
Als Fritzi Köhler-Geib am 26. November 2025 in Leipzig die Keynote bei der Veranstaltung „Resilienz – ein Panel der Deutschen Bundesbank zur Anpassungsfähigkeit in Deutschland“ hält, steht sie nicht als Mahnerin auf der Bühne, sondern als Verantwortliche für jene Bereiche, in denen sich Krisen zuerst in Zahlen, Systemen und Modellen bemerkbar machen: Forschung, IT, Statistik und Risikocontrolling. Ihre Rede trägt den nüchternen Titel „Resilienz in Deutschland und Europa: Eine Forschungs-, IT-, Statistik- und Risikocontrolling-Perspektive“. Nüchtern ist daran vor allem die Absicht: Resilienz soll nicht als Beschwörungsformel kursieren, sondern als prüfbare Fähigkeit.
Köhler-Geib beginnt mit einer persönlichen Episode – ein gebrochenes Sprunggelenk Ende August –, aber sie nutzt sie nicht als Stimmungsmacher, sondern als Folie für eine Definition, die sich wie ein Arbeitsauftrag liest: „Resilienz ist eine Frage der Vorbereitung, der Zusammenarbeit und der richtigen Ressourcen.“ Damit ist der Rahmen gesetzt. Resilienz ist weder Charakterfrage noch Mentaltechnik; sie ist eine Angelegenheit der Organisation, der Infrastruktur, der Investitionsentscheidungen. Man könnte auch sagen: Resilienz ist das, was bleibt, wenn das Ereignis schon vorbei ist – und das System dennoch funktioniert.
Genau hier berührt die Rede die Resilienzkriterien der Zukunftsmacher-Studie. Auch dort wird Widerstandskraft nicht aus Durchhalteparolen abgeleitet, sondern aus dem Zusammenspiel von Faktoren, die sich aufbauen lassen: aus Datenfundamenten, Plattformlogik, Umsetzungsdisziplin und einem Wertfokus, der nicht in Innovationsrhetorik stecken bleibt. Resilienz erscheint in beiden Perspektiven als Architekturleistung: Wer sie will, muss sie entwerfen.
Geopolitik: Wenn Unsicherheit zur Normalform wird
Köhler-Geib beschreibt zu Beginn eine Lage, in der ökonomische Unsicherheit nicht mehr als vorübergehende Störung behandelt werden kann. Sie verweist auf Indizes und Marktbewegungen, auf Schwankungen – und auf Anzeichen dafür, dass Handelsströme fragmentierter werden. Der Befund ist unerquicklich, weil er die bekannte Logik der letzten Jahrzehnte umkehrt: Arbeitsteilige Verflechtung war Effizienz; nun wird sie zur Verwundbarkeit. Steigende geopolitische Risiken verteuern Importe, stören Lieferketten, begünstigen Fragmentierung.
Bei Finanzströmen, so Köhler-Geib, seien die Hinweise bislang weniger ausgeprägt – doch gerade das macht den Punkt nicht schwächer, sondern dringlicher. Denn die Forschung der Bundesbank zeigt, dass geopolitische Schocks Kreditvergabe dämpfen, die Risikobereitschaft senken, Spreads ausweiten und Volatilität wie Zinsen erhöhen können. Resilienz heißt in dieser Lesart: nicht erst reagieren, wenn der Schock im System ist, sondern die Möglichkeit des Schocks in Szenarien und Steuerung integrieren.
Die Rede bleibt dabei nicht im Alarmton, sondern arbeitet an einem europäischen Hebel. Köhler-Geib argumentiert, dass Europa seine Resilienz nur erhöhen kann, wenn es die finanzielle Integration vorantreibt: Kapitalmärkte vertiefen, Binnenmarkt vollenden, Bankenunion und Marktinfrastruktur weiterentwickeln. Das ist keine Technokraten-Prosa, sondern eine schlichte Logik: Wer in einer fragmentierten Welt handlungsfähig bleiben will, braucht ein tieferes gemeinsames Finanzfundament – sonst bleibt jede strategische Selbstbehauptung eine politische Pose ohne ökonomische Tragfähigkeit.
Für Deutschland koppelt sie diese europäische Perspektive an eine nationale: Wachstum, so macht sie klar, ist ohne strukturelle Reformen nicht nachhaltig zu entfesseln – am Arbeitsmarkt, bei Investitionen, bei Innovationen. Resilienz ist hier nicht das Gegenteil von Wachstum, sondern seine Voraussetzung: Nur ein System, das Spielräume schafft, kann sie im Schockfall auch nutzen.
Technologie: Abhängigkeiten erkennen, statt Souveränität zu versprechen
Im dritten Teil verschiebt Köhler-Geib den Blick von geopolitischen Schocks auf technologische Abhängigkeiten. Sie nennt Zahlen zur Dominanz weniger Anbieter im europäischen Cloud-Markt und leitet daraus eine politische Ökonomie der Infrastruktur ab: Wer zentrale digitale Technologien importiert, importiert zugleich Verwundbarkeit.
Bemerkenswert ist, wie sie das Problem rahmt. Sie warnt nicht vor dem „Ausland“ und verspricht keine schnelle Autarkie. Stattdessen schlägt sie ein Konzept vor, das bewusst auf Nüchternheit setzt: „strategisches Abhängigkeitsmanagement“. Digitale Souveränität, so die implizite Botschaft, ist kein Zustand, den man ausruft, sondern ein Portfolio von Entscheidungen: Wo akzeptiert man Abhängigkeit – und warum? Wo reduziert man sie – und wie? Wo investiert man in Alternativen – und mit welcher Zeitachse?
Dass sie dies nicht abstrakt belässt, sondern auf die Bundesbank selbst bezieht, ist der zweite entscheidende Zug: Der IT-Stack werde systematisch analysiert, um bewusst zu entscheiden, wo Abhängigkeiten zu verringern und wo sie beizubehalten sind. Resilienz wird so zur Frage der Systemkenntnis: Man kann nur steuern, was man sichtbar macht.
Diese Logik spiegelt sich in den Resilienzkriterien der Zukunftsmacher-Studie. Dort wird Widerstandskraft entlang von Dimensionen beschrieben, die genau diese Sichtbarkeit und Steuerungsfähigkeit voraussetzen: Smartness (Datenzugang), Resonanzfähigkeit (Signale deuten), Handlungsschnelligkeit (Umsetzung), Entschlossenheit (Investitionsmut) und Anpassungsfähigkeit (Strukturwechsel). Der Punkt ist nicht, jede Abhängigkeit zu eliminieren, sondern sie so zu managen, dass sie nicht zur Systemkrise eskaliert.
Köhler-Geib treibt den Gedanken bis in die nächste Technologiewelle: Quantencomputing, der „Q Day“, quantensichere Verschlüsselung, ein Patent der Bundesbank im „internationalen Jahr der Quantenwissenschaft und -technologie“. Die Pointe ist weniger der Zukunftsglanz als der institutionelle Mechanismus dahinter: Ein Team, Raum zum Experimentieren, dann Umsetzung in die Praxis. Resilienz, so zeigt sich, entsteht nicht aus dem richtigen Trendbegriff, sondern aus dem Übergang vom Test in die Produktion.
Finanzsystem: Neue Akteure, neue Kanäle, neue Fragilitäten
Im vierten Teil wird Köhler-Geibs Perspektive am deutlichsten als Risikocontrolling-Rede: Geopolitik und Technologie verändern nicht nur „die Wirtschaft“, sondern die Finanzarchitektur selbst – und damit die Bedingungen, unter denen Geldpolitik und Aufsicht wirken. Daraus folge ein Forschungsschwerpunkt: die „Future of Finance“.
Sie erläutert dies an zwei Entwicklungen.
Erstens: der Aufstieg der Nichtbank-Finanzintermediäre (NBFIs). Deren Bilanzsummen haben stark zugenommen; sie sind zentrale Akteure geworden. Für Zentralbanken stellt sich die Frage, wie sich diese Verschiebung auf die geldpolitische Transmission auswirkt. Köhler-Geib insistiert auf Differenzierung: Pensionsfonds reagieren anders als Hedgefonds, Geldmarktfonds anders als langfristige Vehikel. Forschung der Bundesbank deutet an, dass unerwartete Zinssteigerungen bei bestimmten Fonds stärkere Abflüsse auslösen können – ein Hinweis darauf, dass sich Fragilität in Segmenten in die Wirksamkeit geldpolitischer Impulse hineinfräsen kann. Noch sind die Befunde nicht einheitlich; gerade deshalb sei mehr Forschung nötig.
Zweitens: Krypto-Assets, insbesondere Stablecoins. Heute seien systemische Risiken begrenzt, weil der Sektor klein und wenig verflochten sei. Doch die Richtung ist klar: Stablecoins können durch wachsende Nutzung und rechtliche Klarheit relevanter werden; ihre Reserveassets verbinden das Kryptosystem mit dem traditionellen Finanzsystem. Köhler-Geib spricht das Run-Risiko an: Zweifel an Reserven können Kettenreaktionen auslösen – Notverkäufe, Abzüge, Ansteckung. Resilienz heißt hier: Verstehen, bevor die Verflechtung groß genug ist, um Schocks zu übertragen.
Und schließlich: digitales Zentralbankgeld – ein digitaler Euro für Endverbraucher und eine Wholesale-Variante. Auch hier ist der Tenor nicht visionär, sondern institutionell: Die Zentralbank gestaltet, weil sie Mandate erfüllen muss, wenn sich Zahlungsgewohnheiten und Technologien ändern.
Die gemeinsame Lehre: Resilienz entsteht nicht im Moment der Krise
Am Schluss lädt Köhler-Geib dazu ein, die Herausforderungen als Chance zu begreifen: Strukturprobleme angehen, Innovationen umsetzen, die Zukunft der Finanzwelt mitgestalten. Das klingt freundlich, ist aber im Kern eine Zumutung: Resilienz verlangt Entscheidungen, bevor man ihre Notwendigkeit „fühlt“.
Die Zukunftsmacher-Studie liefert dafür die unternehmerische Entsprechung. Dort ist Resilienz kein Etikett, sondern Ergebnis eines Systems, das fünf Kräfte bündelt: Menschen (Akzeptanz), Daten (Fundament), Plattformen (Skalierung), Agilität (Breite), Wertfokus (Richtung). Wer diese Elemente getrennt behandelt, erhält Innovation ohne Wirkung – oder Digitalisierung ohne Robustheit. Wer sie verbindet, baut ein Betriebssystem, das Schocks nicht verhindert, aber ihre Folgekosten begrenzt und Anpassung beschleunigt.
So gesehen ist Leipzig nicht nur Ort einer Bundesbank-Keynote, sondern Schauplatz einer nüchternen Diagnose: In einer Welt, in der Handel und Kapital wieder Grenzen lernen, Technologien Abhängigkeiten offenlegen und Finanzmärkte neue Ränder ausbilden, ist Resilienz die Fähigkeit, Strukturen so zu bauen, dass Zukunft nicht zur Wette wird. Das ist keine Frage des Mutes. Es ist eine Frage der Architektur – und der Bereitschaft, sie zu finanzieren.
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