Der Code des Fortschritts: Ein epochales Signal bei der Vergabe des Wirtschaftsnobelpreises 2025 – Innovation als Motor des Wachstums

Mit der Vergabe des Wirtschaftsnobelpreises 2025 an Joel Mokyr, Philippe Aghion und Peter Howitt setzt das Nobelpreiskomitee ein deutliches Zeichen: In einer Zeit wachsender Sorge um Produktivität, technologische Disruption und geopolitische Bruchlinien rücken erneut jene Theorien in den Mittelpunkt, die den Wandel selbst – nicht die Stabilität – zum Fundament des Wohlstands erklären.

Der Preis würdigt zwei komplementäre Perspektiven.
Joel Mokyr, der Historiker unter den Ökonomen, hat gezeigt, dass nachhaltiges Wachstum nicht aus technischer Erfindung allein entsteht, sondern aus der Verbindung von propositional knowledge – dem Verstehen, warum etwas funktioniert – und prescriptive knowledge – dem Wissen, wie man es anwendet. Erst diese Rückkopplung zwischen Theorie und Praxis, zwischen Forschergeist und Handwerk, schafft den Nährboden für Innovationswellen, die ganze Gesellschaften verändern.

Philippe Aghion und Peter Howitt teilen sich die andere Hälfte des Preises für die Modellierung jenes Prozesses, den Joseph Schumpeter bereits Anfang des 20. Jahrhunderts in seiner „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“, skizzierte. Ihr mathematisch fundiertes Wachstumsmodell von 1992 beschreibt, wie Fortschritt aus einem permanenten Wettlauf entsteht – zwischen neuen und alten Ideen, zwischen Marktteilnehmern, die sich gegenseitig herausfordern und überholen.

Das Nobelkomitee formulierte es nüchtern:

„Sustained growth cannot be taken for granted. We must uphold the mechanisms that underlie creative destruction, so that we do not fall back into stagnation.“

Wachstum, so die Botschaft, ist kein Naturzustand, sondern ein empfindliches Gleichgewicht zwischen Dynamik und Institution.

Der neue Schumpeter: Philippe Aghion

Innerhalb des Trios verkörpert Philippe Aghion die geistige Weiterentwicklung des Schumpeterschen Denkens – nicht als ökonomisches Denkmal, sondern als lebendiges Forschungsprogramm. Aghion übersetzt Intuition in Formel, Erzählung in Systematik, Theorie in politisches Handeln.

In seinem zentralen Aufsatz „Growth and Development: A Schumpeterian Approach“ (2004) beschreibt er Wachstum als mikroökonomische Dynamik, getrieben von unternehmerischen Innovationen, die wiederum von institutionellen Bedingungen abhängen. Es ist das genaue Gegenteil der alten Kapitalakkumulationstheorien: Nicht mehr Sparquote und Investitionsvolumen erklären den Wohlstand, sondern die Fähigkeit, Wissen zu kombinieren, zu variieren, zu rekombinieren.

Innovation ist bei Aghion kein Zufallsprodukt, sondern ein kombinatorischer Akt – das Ergebnis einer Vielzahl von Experimenten, die sich an den Rändern des Wissens überlappen. Märkte sind in dieser Sicht keine Gleichgewichtsmaschinen, sondern evolutionäre Suchprozesse.

Wettbewerb als Lernprozess

Aghion zeigt: Innovierende Unternehmen schaffen sich kurzfristig Monopolgewinne. Doch diese Renten sind flüchtig, weil neue Wettbewerber mit besseren Ideen eintreten. Diese Renten-Erosion erzwingt kontinuierliche Lern- und Erneuerungsprozesse – der Motor langfristiger Produktivitätssteigerung.

Zugleich unterscheidet Aghion zwischen business stealing – dem Verdrängen von Konkurrenten – und sozialem Mehrwert. Privatwirtschaftlich mag Innovation zerstörerisch wirken, gesellschaftlich ist sie produktiv, weil sie Wissen kumuliert und verteilt. Genau darin liegt der Legitimationsgrund für staatliche Forschungsförderung und Bildungspolitik.

In seinen Modellen zeigt sich ein Balanceakt: Zu viel Regulierung erstickt Dynamik, zu wenig soziale Sicherung erzeugt Angst vor Veränderung. Aghions Politikverständnis ist kein Dogma des Marktes, sondern ein Plädoyer für „intelligente Offenheit“ – Institutionen, die Suchprozesse ermöglichen, Risiken abfedern und Irrtümer produktiv machen.

Empirie der Erneuerung

Aghions Theorien sind empirisch geerdet. Gemeinsam mit Céline Antonin und Simon Bunel wies er nach, dass Regionen mit vielen kleinen, jungen Unternehmen – jene experimentierfreudigen Ökosysteme – langfristig erfolgreicher sind als Regionen, die von großen, risikoaversen Konzernen dominiert werden.

Innovation erzeugt Bewegung – und Bewegung erzeugt Wohlstand. Nachzulesen in meiner Kolumne für Haufe New Management.

Mokyr, Howitt und die lange Linie des Fortschritts

Was Aghion und Howitt in Gleichungen fassen, hat Joel Mokyr historisch erzählt: dass Fortschritt kein Naturereignis ist, sondern ein kulturelles Projekt. Erst als Gesellschaften begannen, neues Wissen systematisch zu speichern, zu verbreiten und neu zu kombinieren, entstand die moderne Wachstumsökonomie.

Über Jahrtausende war Stillstand der Normalzustand. Erst mit der Institutionalisierung des Suchens – Akademien, Patentwesen, wissenschaftliche Gemeinschaften – wurde Wissen selbst produktiv. Die drei Preisträger schließen damit eine gedankliche Schleife: von der historischen Genesis des Fortschritts (Mokyr) über seine theoretische Form (Aghion/Howitt) bis zu seiner politischen Sicherung.

Konsequenzen für Politik und Gesellschaft

Der Nobelpreis ist nicht nur akademische Ehrung, sondern Mahnung. Er erinnert daran, dass Wachstum ein Ergebnis institutioneller Neugier ist – nicht staatlicher Routine.

  1. Wettbewerbspolitik neu denken: Alte Strukturen schützen heißt, künftige Chancen blockieren. Innovationspolitik muss Markteintritt erleichtern, nicht verhindern.
  2. Startups als Wachstumsquelle: Gründergeist ist kein Lifestyle-Phänomen, sondern makroökonomische Notwendigkeit.
  3. Sozialen Wandel flankieren: Wenn Innovation Arbeitsplätze verdrängt, braucht es Mobilität, Weiterbildung und Sicherheit – nicht Stillstand.
  4. Regionale Ökosysteme fördern: Wissen gedeiht dort, wo Universitäten, Unternehmen und Kapital in Austausch stehen.
  5. Transformation ernst nehmen: Von KI über Kreislaufwirtschaft bis zu Energiesystemen – nur offene Innovationsräume ermöglichen die Anpassung an multiplen Wandel.

Der Fortschritt als Kulturform

Indem das Nobelpreiskomitee Philippe Aghion auszeichnet, würdigt es nicht nur eine Theorie, sondern eine zentrale Botschaft: Wachstum ist eine kulturelle Praxis des Suchens.
Aghions Werk steht für ein Denken, das den Menschen nicht als Optimierer, sondern als Innovator begreift – als Wesen, das aus Irrtum und Zufall neue Kombinationen schafft.

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