeit. Mein Großvater ist nicht als Symbol geboren worden. Er ist als Mensch geboren worden, der Dinge tut: kaufen, verkaufen, bewirten, anbauen, verwalten. Ein Leben mit Rechnungen, Lieferungen, Jahreszeiten.
Und dann kommt 1933. Und dann 1936 die Entscheidung, Deutschland zu verlassen. Nicht in die Schweiz – das ging kaum. Nicht nach England – auch schwierig. Also dorthin, wo Deutsch gesprochen wird und man sich noch bewegen kann: Österreich. Danielsberg, Kärnten. Herkuleshof. Ein Hotelbetrieb in der Höhe, ein Bergsee, eine Landschaft, die den Blick beruhigt. Ich kenne Fotos, die alles sagen, was idyllische Oberfläche sagen kann: Lederhose, Sonne, Bergluft. In Familienfotos ist die Katastrophe nie im Bild. Sie steht außerhalb des Rahmens und wartet.
1938, der Anschluss. Und dann das, was ich beim Recherchieren kaum ertragen konnte: die Geschwindigkeit. Enteignung nicht als schleichendes Verfahren, sondern als Sprint. Eine Kärntnerin, Maria Paulitsch, stößt ein Arisierungsverfahren an, das so schnell durchläuft, als hätte es nur darauf gewartet. Eigentum wechselt die Hand, und die Hand, die es bekommt, wirkt in der Akte nicht wie Diebstahl, sondern wie Verwaltung. Die Sprache der Nachgeschichte macht es später noch glatter: In einer Dorfchronik steht dann „Wechsel der Eigentümer nach den Umständen der Zeit“. Ein Satz, der sich selbst wie ein Seufzer tarnt und doch eine ganze Schuld in Watte packt.
Ich lese diesen Satz und spüre, dass mein Buch auch gegen solche Sätze geschrieben wird. Gegen die höfliche Lüge.
Klebestelle: Dachau – das Loch
Früh 1939 kommt mein Großvater nach Dachau. Das ist in meiner Familienüberlieferung kein Kapitel, sondern eine Leerstelle. Es gibt keine Krankenakte, keine Briefe, kein „So war es“. Es gibt nur die Erzählung: Er kam zurück, körperlich und psychisch verändert, ausgehungert, „nur noch ein Skelett“, sagt meine Großmutter später. Diese Worte haben die Schärfe von Dingen, die man nicht literarisch erfindet.
Wenn ich über Dachau schreibe, schreibe ich gegen das, was mir fehlt. Und doch ist das Fehlen selbst ein Befund: Dem Regime gelingt nicht nur die Gewalt, ihm gelingt auch die Zerstörung der Spuren. Es bleibt eine Art Negativabdruck: Ein gesund wirkender Mann auf einem seltenen Foto – und wenige Jahre später die Zeile „ohne Beruf“ und die Diagnose, die wie ein Etikett an ihm hängt.
Ich weiß nicht, was genau zwischen 1939 und 1941 medizinisch geschieht. Ich weiß nur: Dass „nicht behandeln“ eine Form von Behandlung ist. Eine Behandlung im Sinne der Zerstörung.
Klebestelle: Berlin-Wedding – „freiwillig“
Dann liegt dieses andere Blatt vor mir, das nicht Tod beurkundet, sondern Verschiebung: „Anmeldung“, Jacoby’sche Anstalt Sayn, 17. September 1941. Herkunft: Berlin N, Lottumstraße 13. Gesundheitsamt Wedding. Aufnahme als „freiwilliger Pensionär“. Diagnose: Taboparalyse.
Ich bleibe an „freiwillig“ hängen. Es ist ein Wort aus einer normalen Welt. In einer normalen Welt bedeutet es: Entscheidung, Willen, Vertrag. In dieser Zeit bedeutet es: eine Verwaltungssprache, die Zwang als Formalität verkleidet. „Freiwillig“ ist die weiße Bluse über dem Schlag.
Taboparalyse: ein Begriff, der sich wissenschaftlich anhört und damit gefährlich beruhigt. Denn die Diagnose kann stimmen und trotzdem Teil einer Maschinerie sein. Ich habe in Koblenz Akten gelesen, viele, zu vielen Menschen, und ich habe gesehen, wie Gutachten klingen, wenn sie nicht heilen wollen, sondern verwalten, entmündigen, sterilisieren. Zwangssterilisation, Unfruchtbarmachung, Erbgesundheitsgerichte – es ist ein Papieruniversum, das sich mit Unterschriften legitimiert. Und es hat eine besondere Perfidie: Es kann sich als „Medizin“ ausgeben.
Dann kommt die zweite Ebene: der Erlass vom 10. Dezember 1940, der alle jüdischen „Geisteskranken“ Deutschlands in Sayn konzentrieren lässt. Eine Einrichtung für etwa achtzig Patienten wird auf achthundert, neunhundert aufgebläht. Das ist nicht „Überbelegung“. Das ist eine Sammelstelle. Ein Knoten. Ein Ort, der im Schatten großer Namen liegt und gerade deshalb erzählt werden muss.
Klebestelle: Sayn – Hindenburgstraße 49
Ich war dort. Ich kenne das Gebäude. Ich kenne die Schönheit, die noch in der Architektur steckt. Und ich kenne die Überlagerung: Wie etwas „schön“ sein kann und doch ein Ort der Vernichtung. Solche Orte sind die schlimmsten, weil sie der Fantasie die Fluchtwege nehmen. Man kann sich nicht damit beruhigen, dass „es“ dort bestimmt offensichtlich gewesen sei. Es ist nicht offensichtlich. Es ist alltäglich. Es ist ein Haus. Es hat Treppen. Es hat Fenster.
Ich lese Zeugnisse von Pflegerinnen, Berichte über beschlagnahmte Pelze, über improvisierte Wärme, über das Zusammendrängen von Menschen, über Angst und eine verzweifelte Lebenslust. Ich lese von Menschen, die Gedichte kilometerlang aufsagen können – tonlos, auswendig. Und ich denke unwillkürlich: Vielleicht saß mein Großvater unter ihnen. Vielleicht war er nicht „weg“, nicht „verschwunden“, sondern hellwach in einer Welt, die ihn ausradieren wollte.
Dann lese ich, wie penibel Behörden noch 1941 prüfen, ob „feuerpolizeiliche Vorschriften“ eingehalten werden. Die Vernichtung hat Brandschutz. Sie hat Stempel. Sie hat Formblätter. Das ist der Punkt, an dem das Wort „banal“ nicht mehr tröstet, sondern anklagt: Die Normalität der Abläufe ist Teil des Verbrechens.
Und dann wieder diese Uhrzeit: 5 Uhr 30. Mai 1942.
Ich weiß: Anfang 1942 beginnen die Deportationen. Ich weiß: Mein Großvater stand für den zweiten Transport auf der Liste, Juni 1942, Sonderzug, tausend Menschen, Lützel, Köln, Düsseldorf, weiter nach Lublin. Die Reichsbahn notiert Abfahrten, die Gestapo stellt Begleitmannschaften, Vermögenserklärungen werden „noch übersandt“. Eine Reise, die im Formular „Evakuierung“ heißt.
Mein Großvater stirbt kurz davor. Es ist, als würde die Maschine ihn nicht mehr brauchen – oder als wäre sein Körper schon vorher von der Maschine zermahlen worden. Ich kann nicht schreiben, er „entging“ dem Transport. Das wäre eine falsche Grammatik. Er entging nur der Fahrkarte.
Klebestelle: Franz in London
Die Familie hat eine Nebenlinie, die überlebt. Mein Großonkel Franz und seine Frau Else gehen nach London. Dafür wird Geld zusammengekratzt. Eine Familie teilt Ressourcen nicht nach Fairness, sondern nach Möglichkeit: Wer rauskommt, soll raus. Wer drin bleibt, bleibt. London wird zum Rettungsraum, nicht zur Heimat. Mein Großonkel stirbt relativ früh, Else lebt lange. Ich war Ende der siebziger Jahre dort, vier Wochen. Ich erinnere mich nicht an große Sätze, sondern an eine andere Art von Alltag: Tee, Straßen, eine gewisse Zurückhaltung, die zugleich Schutz ist, viele Gespräche mit jüdischen Emigranten aus Deutschland im Bridge-Club meiner Großtante.
London ist in meinem Buch nicht „Happy End“. Es ist der Beweis, dass Geschichte an Zufällen hängt – und an den brutalen Grenzen, die Staaten setzen.

Klebestelle: Dieter, 1957, Handschrift
Dann die nächste Generation: mein Vater Dieter, geboren 1929. Misch-Ehe, evangelische Mutter, jüdischer Vater. Das Regime führt dafür eigene Kategorien, als wären Menschen chemische Mischungen. Mein Vater darf keine Ausbildung machen. Das ist eine stille Form der Gewalt: nicht schlagen, sondern Wege versperren. Man nimmt einem Kind die Zukunft, und das ist kein Nebenschaden, sondern Absicht.
Ende des Krieges wird er schwer verletzt. Dann Schweden: ein knappes Jahr bei einer Gastfamilie. Die Sprache, die Gastfreundschaft, die Erfahrung, dass ein anderes Land nicht automatisch Feind ist. Daraus entsteht später mein Name. Gunnar Erik. Nicht, weil ich mich als Schwede fühle, sondern weil mein Vater in Schweden etwas erlebt hat, das man in Deutschland 1945 selten erlebt: eine Form von Aufatmen.
1957 schreibt er einen Lebenslauf. Kein literarischer Text. Aber für mich ist er ein Dokument des Nachkriegs: die Art, wie ein Mensch sich in einem Satz zusammenfaltet, damit Behörden ihn akzeptieren. Ich lese diese Handschrift und merke: Sie ist das Gegenteil der Sterbeurkunde. Hier spricht ein Ich. Dort spricht das Formular.
Und ich merke: Mein Buch muss beide Stimmen gegeneinander halten. Nicht, um eine zu widerlegen, sondern um zu zeigen, was Verwaltung mit Leben macht.
Klebestelle: „Umstände der Zeit“ – und mein eigenes Motiv
Es gibt in Kärnten eine Dorfchronik, in der die Enteignung meiner Familie mit einem Satz zugedeckt ist: „nach den Umständen der Zeit“. Ich habe mir vorgenommen, diesen Satz nicht stehen zu lassen. Ich will eine Lesung in Kolbnitz. Ich will, dass man diesen Satz ersetzt durch einen, der die Dinge beim Namen nennt. Wenn sie es nicht ändern, lese ich trotzdem. Notfalls im Café. Notfalls am Herkuleshof. Es geht nicht um Rache. Es geht um Grammatik. Die Nachgeschichte darf nicht so tun, als sei Diebstahl Wetter gewesen.
Denn das ist die Verbindung zur Gegenwart, zu der Kölner Anwältin, zu all den Leuten, die heute wieder „Deutschland“ sagen, als wäre es ein Erbstück. Ich frage mich: Auf welches Vaterland soll ich stolz sein? Auf das, das meinem Großvater einen Zwangsvornamen aufdrückt und ihn „ohne Beruf“ sterben lässt? Auf das, das Transportlisten schreibt und die Reichsbahn pünktlich fahren lässt? Auf das, das nachher „Umstände der Zeit“ sagt?
Wenn ich schreibe, dann nicht, um eine Familienlegende zu pflegen. Ich schreibe, um eine Gegenrede zu bauen – gegen das Wiederauftauchen der alten Sätze in neuen Kommentarfeldern.
Klebestelle: Methode – Schere, Klebstoff, Kombinatorik
Ich habe lange geglaubt, eine Familiengeschichte müsse linear sein: Ahnentafel, Generationen, sauber. Aber meine Materialien sind nicht sauber. Sie sind zerrissen, verstreut, amtlich, brüchig. Also muss die Form es auch sein: Montage, Umordnung, Klebestellen.
Ich arbeite wie jemand, der am linken Rand eines Blattes neu ansetzt: Ausschnitt aus einer Urkunde, daneben eine Erinnerung, daneben eine Recherchepassage, daneben ein Satz aus der Gegenwart. Nicht, um Unordnung zu stiften, sondern um Ordnung beweglich zu halten. Die Umordnung ist die Erkenntnis.
Ich will nicht das „Betriebsgeheimnis“ sichtbar machen, indem ich Überschriften ausstelle wie Schilder. Im fertigen Text sollen diese Randmarken verschwinden, so dass nur noch der Fluss bleibt – aber ein Fluss, der aus vielen Zuflüssen besteht.
Dieses Buch soll ein offenes Kunstwerk sein, nicht im Sinn von Beliebigkeit, sondern im Sinn von Erweiterbarkeit: Neue Dokumente werden auftauchen, neue Akten werden auffindbar sein, neue Stimmen werden sich melden. Ich will eine Form, die das nicht als Störung empfindet, sondern als Prinzip.
Klebestelle: Auftaktbild – ein Mensch, den man nicht mehr kennt
Wenn ich an meinen Großvater denke, sehe ich nicht zuerst den Menschen, sondern das, was von ihm übrig blieb: eine Sterbeurkunde. Ich sage das nicht, um dramatisch zu sein. Es ist buchstäblich so. In vielen Familien ist das Foto die letzte Instanz. Bei uns ist es ein Formular.
Und genau deshalb muss ich ihn aus dem Formular herauslösen. Ich muss ihn aus „ohne Beruf“ zurückholen. Ich muss ihm sein Leben wiedergeben, nicht indem ich es erfinde, sondern indem ich die Welt rekonstruiere, in der es stattfand: Brandenburg, Gasthof, Landwirtschaft, Danielsberg, Anschluss, Enteignung, Dachau, Berlin, Wedding, Sayn, Hindenburgstraße 49.
Die Akte macht aus dem Menschen einen Fall. Ich will aus dem Fall wieder einen Menschen machen – und aus der privaten Geschichte eine öffentliche Erzählung, die der Gegenwart widerspricht, wenn sie wieder ihre Schranken ausfährt.
Denn wenn ich eines gelernt habe beim Lesen dieser Blätter, dann das: Man kann Geschichte nicht neutral erzählen. Neutralität ist oft nur die schönere Verpackung der alten Formeln. Ich schreibe, weil ich nicht will, dass die Formeln gewinnen.
Wie daraus ein Buch wird
Erste Skizze:
- Kapitel 1: „Hindenburgstraße 49“ – eine dichte Montage um den Todeseintrag (5:30) als Einstieg, mit Rückblenden in Frankfurt/Berlin.
- Kapitel 2: „Neue Zeil 29“ – Frankfurt, Kaufmannswelt, jüdisches Bürgertum, Mobilität Landau–Mainz–Frankfurt als Hintergrund.
- Kapitel 3: „Eggersdorf“ – Gasthof/Landwirtschaft, Alltag, Heirat, Kind Dieter 1929.
- Kapitel 4: „Danielsberg“ – Flucht nach Österreich, Herkuleshof, Foto als Leitobjekt.
- Kapitel 5: „Arisierung“ – Geschwindigkeit, Tätergrammatik, „Umstände der Zeit“.
- Kapitel 6: „Dachau“ – Leerstelle als Kapitel: Was man weiß, was man nicht weiß, was Akten verschlucken.
- Kapitel 7: „Wedding“ – Gesundheitsamt, Gutachtenkultur, Sterilisationsbürokratie, Route nach Sayn.
- Kapitel 8: „Sayn“ – Überfüllung, Pflegerinnen-Berichte, Pelze, Deportationslogik, Juni 1942 als Schatten.
- Kapitel 9: „London“ – Franz/Else, Überleben als Nebenpfad.
- Kapitel 10: „1957“ – Dieters Handschrift, Schweden, Nachkrieg, Aufstieg bei der BVG.
- Epilog: „Lesung in Kolbnitz“ – die Rückkehr als geschichtspolitische Intervention.
Sehr authentisch und erschreckend.
Danke für Deinen Beitrag, lieber Gunni. Eine deutsche Geschichte.
Ich muss mich immer wieder schütteln bei der Bearbeitung. Es ist niemand mehr da in der Familie, mit dem ich das besprechen könnte. Also als Zeitzeugen. Onkel Pelle in Schweden, mein Vater, meine Mutter, meine Großmutter, meine Großtante Else in London. Wenn ich das jetzt nicht schaffe, wird das nix mehr. Bin ja 65 geworden. Und da bleibt nicht mehr viel Zeit, mit klarem Verstand dieses Buch zu schreiben.