X raus, TikTok rein: Die große Selbstlüge der Plattformmoral – Vorschau auf meine BloggerCamp-Session am Freitag

Die Listen sind immer glatt.

Top Ten der Weltwirtschaft, die großen, die mit den Logos, die jeder kennt, alles sauber, alles sortiert.
1990: NTT, IBM, Exxon, Banken, Öl, Telefon.
2005: andere Namen, gleiche Geste.
2020: Microsoft, Apple, Alphabet, Amazon, wieder ein Ölkonzern.
Immer dieselbe Folie in neuem Design.

Man schaut drauf und denkt:
so ist das jetzt.
So bleibt das jetzt.
Bis zum Ende der Zeit.

Dann dreht jemand am Jahrzahl-Regler, 2035, 2040, und die Hälfte dieser Logos ist weg.
Verkauft, zerlegt, skandalisiert, „transformiert“, zerbröselt in irgendwelchen Private-Equity-Speichern oder in PowerPoint-Nekrologen.

Imperien kommen, Imperien gehen.
Das ist kein poetischer Satz, das ist eine Excel-Tatsache.

Und trotzdem reden alle weiter,
als wäre „die Plattform“ eine Naturgewalt:
X, Insta, TikTok, YouTube, LinkedIn –
die fünf Säulen der digitalen Schöpfung.
Als ob diese Firmen selbst das Internet erschaffen hätten
und nicht bloß ein Interface darüber gezogen hätten.

Wie bediene ich X?
Wie hacke ich den Algorithmus?
Wie werde ich reich, indem ich mich zu Content verarbeite?

Parallel dazu, in einer anderen Etage der Bibliothek,
liegt ein Buch von Daniel Kahneman,
verstaubt in der Ecke „Verhaltensökonomie“,
und flüstert leise:

Affen mit Dartpfeilen, Leute.
Affen. Mit. Dartpfeilen.

Sie werfen blind auf Zielscheiben,
und treffen statistisch genauso gut
wie eure Chefprognostiker,
die Börsenorakel,
die Social-Media-Gurus,
die sich jeden Morgen in die Kamera schrauben
und erklären, was „jetzt funktioniert“.

Die großen Erfolgsstorys: Glück, Zufall, Marktphase.
Regression zum Mittelwert.
Der Rest: Erklärungskitsch.

Trotzdem spucken die Feeds täglich neue Gewissheiten aus:

So wächst du organisch.
So knackst du den Reach.
So strahlst du professionell und authentisch und allzeit bereit.

Es klingt souverän.
Es riecht nach Kontrolle.
Es ist im Kern: eine Beruhigungstablette gegen die Tatsache,
dass niemand weiß,
welche Plattform in fünf Jahren überhaupt noch existiert.

Während oben also die Imperien durchtauschen,
unterhalten sich unten die Leute über die richtige Hook
in den ersten drei Sekunden deines Reels.

Und dann gibt es diese eine Bühne.
Licht, Nebel, Applaus.
Auftritt: Technopelz.

Raketen im Rücken, Satellitenschrott im Orbit,
ein gekauftes Netzwerk im Sinkflug.
Der Mann in der Mitte erklärt dem Saal die Welt
und sagt das Wort: Parasit.

Der Parasit sei der, der sich festsetzt, statt zu erobern.
Der Schmarotzer.
Der Nicht-Leister, der Mitesser, der am Buffet steht,
ohne je selbst einen Herd angefasst zu haben.

Das ist die Pointe:
Jemand, dessen Firmen seit Jahren an Staatskohle,
Subventionen, Militärverträgen hängen,
wirft anderen „Parasit“ vor.

Raumfahrt mit NASA-Geld,
Elektroauto mit Förderprogrammen,
Satelliteninternet mit Militärdeals –
aber die Parasiten sind natürlich die anderen.
Die Medien, die NGOs, die Faulen,
alle, die irgendwie an seinem Stromnetz hängen.

Künstlerscherz am Rand der Geschichte.

An dieser Stelle einen Schnitt, Perspektivwechsel, anderer Denker:
Michel Serres.
Keine Keynote-Maschine, kein Meme-Gesicht.
Eher so ein leiser Hintergrundprozess.

Der nimmt sich dieses Wort „Parasit“
und dreht es einmal komplett durch den Fleischwolf der Theorie.

Biologie:
Der Parasit, der sich einen Wirt sucht,
sich einnistet, mitisst, mitlebt.

Gesellschaft:
Der Parasit als Dauergast,
der am Tisch sitzt, isst, zuhört,
ohne selbst die Rechnung zu übernehmen.

Kommunikation:
Der Parasit als Störgeräusch.
Das Knistern in der Leitung,
das Summen im Mikro,
das Rauschen im Radio,
die Unterbrechung.

Serres sagt ungefähr:
Die Macht braucht Stille.
Sie braucht saubere Kanäle, klare Signale,
einen ungehinderten Durchlauf
von Sender zu Empfänger.

Und dann kommt der Parasit.
Er setzt sich dazwischen,
isst mit, spricht mit,
stört, rauscht, knistert.
Er bringt Unordnung in die Leitung.

Das Entscheidende:
Der Parasit ist bei Serres kein moralisches Urteil,
sondern eine Dynamik.

Ohne Störung kein Wandel.
Ohne Rauschen kein neues Signal.
Ohne Mitesser keine Neuordnung der Tische.

Der Parasit zwingt den Wirt,
sich zu verändern.
Er macht aus einem scheinbar stabilen System
eine Geschichte.

Jetzt wieder Zoom-out, digitale Gegenwart.

Die Plattformen verkaufen sich als Freiheitsräume.
Global Conversation.
Jede Stimme zählt.
Creator Economy, Baby.

In Wirklichkeit sind sie Maschinen
zur Disziplinierung von Aufmerksamkeit.

Alles wird gemessen, gerankt, sortiert, optimiert.
Watchtime, Click-Through, Retention.
Was nicht in das Messraster passt,
ist Defekt, ist Rauschen, wird wegoptimiert.

Und wir:
rennen wie brave Versuchstiere durch diese Messgänge,
bauen unsere Publikationen
ins Innere dieser Labore hinein,
statt das Labor nur als Durchgangsraum zu benutzen.

Genau hier ist der Punkt, an dem der Parasit interessant wird.

Nicht als Troll,
nicht als Botfarm,
sondern als Blog,
als Newsletter,
als Indie-Web-Knoten.

Der parasitäre Blogger hängt an der Plattform,
ja.
Er nutzt ihre Leitungen,
saugt kurz Energie, Klicks, Traffic,
und verschwindet dann wieder in sein eigenes Haus.

Er schreibt zu lang für die Timeline.
Er ist nicht optimiert für die Watchtime.
Er baut Archive statt Feeds,
Serien statt Trends,
Seiten, die auch in zehn Jahren noch Sinn machen können.

Das System will Echtzeit.
Der Blog liefert Langzeit.

Das System will Signale,
sauber, zuverlässig, verwertbar.
Der Blog produziert Rauschen,
Querbezüge, Fußnoten, Umwege.

Das System will glatte Overlays.
Der Blog holt Kahneman und Serres an den Küchentisch
und fragt:
Was machen wir hier eigentlich?

Und dann diese andere Szene,
tagtäglich im Social Web zu besichtigen:

Bei X ist es einfach:
Wer bleibt, ist schlecht.
Wer geht, ist gut.
So lautet die neue Liturgie.

Du musst raus.
Du musst die App löschen,
sonst bist du Komplize.
Wer noch postet, bekommt den moralischen Elfmeterpfiff ins Gesicht:
„Wie kannst du da noch sein?!“

Und während die eine Hand
empört auf X zeigt,
tippt die andere locker auf TikTok,
dreht sich in die For-You-Page,
füttert eine Plattform,
die tief im Staatskapitalismus verankert ist.

KP China freut sich,
Daten fließen,
Aufmerksamkeit läuft –
aber pssst,
heute reden wir nur über Musk.

Wenn es nicht TikTok ist,
dann eben das Zuckerberg-Imperium.
Instagram, Facebook, WhatsApp –
die großflächige Datenverwaltungszone,
Demokratie-Desaster im Gepäck,
Überwachungsgeschichten ohne Ende.

Aber dort wird dann „für Demokratie“ gepostet,
„gegen Hass“,
„für Werte“.
Alles fein, sauber gefiltert.

So entsteht eine seltsame Moral-Landkarte:

X: die Hölle, wer bleibt, ist kontaminiert.
TikTok: edgy, jung, da muss man halt hin, „wegen der Zielgruppe“.
Meta: pragmatisch, „da sind nun mal alle“.

Das ist kein Plädoyer für Musk.
Der ist kein armes Opfer eines Missverständnisses.
Aber diese Einteilung der Welt in
Rote-Karte-Plattform hier
und ist-halt-so-Plattform da
ist intellektuell faul.

Wer ernsthaft über Ethik der Infrastrukturen reden will,
müsste die ganze Karte aufklappen:

Kapitalströme, Eigentum, Datenpolitik,
Geschichte der Manipulation,
Rolle in autoritären Regimen,
Lobbyarbeit in Brüssel und Washington.

Dann sieht man ziemlich schnell:
Es gibt kein sauberes Netz,
nur unterschiedliche Mischungsverhältnisse
von Macht, Gier, Zensur und PR.

Und genau hier
wird der parasitäre Ansatz zur Überlebensstrategie.

Nicht so tun, als gäbe es die eine heilige Plattform,
die alles richtig macht,
und die eine verfluchte,
die boykottiert werden muss.

Sondern:
Anerkennen,
dass wir uns durch ein Feld von Imperien bewegen,
die alle ihre Schatten haben.

Unsere Aufgabe ist nicht,
das jeweils aktuelle Feindbild
mit Tweets zu bewerfen,
während wir parallel
die Konkurrenzimperien füttern.

Unsere Aufgabe ist,
uns nicht von einem dieser Imperien adoptieren zu lassen.

Eigene Seite, eigenes Archiv,
eigene Infrastruktur, so klein sie am Anfang auch ist.

Plattformen als Wirte,
nicht als Tempel.

Du kannst X nutzen
und gleichzeitig wissen,
dass es ein toxischer Wirt ist.

Du kannst TikTok ausprobieren
und trotzdem sehen,
wem du da Energie schenkst.

Du kannst Meta brauchen
und parallel dokumentieren,
wie dieses System dich auswringt.

Der Unterschied liegt nicht darin,
ob du irgendwo einen Account hast,
sondern darin,
ob dein publizistisches Rückgrat
an einen Konzernserver ausgelagert ist.

Die rote Karte gehört nicht nur einem Spieler.
Das ganze Turnier ist korrupt.

Deshalb brauchst du ein Stadion,
das dir selbst gehört.

Was heißt das konkret?
Nichts Magisches, nichts Glamouröses.

Blog first, Plattform später.
Alles Wichtige zuerst bei dir.
Die Imperien bekommen nur Ausschnitte,
Teaser, Zitate, Links –
nie das Ganze.

Archiv statt Feed.
Du baust eine kleine Bibliothek,
kein endloses Scrollband,
in dem alles nach 24 Stunden wegschwimmt.

Gelassenheit statt Hype-Panik.
Mit Kahneman im Kopf:
Nicht jeder Reichweiteneinbruch
ist persönliches Versagen.
Nicht jede neue Funktionenankündigung
ist Überlebensfrage.

Und: Gemeinschaft statt bloßer Followerzahl.
Menschen, die deinem Denken folgen,
nicht nur deinem Profilbild.
Mail, RSS, Fediverse, alte Schule.
Kontaktwege, die bleiben,
wenn die nächste Plattform ihre AGB ändert
oder einfach implodiert.

Zurück zum Anfang:

Die Listen sind glatt.
Die Logos wechseln.
Imperien kommen, Imperien gehen.

Irgendwo dazwischen sitzt jemand,
schreibt,
drückt auf „Veröffentlichen“
auf der eigenen Seite,
linkt raus, rein, wieder raus,
und weiß:

Wenn mich einer Parasit nennt,
ist das vielleicht die ehrlichste Anerkennung
in diesem ganzen Spektakel.

Imperiale Plattformkaiser & parasitäre Blogs –
es ist kein Slogan,
es ist eine Arbeitsbeschreibung.

Der Wirt wechselt.
Das Rauschen bleibt.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.