Berlin. Dunkel. Und dann: Scheinheilige Polit-PR.

Berlin, Januar. Kälte. Strom weg. Alltag weg. Nerven blank. Und während Menschen frieren, Läden dichtmachen, Infrastruktur stottert, während bis zu zigtausende Haushalte und tausende Betriebe betroffen sind – rattert im politischen Kopf nicht zuerst: Schutz. Aufklärung. Konsequenz. Sondern: Erzählung.

Erzählung ist alles.
Erzählung ist der Ersatz für Wirklichkeit.
Erzählung ist die Religion der modernen Partei.

Und da stehen sie dann, die Berliner Grünen, geschniegelt im Sprachlabor, und tippen diese eine Zeile, die alles sagt, ohne es zu sagen: Fokus verschieben. Täter raus. Nicht Tat. Nicht Angriff. Nicht Extremismus. Sondern: Wegner.

„Kommunikationslinie“.
Dieses Wort ist ein kleines Grab.
Darin liegt: Politik.

Denn was ist passiert? Ein mutmaßlich linksextremistischer Brandanschlag/Sabotageakt aufs Stromnetz, Debatte über kritische Infrastruktur, über Verwundbarkeit, über Täterlogik, über Szene, über Abschreckung, über Schutz.

Und was wollen die Grünen? (Laut interner Mail, über die mehrere Medien berichten.)
Nicht die Täter in den Mittelpunkt.
Sondern: „Kai Wegner kann Krise nicht“. Führung. Kompetenz. Mediale Begleitung. Strategisches Interesse.

Das ist nicht einfach nur taktisch. Das ist das, was Taktik wird, wenn sie nicht mehr weiß, wofür sie eigentlich existiert.

Der Trick: Moral spielen, wenn es bequem ist

Und dann natürlich: das Tennisding.
Der Regierende spielt eine Stunde Tennis – mitten im Blackout – und schwupps, Bingo, das moralische Schnellfeuer ist geladen.

Aber jetzt mal wirklich, Berlin: Eine Stunde Sport ist kein Staatsverrat.
Eine Stunde Sport ist oft das Einzige, was dich halbwegs menschlich hält.

Regeneration. Reset. Kreislauf. Kopf frei.
Ich sag’s ganz stumpf: Ich spiele in der Regel einmal die Woche eine Stunde Volleyball. Auch wenn alles brennt, auch wenn Arbeit drückt, auch wenn’s „nicht passt“. Gerade dann. Health Care. Nicht Lifestyle. Wartung am eigenen System.

Der zweite Trick: Nicht über Täter reden heißt nicht „nicht spekulieren“

Ja, natürlich: Man soll nicht wild herumspekulieren, bevor Ermittlungen belastbar sind. Das ist banal richtig. Ein Grünen-Abgeordneter wird auch genau so zitiert: Behörden hätten wenig Erkenntnisse, man solle nicht spekulieren, man verurteile Gewalt und wolle Aufklärung.

Aber: Das ist ein anderer Satz als „Täter nicht in den Mittelpunkt“.
Das eine ist Zurückhaltung. Das andere ist Agenda-Setzung.

Denn wenn du ernsthaft glaubst, dass politische Kommunikation nach einem Anschlag vor allem „strategisches Interesse“ ist – dann hast du den Moment verpasst, in dem Politik noch etwas anderes war als Medienbearbeitung.

Und dieser Moment ist genau da: Eine Stadt wird angegriffen, Infrastruktur verwundbar, Notfallroutinen, Schutzkonzepte, Zuständigkeiten, Prävention, Strafverfolgung, Lehren.

Aber nein: Erstmal Wegner. Erstmal die Führungsfrage. Erstmal das Bild im Kopf der Leute: Wegner im Tennisoutfit.

Das Perfide daran

Das Perfide ist nicht, dass Opposition kritisiert. Opposition muss kritisieren.
Das Perfide ist das Wegdrücken des eigentlichen Kerns:

Dass es in Berlin (mutmaßlich) Leute gibt, die meinen, sie könnten mit Feuer und Sabotage Politik machen.
Dass kritische Infrastruktur nicht nur „ein Thema“ ist, sondern das Rückgrat.
Dass so ein Angriff nicht nur „eine Krise“ ist, sondern ein Angriff auf Alltag, Sicherheit, Vertrauen.

Und dann kommt die Partei, die gern „Demokratie verteidigen“ sagt, und setzt intern: Bitte nicht über Täter reden, lieber über Wegners Kompetenz.

Das ist diese moderne Form von Verantwortungslosigkeit:
Man hält sich die Hände sauber, indem man das Schmutzige einfach aus dem Bild schiebt.

Nicht weil man es nicht sieht.
Sondern weil es nicht nützt.

Health Care, liebe Grüne Fraktion

Wenn ihr schon Kommunikation liebt: Dann kommuniziert doch mal das Naheliegende.

  1. Gewalt, Sabotage, Extremismus – egal von wem – sind nicht „Randthemen“, wenn die Stadt im Dunkeln steht.
  2. Krisenmanagement kann man kritisieren, ja. Aber nicht als Ersatzhandlung, damit man das andere nicht anfassen muss.
  3. Und ja: Sport ist sinnvoll. Auch in der Krise. Gerade in der Krise.

Das ist die Pointe, die euch wehtut:
Ihr wollt moralisch sein, aber ihr wollt es bequem.
Ihr wollt ernst sein, aber bitte so, dass es in die Kommunikationslinie passt.
Und wenn die Wirklichkeit stört, wird sie umgeschnitten wie ein missliebiger O-Ton.

Berlin ist nicht eure PR-Bühne.
Berlin ist eine Stadt.
Mit Kabeln. Mit Kälte. Mit Leuten.
Und mit der Erwartung, dass Politik mehr kann als Schlagzeile.

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