Die Kultur der Briefe – Wirtschaftsnobelpreisträger Joel Mokyr und das unsichtbare Netzwerk des Fortschritts – Eco statt Ego

Als die Royal Swedish Academy of Sciences am 13. Oktober 2025 den diesjährigen Wirtschaftsnobelpreis verkündete, sprach Professor John Hassler vom „größten Rätsel der Sozialwissenschaften“:
Warum kam es überhaupt zu dauerhaftem wirtschaftlichem Wachstum? Die Antwort, so die Jury, liefern drei Forscher, die das Phänomen aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Philippe Aghion und Peter Howitt haben gezeigt, wie Innovation in einem Prozess der schöpferischen Erneuerung Unternehmen entstehen und verschwinden lässt – und dennoch auf gesamtwirtschaftlicher Ebene stabile Wachstumsraten erzeugt.
Joel Mokyr, Wirtschaftshistoriker an der Northwestern University, ergänzt diese Theorie um ihre kulturelle Tiefendimension: Er hat die Voraussetzungen für nachhaltiges Wachstum durch technologischen Fortschritt identifiziert – jene unsichtbare Infrastruktur des Wissens, ohne die keine moderne Ökonomie existieren kann.

„Technologischer Wandel allein erklärt kein Wachstum“, erläuterte die Jury. Denn Erfindungen gab es schon im Mittelalter – die Schwerpflugschar, der Buchdruck, die Wassermühle. Aber sie führten nicht zu einem stetigen Anstieg des Wohlstands. Erst als sich im 17. und 18. Jahrhundert ein neues Zusammenspiel aus propositionalem Wissen (dem Verständnis, warum etwas funktioniert) und prescriptive knowledge (dem Wissen, wie etwas anzuwenden ist) herausbildete, entstand jener Selbstverstärkungsmechanismus, der die Moderne trägt.

Mokyr nennt das die Geburt einer „culture of growth“ – einer Wissenskultur, die aus der Verbindung von Wissenschaft, Handwerk und sozialer Offenheit eine historische Ausnahme machte: Wachstum als Normalzustand.

Von der Innovation zur Institution

Mokyr zeigt in seiner Forschung, dass Europa zwischen 1600 und 1800 eine kulturelle Mutation erlebte.
Aus einer Welt der Geheimnisse wurde eine Welt des Teilens.
Gelehrte, Erfinder, Drucker und Mechaniker bildeten ein Netzwerk, das die Royal Society in London, die Académie des Sciences in Paris und zahllose Korrespondenzen verband. Diese „Republic of Letters“ war – wie Mokyr in seiner Schumpeter Lecture in Graz erläuterte – das erste offene Innovationsökosystem der Welt.

Es war ein Netzwerk ohne Server, aber mit Protokollen: gegenseitige Kritik, Veröffentlichungspflicht, argumentativer Respekt.
Es war meritokratisch (In der wissenschaftlichen und intellektuellen Welt des 17. und 18. Jahrhunderts zählte das bessere Argument, nicht Stand oder Titel., transparent und kooperativ) – und genau dadurch entstand der kulturelle Unterbau, den Aghion und Howitt heute in ökonomische Modelle übersetzen.

Wissen als Netzwerk

Die eigentliche Revolution lag darin, dass Wissen als öffentliches Gut begriffen wurde.
„Useful knowledge“, wie Mokyr es nennt, wurde zu einer produktiven Ressource, weil sie nicht länger in Zünften, Klöstern und Familien gehortet, sondern über Briefe, Bücher und Journals zirkulierte.

Diese frühe Form der Open-Source-Kultur war der Katalysator der Aufklärung – und der geistige Vorläufer der digitalen Wissensgesellschaft.
Die „Republic of Letters“ war das erste soziale Netzwerk Europas, eine Cloud aus Ideen und Argumenten, betrieben von Menschen, die sich auf den Austausch mehr als auf die Macht stützten.

Warum Bonn eine neue „Republic of Letters“ braucht

Wenn Joel Mokyr in Graz davon sprach, dass Fortschritt aus Offenheit entsteht, dann meinte er mehr als akademische Freiheit. Er meinte die institutionelle Fähigkeit einer Gesellschaft, Widerspruch zu organisieren. Das ist eine Botschaft, die auch für Bonn gilt – eine Stadt, die Kommunikation im Namen trägt, aber selten Orte schafft, an denen sich Wissenschaft, Politik, Kultur und Wirtschaft wirklich begegnen.

Eine moderne „Bonner Republik der Briefe“ – digital, streitbar, offen – könnte genau das wiederbeleben, was Mokyr als Triebkraft der Moderne beschreibt: den Dialog zwischen propositionalem Wissen (warum) und prescriptive knowledge (wie).

Fortschritt, so lehrt uns dieser Nobelpreis, ist kein technisches Ereignis, sondern ein kultureller Vertrag.
Und ohne eine Kultur des Wissens bleibt jede Innovation nur eine Idee auf dem Papier.

Siehe auch:

https://www.linkedin.com/pulse/die-kultur-des-wissens-warum-joel-mokyr-den-wirtschaftsnobelpreis-vj3ee

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