Stadt statt Stillstand: Wie wir aus Krisenvierteln Zukunftsquartiere formen #NEO25

Wer heute durch eine deutsche Innenstadt geht, schaut auf zwei Städte zugleich. Da sind die Fassaden, die Platzfolgen, die Schaufenster – die sichtbare Kulisse des Alltags. Und darüber liegt eine zweite, unsichtbare Ebene: Netzabdeckung, Lieferketten, App-Ökonomie. Im Jahr 2007, als das Smartphone zum Massenprodukt wurde, war dies mehr als ein technologischer Zufall. In diesem Jahr zogen weltweit erstmals mehr Menschen in die Städte als auf dem Land blieben – ein stiller Epochenwechsel. Seither gilt die Stadt als unser eigentlicher Lebensraum: hier wohnen, lernen, konsumieren wir, hier arbeitet die Fantasie der Entwickler und der Wille der Unternehmen.

Doch wer nur auf die Downloadzahlen schaut, verkennt die Risse im Mauerwerk. Demographischer Wandel, verstopfte Verkehrsadern, Leerstand in den Erdgeschossen, ächzende Haushalte, zerfranste Nahverkehrsnetze und alternde Leitungen haben aus vielen Kommunen Räume der Erschöpfung gemacht. Die große Deregulierungserzählung der 90er Jahre hat sich im Kleinen als erstaunlich robust erwiesen: man ließ gewähren, solange der Kassenstand nicht allzu bedrohlich aussah. Heute rächt sich dieses Wegsehen.

Genau hier setzte die Session der Next Economy Open mit Gloria Göllmann an – Stadtretterin, Geschäftsführerin einer Immobilien- und Standortgemeinschaft in Solingen, Netzwerkerin aus Überzeugung. Nicht als romantische Stadtpoetin, sondern als nüchterne Praktikerin, die weiß, wie Eigentümer abstimmen, wie Satzungen geschrieben werden und wie schwer es ist, aus einem „toten“ Straßenzug wieder ein lebendiges Stück Stadt zu formen.

Die Stadt als Bilanz – und als Charakterfrage

Die ökonomische Seite der Stadt ist gut vermessen: Gewerbesteuerhebesätze, Quadratmeterpreise, Investitionsquoten, Förderprogramme. Was seltener zur Sprache kommt, ist die Charakterfrage: Wie ernst nimmt eine Stadt ihr eigenes Versprechen? Eine Einkaufsstraße ist mehr als ein Ort des Konsums; sie ist ein tägliches Volksbegehren mit Füßen. Man stimmt ab, indem man kommt – oder wegbleibt.

Göllmann arbeitet in einem Stadtteil, der alle Voraussetzungen für eine gelungene Stadtlandschaft mitbringt: vom Bahnhof bis zum Marktplatz eine durchgehende Achse, rechts und links Gründerzeitfassaden, unten Handel, darüber Büros und Wohnungen. Eine „wunderschöne Kulisse“, wie sie es nennt – und doch gezeichnet von Leerständen, nicht geregelten Nachfolgen, beginnender Verödung. pdf Die Stadt und die Zukunft

Das Entscheidende ist: Die Krise entsteht nicht erst, wenn der letzte Laden schließt. Sie beginnt bei der Gleichgültigkeit. Wenn Eigentümer nicht mehr erreichbar sind, weil Investmentvehikel in anonymen Konstruktionen Gewinne optimieren, indem sie Leerstand steuermindernd in Kauf nehmen. Wenn die Kommune Garagenhöfe genehmigt, die Fläche versiegeln, aber weder Arbeit schaffen noch Steuern einbringen. Wenn Plätze nur noch tagsüber genutzt werden, weil abends niemand mehr einen Grund hat, dort zu sein. pdf Die Stadt und die Zukunft

Dann wird Stadt zur Kulisse eines verschobenen Versprechens: gebaut für Begegnung, genutzt als Durchgangsraum.

Eigentum verpflichtet – konkret, nicht im Grundgesetzkommentar

Die Antwort der Immobilien- und Standortgemeinschaft (ISG) in Solingen ist bemerkenswert altmodisch – und gerade deshalb modern. Eigentümer eines definierten Kiezes schließen sich zusammen, finanzieren gemeinsam Maßnahmen, entwickeln eine Strategie, stimmen mit großer Mehrheit ab und unterwerfen sich damit einer selbstgewählten Disziplin. Wer nicht mitmacht, zahlt trotzdem; wer sich entzieht, schadet nicht nur sich, sondern dem Ganzen.

Hier bekommt der oft abgegriffene Satz „Eigentum verpflichtet“ wieder Substanz. Nicht als juristisches Schlagwort, sondern als tägliche Praxis: Beleuchtung, Sauberkeit, Sicherheit, Veranstaltungen, Stadtmöblierung – all das wird nicht aus dem Bauch heraus entschieden, sondern in einem Verband, der seine Straße nicht als bloße Ertragsquelle, sondern als gemeinsames Werk begreift.

Die ökonomische Rationalität dahinter ist schlicht: Nur ein lebendiger Stadtteil bindet Fachkräfte, zieht Unternehmen an, stabilisiert Mietpreise auf einem Niveau, das Investitionen lohnt, ohne Bewohner zu vertreiben. Eine Straße, die abends leer ist, verliert Wert – nicht nur in den Augen der Bewohner, sondern auf jeder ernsthaften Bilanz.

Darum ist es kein Nebenthema, wenn Göllmann vom Müll spricht, vom Plastik zwischen den Altglascontainern, von Pensionären, die samstags die Grünanlagen reinigen, ohne darüber einen Facebook-Post zu schreiben. Das ist keine Folklore, sondern die lokale Vorstufe dessen, was Standortpolitik später in Hochglanzbroschüren druckt.

Die Stadt als erweitertes Wohnzimmer

Besonders anschaulich wird es, wenn aus dem „Projekt Stadtentwicklung“ ein konkreter Raum wird: ein ehemaliges Ladenlokal, eine frühere Bäckerei, heute Ideenwerk. Hier finden Seminare statt, Gesprächsrunden, niedrigschwellige Angebote zu Zukunftsthemen, manchmal Bewegungskurse, manchmal KI-Abende, manchmal schlicht Nachbarschaft. Es ist das „erweiterte Wohnzimmer“ des Kiezes.

Ökonomisch gesehen entsteht hier jene Ressource, die in keiner kommunalen Statistik auftaucht: Vertrauen. Wer sich kennt, gründet eher einen Verein, wagt eher ein kleines Gewerbe, investiert eher in eine Ladenfläche. Wer seine Nachbarschaft nur als Geräuschkulisse wahrnimmt, verhält sich wie der typische Käufer eines anonymen Finanzprodukts: im Zweifel wird abgezogen, was sich nicht rechnet.

Die Geschichten, die Göllmann erzählt – von „Gießkannenfreunden“, die Regenwasser sammeln, um Stadtbäume zu pflegen, vom niederländisch inspirierten „onttegelen“, dem Abpflastern überflüssiger Steinflächen, vom Wettbewerb um mehr Grün vor der Haustür – sind volkswirtschaftlich betrachtet Experimente mit sozialem Kapital. Sie reduzieren kommunale Folgekosten, verbessern Mikroklima, steigern Aufenthaltsqualität – und kosten, richtig organisiert, vor allem Zeit, Zuwendung und Fantasie.

Darüber liegt wie ein stilles Gegenbild die Logik der App-Ökonomie, die 2007 begonnen hat, unsere Städte zu durchdringen. Auch sie lebt von Netzwerken, von Plattformen, von Vernetzung. Aber hier, im Kiez, wird das Versprechen materialistisch: ohne gepflegten Gehweg, ohne sichere Wege, ohne beleuchtete Fassaden und belebte Erdgeschosse bleibt jede „Smart City“ ein Marketingbegriff.

Gegen das Laissez-faire der Flächen

Es gehört zu den unbequemen Einsichten dieser Session, dass das lange gepflegte Laissez-faire der Flächenvergabe an sein Ende kommt. Wer weiterhin jede freie Brache reflexhaft als Gewerbegebiet ausweist, ohne Branchenmix, ohne Ansiedlungsstrategie, ohne Blick auf Arbeitsplätze und Steuerbasis, schafft die Garagenhöfe und Logistikwüsten von morgen.

Göllmann und Becker sprechen offen aus, was viele Kommunen nur hinter vorgehaltener Hand zugeben: Stadtentwicklung ist zu wichtig, um sie allein dem Zufall der Investitionszyklen zu überlassen. Es braucht eine gesteuerte Wirtschaftsförderung, die nicht nur Flächen verkauft, sondern Bilder eines zukünftigen Lebensentwurfs entwirft: Wo spielen Kinder? Wo begegnen sich Generationen? Wo entstehen Arbeitsplätze, die mehr sind als Schatten einer Bilanz?

Dazu gehören unbequeme Instrumente: Leerstandsabgaben, die Eigentümer zum Handeln zwingen; ordnungsrechtliche Zugriffe, die spekulativen Verfall begrenzen; politische Debatten darüber, ob Enteignung im Extremfall legitimes Mittel sein kann, um Innenstädte vor dem endgültigen Absturz zu bewahren. Solche Worte klingen nach schwerer Kost, sind aber im Kern Ausdruck eines nüchternen Gedankens: Eine Stadt, die ihren Kern verfallen lässt, verliert ihre wirtschaftliche Grundlage.

Expertenrat von unten – und das Problem der Förderkulisse

Interessant ist, wie sehr die vorgeschlagenen Lösungen das klassische Bild von „Experten“ umkehren. Gefordert wird kein weiterer Gutachterkreis aus Planungsämtern und Beratungsfirmen, sondern ein Expertenrat aus Bürgern, Kreativen, Vereinen, Geisteswissenschaftlern – ein Beirat der Stadtgesellschaft, der ins Rathaus hineinwirkt und nicht bloß bei Bürgerbeteiligungsabenden auf vorbereiteten Stellwänden seine Klebepunkte verteilen darf.

Die Verwaltung bleibt wichtig, aber sie wird nicht länger als hermetische Instanz gedacht, sondern als Partner mit eigenen Zwängen: Förderlogiken, Berichtspflichten, Prüfmechanismen. Man kann diese Maschinerie kritisieren – Göllmann tut es ausdrücklich –, aber solange sie existiert, will sie sie nicht kampflos den Routinen überlassen. Wenn Fördertöpfe schon da sind, so ihre nüchterne Folgerung, dann sollten die Städte lernen, dieses Spiel so zu spielen, dass es ihnen nützt – statt Jahr für Jahr ungenutzte Mittel verfallen zu lassen.

Das ist fern von jener naiven Technikeuphorie, die Stadtentwicklung zu einem Dashboardproblem erklärt. Es ist eher die Rückkehr eines altmodischen Gedankens: dass Politik und Ökonomie auf lokaler Ebene davon leben, dass konkrete Menschen Verantwortung übernehmen – für Straßen, für Plätze, für Häuser und die Geschichten, die in ihnen stattfinden.

Wo fängt das Neue an?

Die Ausgangsfrage der Session lautete: Wo fängt das Neue eigentlich an? Im Rückblick auf 2007 wäre eine einfache Antwort verlockend: beim Smartphone, bei der App, beim globalen Netzwerk. Doch der Vormittag mit Gloria Göllmann deutete in eine andere Richtung.

Das Neue beginnt dort, wo ein leerstehendes Ladenlokal nicht als Problem, sondern als Möglichkeit begriffen wird. Wo eine Immobilien- und Standortgemeinschaft beschließt, nicht auf die nächste Investitionswelle zu warten, sondern selbst ein Programm für ihren Kiez zu schreiben. Wo Bewohner ihren Stadtteil als erweitertes Wohnzimmer sehen und daraus den Schluss ziehen, dass man in diesem Wohnzimmer weder Müllberge noch Angsträume duldet. pdf Die Stadt und die Zukunft

Rückenwind aus der Krise kommt nicht aus der nächsten Förderrichtlinie, sondern aus der Bereitschaft, Stadt wieder als gemeinsame Sache zu begreifen. In Solingen, Oldenburg, Bonn oder Tübingen entstehen so die kleinen Laboratorien einer stillen Stadterneuerung: mit Licht, mit Bäumen, mit runden Tischen, mit Ideenwerken, mit Bürgernetzen statt bloßer Mobilfunknetze.

Die App-Ökonomie hat die Stadt in die Hosentasche verlegt. Die eigentliche Aufgabe der kommenden Jahre wird es sein, sie wieder in die Straßen zurückzuholen. Dort, wo Kinder sicher nach Hause gehen können, wo Fassaden Geschichten erzählen, wo Menschen zu Fuß unterwegs sind, weil sie sich dort zugehörig fühlen. In dieser Wiederentdeckung des Nahen liegt – unscheinbar, aber tiefgreifend – das Neue, das wirklich trägt.

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